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Ewig grüsst das Brillenschaf

Schafzüchter im Villnösstal

Der Geruch von warmer Erde, das goldfarbene Weinlaub an den sorgfältig terrassierten Hängen des Eisacktales, der Ball der Freiwilligen Feuerwehr mit unglaublich lauter Quetschkommodenmusik – das sind meine frühen Erinnerungen an Südtirol. Manches verschweigt man lieber, denn wir waren vierzehn, eine beinahe reine Mädchenklasse. Heimlich rauchen, mit der Dorfjugend plänkeln und an den ersten Gläsern Wein nippen gehörte dazu – denn damals galt vergorener Traubensaft noch als Kulturgut, nicht als Alkohol. Zwei Wochen dauerte unser Schullandheimaufenthalt in Gufidaun im Eisacktal.

40 Jahre ist das her und nun bin ich wieder hier, in dem kleinen Dorf mit dem seltsamen Namen. Es ist Spätherbst, der dicke Nebel lässt keinen Sonnenstrahl durch, aber die Bilder von damals erstrahlen umso deutlicher.

Eine eigenartige Schafrasse

Unsere Dreharbeiten im Villnößtal gleich hinter Gufidaun führen uns ebenfalls in die Vergangenheit. Günther Pernthaler will uns seine Brillenschafherde zeigen. Eine eigenartig gefärbte, ramsköpfige Schafrasse, die schon fast ausgestorben war und jetzt von einheimischen Züchtern „wiederbelebt“ wird.


Klara Pernthaler, die 77jährige Mutter des Züchters, zeigt uns, wie man früher Schafe geschoren hat:  Mit der großen Schere, immer direkt an der Haut, muss die Wolle abgetrennt werden, sonst gibt es zu viel Schwund. „Die Wolle war ja wertvoll“, erklärt die rüstige Dame mit den kräftigen, geschickten Händen. Denn damals, sagt sie, habe man diese Dinge ja viel mehr geschätzt als heute. Nach drei Mal anziehen gleich wegwerfen, wie es die Jungen heute machen, oder Socken mit Löchern in den Müll entsorgen statt die Löcher zu stopfen – das gab es früher nicht. Damals gab es auch keine Billigklamotten, mit denen die Modediscounter heute den Markt überschwemmen – hergestellt unter oft ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Klara Pernthaler trägt eine graue, grob gestrickte Wolljacke und ist sorgfältig frisiert – wunderschön sieht sie aus. Doch es ist nicht nur ihr Anblick, der mich rührt, es ist ihre Haltung. Sie verurteilt nicht, räumt ein, dass es die Jungen ja heutzutage auch nicht leicht haben. „Aber ich kann ja sparen, soviel ich möchte! Ich kann mit meinen Kleidern sparen und mit meiner Rente.“ Sparen und bewahren als Luxus.

Stricken als Glücksmoment

Zu Klara Pernthalers Glücksmomenten gehört das Stricken. Sie bewegt die Hände als stricke sie, während sie mir von der Befriedigung erzählt, ein selbstgefertigtes Kleidungsstück zu tragen. Nicht dass früher alles besser war: “Meine Brüder, alle sechs, haben Hosen aus Lodenwolle getragen, ohne Unterwäsche!“ Kratzige Wolle auf nackter Haut – welche Mutter würde ihrem Kind das heute zumuten? Aber die Wolle der Brillenschafe wird heute wieder zu wertvollen Produkten verarbeitet, nachdem man sie bis vor kurzem einfach entsorgte, weil damit kein Profit zu erzielen war. Es fühlt sich gut an, mit Klara Pernthaler über den Wert der einfachen Dinge zu sprechen, unter dem steten, schwarz geränderten Blick der Brillenschafe. Und für einen Augenblick reißt der Himmel auf und am gegenüberliegenden Hang erstrahlt das Weinlaub in strahlendem Goldgelb.



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