Gar keine echte Reliquie?

"Volto Santo" gleicht "Jesus-Passbild" nur entfernt

Mit den Mitteln der Phantombilderstellung soll das wahre Bild Christi nachgezeichnet werden. Grundlage sind Dutzende von Jesus-Darstellungen aus allen Jahrhunderten. Die Porträts werden auf anatomische Muster reduziert, die allen Darstellungen gemeinsam sind. Das gewonnene Urbild ist nur ansatzweise mit dem "Volto Santo" zur Deckung zu bringen.

"Bereits 1440 gab es einen Versuch, das Christusporträt zu rekonstruieren. Jan van Eyck wollte ein Passbild Christi herstellen, auf der Basis dessen, was über sein Aussehen überliefert ist," berichtet Prof. Gerhard Wolf vom Kunsthistorisches Institut in Florenz.

Die Rekonstruktion des Jesus-Bildes gründete auf einem alten Dokument. Eine Beschreibung Jesu, die ein römischer Statthalter in Judäa namens Publius Lentulus verfasst haben soll. Einen Statthalter mit Namen Lentulus hat es aber nie gegeben, und der nach ihm benannte Brief erwies sich als Fälschung.

Jesus oder Raffael?

Es kamen Zweifel auf, ob es sich beim Heiligen Antlitz von Manoppello überhaupt um jenes von Jesus handeln könne. Nicht allein die Herkunft des Bildes, auch die Identität der dargestellten Person wird in Frage gestellt. Es könnte sein, dass es sich um den Renaissancemaler Raffael handelt. Kann es sein, dass sich die Verehrer des "Volto Santo" vor dem Porträt eines Künstlers bekreuzigen? Enthält das Heiligtum von Manoppello gar keine echte Reliquie? Sind es in Wirklichkeit eigentlich die Züge Raffaels, die auf dem Tuchbild zu sehen sind, und nicht die von Jesus Christus?

Diese These stützt sich auf ein Buch, das der Kunsthistoriker Giorgio Vasari im Jahre 1568 veröffentlicht hatte. Darin wird ein Porträt Raffaels erwähnt, das der deutsche Maler Albrecht Dürer angefertigt hatte - auf feinstem Tuch, durchsichtig, und von zwei Seiten aus zu betrachten - wie der "Volto Santo".

"Beweisbasis sehr dünn"

Prof. Gerhard Wolf hät diese These für schwer beweisbar: "Mir scheint der Anhaltspunkt, aus dieser Textstelle nun unmittelbar einen Bezug zu Manoppello oder umgekehrt herauslesen zu wollen, doch methodisch ziemlich kühn und die Beweisbasis doch etwas dünn. Aber die Datierung in die Zeit Dürers, und darum geht es ja, halte ich für gut. Ich glaube nur nicht, dass es ein Bild eines deutschen Malers ist."

Der Text aus dem 16. Jahrhundert enthält noch einen anderen, vielleicht entscheidenden Hinweis. Das Material des Tuches bezeichnet er als "bisso". Und mit "bisso" wird durchweg Muschelseide identifiziert, ein Stoff aus dem Meer.

Muschelseide als Trägermaterial?

Ist die Muschelseide der Schlüssel zur Herkunft des Tuches von Manoppello? Die Fundorte von Muschelseide sind äußerst selten. Ihr äußerst feiner Glanz machte sie zu einem der teuersten Stoffe der Antike. Mit einem einfachen Experiment will Kunsthandwerkerin Chiara Vigo klären, ob sich Muschelseide färben lässt und damit als Material in Frage kommt.

Purpur-Tinktur auf Muschelseide

Die Seide wird mit einer Tinktur aus Purpur bemalt. Die Schriftzeichen verblassen auf der Muschelseide, kaum, dass sie aufgetragen wurden. "Weniger als eine halbe Minute dauert das. In dem Moment, in dem man die Farbe aufbringt, beginnt sie schon wieder zu verschwinden", erklärt Chiara Vigo, eine der wenigen, die auch heute noch mit Muschelseide arbeiten.


Trotzdem schließt die Kunsthandwerkerin nicht aus, dass Muschelseide als Trägermaterial für den "Volto Santo" in Frage kommt: "Aus meiner Sicht gibt es den "Volto Santo", weil der Herrgott das so will. Warum soll er dazu keine Muschelseide verwendet haben? Weil man sie nicht färben, vielleicht auch nicht bemalen kann? Ist das ein Problem? Für uns vielleicht, aber nicht für den großen Chef da oben!"

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