Geliebter Führer Kim Jong Il?

Nordkoreas bizarres Oberhaupt

Über Nordkorea, das Land hinter dem letzten Eisernen Vorhang der Welt, weiß man nur wenig. Noch weniger weiß man über seinen Staatschef Kim Jong Il. Und was aus dem isolierten Staat nach außen dringt, stammt aus der Feder des Propagandaapparats. Alles andere sind Gerüchte.

Kim Jong Il, der "geliebte Führer" und geniale Militärstratege, gesegnet mit einer außergewöhnlichen Intelligenz, ein Genie in Literatur und Kunst, Komponist zahlreicher Opern und begnadeter Golfspieler - das Loblied der Koreaner auf ihren Führer könnte endlos weitergehen. Am 16. Februar 1942 soll er in einem antijapanischen Widerstandslager am Berg Paektu geboren sein, angekündigt von einem doppelten Regenbogen und einem "heiligen Stern". So steht es in den Schulbüchern Nordkoreas.

Westliche Quellen behaupten, der Diktator sei nicht am Ende des Regenbogens, sondern im sowjetisch-sibirischen Exil, in der Provinz Chabarowsk zur Welt gekommen. Und das schon im Jahr 1941. Kim Jong Il ist ein Phantom, gesichertes Wissen über den Diktator aus Nordkorea ist Mangelware.

Gefährlichster Machthaber der Welt

So viel aber steht fest: Kim Jong Il ist das Oberhaupt einer bis an die Zähne bewaffneten Nation. Bei gerade mal 20 Millionen Einwohnern hat Nordkorea eine Armee von rund 1,1 Millionen Mann und weitere 4,5 Millionen Reservisten. Und: Nordkorea will Atomwaffen bauen - nach eigener Aussage zum Schutz gegen den feindlichen Westen. Auf das Konto des Regimes geht vermutlich ein Terroranschlag auf 17 Regierungsvertreter Südkoreas und das Attentat auf einen südkoreanischen Passagierjet, bei dem 130 Menschen starben.

Darüber hinaus soll sich die Regierung an der organisierten Geldwäsche beteiligen, Beziehungen zu Drogenhändlern, Autoschmugglern und Waffenexporteuren in aller Welt unterhalten - das behauptet der südkoreanische Geheimdienst. Politischer Widerstand existiert im Einparteienstaat nicht. Abweichler werden in politische Arbeitslager gesteckt, die eigenen Parteikollegen von Kims Geheimpolizei überwacht. Das alles macht ihn zu einem der gefährlichsten Machthaber der Welt. In seiner Amtszeit als US-Präsident reihte ihn George W. Bush in die "Achse des Bösen" ein.

Außenpolitisches Vor und Zurück

Kim Jong Ils außenpolitischer Kurs ist ein ständiges Vor und Zurück. Ständig weckt er die Hoffnung auf Annäherung - zum Westen, genauso wie zu den Nachbarn aus Japan und Südkorea. Doch diese werden immer wieder enttäuscht: Im Sommer 2000 kommt es zu dem lang ersehnten Treffen zwischen Nord- und Südkorea. Die beiden Staaten, die sich seit 1953 offiziell im Krieg befinden, unterzeichnen eine gemeinsame Versöhnungserklärung. Ein Meilenstein. Wenig später wird bekannt, dass rund 100 Millionen US-Dollar geflossen waren, um Kim Jong Il an den Verhandlungstisch zu bewegen. 2002 straft Kim Jong Il die Gutgläubigkeit der Südkoreaner weiter: An der umstrittenen Seegrenze im gelben Meer greift er südkoreanische Schiffe an.

Ein anderes Beispiel, dieselben zwei Gesichter des Diktators: Nachdem er 2002 die Inspekteure der internationalen Atomenergiebehörde aus dem Land gejagt und den Atomwaffensperrvertrag aufgekündigt hat, unterzeichnet er den Vertrag 2005 erneut und erklärt auf den Bau von Nuklearwaffen zu verzichten. Davon unbeeindruckt testet Nordkorea 2006 eine Atombombe. 2010 startet Nordkorea einen Raketenangriff auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong - die Bemühungen um einen diplomatischen Dialog schlägt Kim in den Wind.

Nordkorea am Boden

Die militärischen Scharmützel sind womöglich nur Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Problemen des Landes. Nordkoreas Wirtschaft liegt am Boden. Der Isolationskurs Kim Jong Ils, der auf völlige wirtschaftliche Unabhängigkeit setzte ("Juche"), wurde aufgegeben. Seither bestehen zwar Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und der Volksrepublik China, doch Flutkatastrophen und Dürreperioden haben das Land erneut zurückgeworfen. Nach Angaben der Welthungerhilfe sollen in den letzten Jahrzehnten tausende Menschen verhungert sein, hunderttausende Nordkoreaner leiden an Unterernährung. Nahrungsrationen bleiben aus, die Menschen halten sich mit Nahrungsergänzungsmitteln und einem Gemisch aus Brei und Gräsern, am Leben.

Hilfslieferungen aus dem Ausland werden von Kim Jong Il abgelehnt oder mit politischen Auflagen versehen. Der Diktator selbst soll über ein gewaltiges Vermögen verfügen, verteilt auf Konten in der Schweiz, Österreich und Hongkong. Während sein Volk Hunger leidet, vergnügt sich der Diktator in einem seiner dutzend Paläste und lässt sich von einem Wohlfühlteam verwöhnen. Eine Gruppe von 2000 eingezogenen Damen zur "Garantie der Langlebigkeit des großen Führers", die ihm als Tänzerinnen, Masseusen und für sonstige Dienste zur Verfügung stehen, behauptet der Geheimdienst aus dem Süden Koreas.

Der Lebemensch Kim Jong Il

Ohnehin gilt der gerade mal 1,60 Meter große Kim, der ausschließlich in khakifarbenem Overall, Absatzschuhen und hochtoupierter Tolle auftritt, als ausgiebiger Lebemensch. Seine Domizile in Pjöngjang sind wahre Erlebniswelten mit Golfplatz, Schießanlage, Kino und Garagen voller Luxuslimousinen. Ihm wird eine Schwäche für Cognac, amerikanische Spielfilme und leichte Damen nachgesagt.

Mehr als neun Kinder soll er aus unehelichen Beziehungen haben. Verheiratet war Kim bislang vier Mal: Mit einer Kommilitonin, einer Schauspielerin, einer japanischen Tänzerin und seit 2006 mit seiner langjährigen Sekretärin.

Personenkult der Kim-Dynastie

Davon weiß das nordkoreanische Volk nichts. Es passt nicht in die Verehrungspropaganda des "geliebten Führers" - eine nahtlose Fortsetzung des Personenkults, der schon um seinen Vater Kim Il Sung vorgeherrscht hatte. Der Staatsgründer und Widerstandkämpfer Kim Il Sung gilt bis heute als "ewiger Präsident" der Nation und wird vom Volk beinahe wie ein Heiliger verehrt. Nicht zuletzt war es Kim Il Sung, der die Karriere seines Sohnes sukzessive gefördert hat.

1961 wird Kim Jong Il Mitglied der Partei der Arbeit Koreas (PdAK) . Nach einem Studium der politischen Ökonomie arbeitete er lange Zeit als Privatsekretär seines Vaters. Ab 1979 wird Kim systematisch in den Personenkult um seinen Vater einbezogen und als kommender Führer aufgebaut. 1991 übernimmt er das Oberkommando über die Armee. Als Kim Il Sung 1994 stirbt, übernimmt Kim Jong Il. Seither ist Kim Jong Ils Geburtstag der höchste Feiertag im Land.

Der scheidende Diktator?

Ob Kim Jong Il noch viele dieser Feiertage erleben wird, ist fraglich. Es mehren sich die Anzeichen, dass sich sein Gesundheitszustand extrem verschlechtert hat. Jüngste Bilder zeigen einen sichtlich gealterten und abgemagerten Kim Jong Il. 2008 soll er einen Schlaganfall erlitten haben. Auch dafür gibt es keine Bestätigung, nur ein Dementi der Partei. Dennoch scheint bereits ein Nachfolger festzustehen: Kims dritter Sohn Kim Jong Un. Auch über ihn weiß man so gut wie nichts. Festzustehen scheint aber: Nordkoreas Kim-Dynastie wird auch in der dritten Generation fortgesetzt.

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