"Hier begann mein zweites Leben"

Mit Bergarbeiter Mario Gómez zurück an der Mine

Es ist schon Nachmittag und die Sonne steht hoch am Himmel, als ich mit Mario Gómez zur Mine San José fahre. Es ist derselbe Weg, den er jahrelang jeden Morgen zurückgelegt hat: von dem Bergarbeiterstädtchen Copiapó eine gute Dreiviertelstunde durch die Atacama-Wüste, auf sandverwehten Asphaltpisten, die irgendwann in Schotterwege übergehen.

Mario Gómez blickt aus dem Fenster. 63 Jahre ist er alt. Er hat schon viel gesehen - mit 12 Jahren arbeitete er zum ersten Mal in einer Mine. Er war der Älteste der 33 verschütteten Bergleute. Jetzt sieht er die Wüste und denkt an den 5. August 2010, an den Tag des Einsturzes.

Eigentlich wollte er an diesem Tag seine Rentenpapiere einreichen, das hatte er mit seiner Frau besprochen. Er entschied sich anders: "Ich konnte mir nicht leisten auszufallen", sagt er. Starr blickt er auf die Dünen, die an ihm vorbeifliegen.

Fast stündlich geschaltet

Auch ich kenne den Weg zur Mine San José noch aus dem vergangenen Jahr. Im September und Oktober 2010 verbrachte ich mehrere Wochen hier und berichtete über die dramatische Rettung der 33 eingeschlossenen Bergleute. Als Mario Gómez und seine Kollegen nach 70 Tagen in 700 Metern Tiefe aus der Rettungskapsel stiegen, stand ich nur wenige Meter entfernt und berichtete fast stündlich in Live-Schalten für die Nachrichten des ZDF.


Jetzt kehren wir beide an die Mine zurück. Kaum etwas ist geblieben vom "Campamento Esperanza", vom Camp der Hoffnung, wo die Familien über zwei Monate warteten und hofften. Nur ein paar angemalte Steine sind noch da und einzelne Fähnchen. An einer einsamen Schranke sitzen zwei Polizisten, die den stillgelegten Minenbereich bewachen.

"Aber das ist Mario Gómez"

"Sie dürfen hier nicht weiter", sagt der Polizist, als wir aus dem Wagen steigen. "Aber das ist Mario Gómez, einer der 33", sage ich. "Guten Tag, Don Mario", sagt der Polizist, etwas zu ehrfürchtig. Ich erkläre, dass wir gerne direkt an der Mine ein Interview mit Mario Gómez drehen würden. Nach längerem Hin und Her dürfen wir passieren. "Ich war letztes Jahr auch hier eingesetzt", sagt der Polizist. "Ich war hier, als die Familien 17 Tage lang nicht wussten, ob ihre Männer leben oder nicht. Es war eine sehr emotionale Zeit."

Noch immer bewegt das Schicksal der 33 nicht nur die Menschen in Chile. Geschätzt eine Milliarde Zuschauer in aller Welt verfolgten im Fernsehen und im Internet die 24-stündige Rettungsaktion. In den vergangenen Monaten wurden die 33 Bergleute rund um den Globus geflogen, um ihre Geschichte zu erzählen. Einige von ihnen leben zurzeit sogar davon. Gemeinsam haben sie einen Vertrag mit Hollywood gemacht.

Hunger, Verzweiflung, Ungewissheit

Für "Das Wunder von San José" haben wir im April 2011 zwei Wochen lang in Chile gedreht, mit fünf der Bergleute lange Interviews geführt. Auch den chilenischen Bergbauminister und den Leiter des Rettungsteams bekamen wir vor die Kamera.

Das emotionalste Interview war das mit Mario Gómez. Er erinnerte sich für uns an die dramatischsten Momente in der Mine. An den Hunger, an die Verzweiflung in den ersten 17 Tagen in Ungewissheit, an die unbeschreibliche Freude, als sie gefunden wurden. Er erzählt von den Briefen seiner Familie und vom Tag seiner Rettung. Und dass er noch heute viele Alpträume hat.

"Ich dachte, das sei das Ende"

Jetzt steht er am Eingang der geschlossenen Mine, dort, wo er an jenem Tag eingefahren ist, mit seinem Pickup-Truck. Neun Kilometer ist das Tunnelsystem lang, es geht hinab bis in eine Tiefe von über 700 Metern. An den Moment des Einsturzes erinnert sich Mario Gómez genau. Überall um ihn herum fielen Gesteinsbrocken von der Decke: "Ich dachte, das sei das Ende", sagt er. Dass die Mine gefährlicher war als andere, wusste Mario Gómez. Deshalb verdiente er auch mehr.

Noch nie wurden verschüttete Bergleute nach so langer Zeit aus so großer Tiefe gerettet. Es war eine technische Meisterleistung, eine unglaubliche Geschichte, eine Tragödie mit einem überglücklichen Ende. Und ein Schicksal, das jeder tagtäglich verfolgen konnte. Die 33 filmten sich und ihr Leben in der Mine und wurden somit zu den berühmtesten Bergleuten der Welt. Erst am 13. Oktober 2010, nach 70 Tagen, wurden sie gerettet.

"War das hier?"

Wir gehen ein paar Schritte weiter. Dorthin, wo die Bergarbeiter aus der Rettungskapsel stiegen. Der Weg geht etwas bergauf, Don Mario kommt sofort in Atemnot. Er leidet an Silikose, hat eine Staublunge, nach Jahrzehnten in der Mine. Gerade hat er ein Atemgerät gespendet bekommen. Wie es für ihn persönlich weitergeht, weiß er nicht. Er hofft auf Entschädigungszahlungen. Er will sich für mehr Sicherheit in Chiles Minen einsetzen. In einer Mine arbeiten möchte er nicht mehr. Über dem damaligen Rettungsschacht liegt jetzt ein großer Betonklotz. Mario Gómez erkennt nichts wieder: "War das hier?", fragt er ungläubig. "Ja", sage ich, und zeige auf eine Anhöhe direkt gegenüber. "Und dort standen wir Journalisten und haben berichtet."

Wir lassen ihn einen Moment allein an der Stelle, wo sein zweites Leben begann, wie er sagt. Nur unser Kameramann macht ein paar Bilder. Mario Gómez zurück an der Mine San José. Von weitem sehe ich ihn dort stehen, genau dort, wo die Kapsel herauskam, die Kamera kreist um ihn herum. Später, als ich im Schnitt unsere Aufnahmen durchgehe, merke ich, dass Mario Gómez in diesem Moment geweint hat.




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