Geduld und Präzision

3D-Kameramann Dirk-Martin Heinzelmann über das Drehen der Zeitraffer

Die Zeitraffer sollen in der Vorstellung des Regisseurs Jens Monath Übergänge zwischen den Kletterszenen eröffnen und den Einfluss der Natur auf das menschliche Streben verdeutlichen. Für den 3D-Film ging es nun darum, Berge, Wolken und andere Elemente optimal im 3D-Raum zu positionieren - eine aufwändige Detailarbeit, die vor allem durch das unwegsame Gelände erschwert wurde.

Michael Hermann mit Zeitraffer-Kamera
Michael Hermann mit Zeitraffer-Kamera Quelle: Dirk-Martin Heinzelmann

Für den richtigen Abstand der beiden Kameras zueinander muss die Entfernung zum Objekt bekannt sein. Nur so lässt sich die Tiefenstaffelung steuern. Dabei gilt: Je weiter entfernt das Ziel, desto weiter kann auch der Augenabstand gesetzt werden. Doch bei großen Distanzen in unwegsamen Gelände sind diese Parameter nicht immer leicht zu ermitteln.

Bloß keine Scheinfensterverletzung!

Im Vorfeld testeten der Stereograph Michael Hermann und ich daher verschiedene Zusammenstellungen des Equipments im Münchner Stadtbild. Während im Stadtbild mit Hilfe von Google- Earth Entfernungen sehr gut eingeschätzt und in die Berechnungen der Stereobasis einfließen können, erwiesen sich die Erfassung von Distanzen in der Bergwelt als wesentlich schwieriger. Topographisches Kartenmaterial und Trigonometrie helfen hier zwar theoretisch. In der Praxis erwiesen sich aber die Überprüfung mit einem 3D-Laptop als sicher und zeitsparend, um das Tiefenbudget voll zu nutzen.

Dirk-Martin Heinzelamann mit Laptop
Dirk-Martin Heinzelmann mit Laptop Quelle: Michael Hermann

Wolken, plötzliche Nebelfelder und Baumgruppen im Vordergrund in nur wenigen hundert Metern Entfernung sollten aus dem Scheinfenster treten, aber keine Verletzungen verursachen. Auf Bergkuppen erwies sich der zerklüftete Untergrund als Hindernis, wenn es darum ging, die beiden digitalen Spiegelreflexkameras auf gleiche Höhe und die errechnete Distanz zu bekommen. Jeder Arbeitsschritt führte an Spalten und Abgründen entlang, verbrauchte Zeit und forderte völlige Konzentration nach beschwerlichem Aufstieg.

Viel Detailarbeit in der Nachbearbeitung

Alle Bildsequenzen wurden in höchster und gleichzeitig in einer niedrigen Auflösungaufgenommen - einer Art Arbeitsversion für die Arbeit im Schneideraum. Erst nachdem alle Bearbeitungsschritte vorgenommen waren wurden die Originaldateien in voller Auflösung berechnet. Dadurch ließen sich zum Beispiel Zoomfahrten in die Bilder umsetzen. Ein Terabyte Daten sammelten sich, was in der Postproduktion zu einem enormen Rechenaufwand führte, um die finalen Sequenzen zu rendern. Der große Dynamikumfang der Fotografien und die Farben mussten in ein mit herkömmlichen Videoformaten kompatibles Datenformat überführt werden.

Wir arbeiteten nicht nur mit Kameraabständen von über zehn Metern, um auch weite Landschaften in ihrer Dreidimensionalität zu erzählen, sondern verwendeten auch ein Timelapsedolly . Eine Art Schlitten, der die Kameras in einzelnen, kleinen Schritten nach jeder Auslösung weiter transportierte. Auf diesem Schlitten wurden die Kameras in Entfernungen zwischen 18 und 40 Zentimeter montiert, um Zeitrafferfahrten vor Objekten wie zum Beispiel Bäumen und Blumen in mittlerer Entfernung zu realisieren. Dadurch ergab sich eine zusätzliche Möglichkeit, die Perspektive während der Zeitraffer zu verändern. Im Gegensatz zu einer nachträglichen Zoomfahrt, bei der sich ja nur der Ausschnitt, nicht aber die Perspektive verändert.

Checkliste für die Detailarbeit

Eine Parallelfahrt an einer Felswand wurde auf diese Weise sogar mit nur einer Kamera ausgeführt. Aus der entstandenen Bildsequenz wurden einfach die passenden Bildpaare mit entsprechendem zeitlichen Versatz aus der Parallelfahrt zusammengeführt. Ein Trick, mit dem sich praktisch jede 2D-Aufnahme in ein 3D-Bild verwandeln lässt. Es bedarf nur einer parallelen Bewegung, relativ zum aufgenommenen Motiv. Mit dem Timelapsedolly war es auch möglich, Fahrten zu verschieden Tages- und Lichtstimmungen zu wiederholen und die Sequenzen in der Postproduktion ineinander zu verschmelzen. Eine Herausforderung bestand darin, die Belichtungseinstellungen so zu wählen, dass auch starke Lichtwechsel das Resultat nicht verderben.

Michael Hermann und ich arbeiteten eine Checkliste ab, um den Arbeitsablauf frei von Fehlern zu halten: zunächste Stereoberechnungen, Auschnittfindung, Festlegung des Konvergenzpunkts und Höhenüberprüfung. Dabei mussten vor allem Geometriefehler ausgeschlossen werden. Dann betrachteten wir die ersten Testbilder auf dem Laptop im Stereobetrachter und nahmen eine letzte Visualisierung mit den Shutterbrillen vor. Dabei saß uns immer die Zeit im Nacken, weil eine Landschaft genau zu dem Zeitpunkt am schönsten ist, an dem wir noch emsig Parameter optimierten. Wurde die Sequenz einmal ausgelöst, trat unbeschreibliche Ruhe ein, die Sinne konzentrierten sich auf Wolkenformationen, den Sonnenuntegang, den sich verfärbenden Himmel und das überwältigende Lichtspiel auf Steilwänden. Wer den Film sieht, wird diese Bilder ebenfalls genießen können - am schönsten natürlich in 3D.

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