"Ich hätte genauso gehandelt"

Die Autoren über ihre Kunduz-Recherchen

Fast zwei Jahre ist der Luftschlag von Kunduz jetzt her - zwei Jahre, die die Sichtweise von Beteiligten und Beobachtern zum Teil geändert und zum Teil zementiert haben.

NATO-Experten untersuchen Tanklastzug
NATO-Experten untersuchen Tanklastzug Quelle: dpa

Respekt auch von Kritikern

Besonders auffällig ist die bis heute unnachgiebige Haltung des ehemaligen Verteidigungsministers Franz-Josef Jung. Damals musste er für seine Leugnung der zivilen Opfer des Luftschlages als Minister zurücktreten. An seiner Haltung, sich vor den Befehlsgeber, Oberst Klein, zu stellen, hat das nichts geändert. Inzwischen ist er nur noch einfacher Abgeordneter. "Er muss unsere Soldaten schützen, denn was wäre hier losgewesen, wann da 60 Soldaten ums Leben gekommen wären?", verteidigt er bis heute Kleins Befehl. Jung nimmt die Rolle des politisch Verantwortlichen an. Kein Wegducken, kein Zögern bei den Antworten. Niemand soll ihm nachsagen können, er würde sich jetzt hinter Klein verstecken. Und so unterstützt er nicht nur Klein, sondern setzt noch einen obendrauf, wenn er sagt: "Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich genauso gehandelt."
Dass Oberst Klein nach seinem verhängnisvollen Befehl die gesamte Verantwortung übernommen hat, nötigt auch seinen Kritikern Respekt ab. Omid Nouripour, grüner Verteidigungspolitiker und Mitglied des Untersuchungsausschusses zum Luftschlag, beschreibt Klein als aufrechten Offizier. Als einen Menschen, der sich seiner Rolle und Verantwortung sehr bewusst ist. Nouripour sitzt mit seinem Büro in einem der schmucklosen Nebengebäude des Reichstages.

Fast wie Verständnis

Wie sehr ihn der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr beschäftigt, ist an den Einrichtungsgegenständen zu sehen: hinter seinem Schreibtisch eine überdimensionale Afghanistan-Karte an der Wand. Im Interview sagt er über Klein: "Er wirkte wie ein Mann, der sehr genau wusste, dass er Fehler gemacht hat, und sehr genau auch wusste, dass das verheerende Konsequenzen hatte, was er für eine Fehlentscheidung getroffen hatte." Aber er habe aber nicht versucht, irgendetwas davon zu vertuschen oder unter den Teppich zu kehren. "Klein war nahezu mürbe gemacht worden von den Aufständischen. Das ist eine Situation, die menschlich brutal ist und die ich niemandem wünsche. Und ich kenne auch niemanden, der ernsthaft sagen kann, ich hätte in der Situation alles richtig gemacht."
Die Worte Nouripours hören sich fast an wie Verständnis für den Offizier, dessen Befehl zum "Ende einer Illusion der deutschen Gesellschaft", so Nouripour, geführt hat. Auch Jonathan Göllner, der Militärpfarrer, der im Sommer 2009 in Kunduz war, stellt in seiner Erinnerung die menschlichen Qualitäten von Oberst Klein heraus. Getroffen haben wir ihn in Stadtallendorf, einer Kleinstadt in Mittelhessen mit langer Bundeswehrtradition. Göllner ist hier Militärpfarrer. Im Einsatz ist er Geistlicher, Freund und Zuhörer für die Soldaten - so eine Art Kummerkasten mit Ratgeberfunktion, erzählt er im Interview in der Stadtkirche von Stadtallendorf.

"Auf ein Luftbild verlassen"

Er habe den Obersten "als einen sehr ernsthaften, sehr überlegten Menschen mit hohen ethischen Maßstäben und Prinzipien erlebt". Genau das Gegenteil davon, wie Klein später in den Medien dargestellt wurde. Kein Hasardeur oder Draufgänger, keiner, der erst schießt und dann fragt. Klein habe am 4.September 2009 eine Entscheidung getroffen, die im Sinne der Soldaten war. "Es gab eine große Geschlossenheit innerhalb des PRT Kunduz, Solidarität mit dem Kommandeur, mit Oberst Klein", berichtet er über die Tage nach dem Luftschlag. Der Grundtenor war eindeutig: "Wir stehen zum Kommandeur."
Der Militärexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Markus Kaim, kritisiert, Klein habe sich auf ein Luftbild verlassen, das nicht genau, und eine Quelle, die nicht sicher gewesen sei. "Eine solche menschliche Quelle ist sehr hoch einzuschätzen, prinzipiell. Entscheidend ist die Frage, wie zuverlässig ist diese in dem konkreten Einzelfall gewesen. Ich glaube, da muss man ja mittlerweile einige Fragezeichen machen", so Kaim.

Er beobachtet den Afghanistan-Einsatz seit Jahren aus der Sicht der Wissenschaft. Eins sei dabei inzwischen ganz klar: "Lange Zeit haben wir geglaubt, und die Politik hat dieses Bild auch gepflegt, dass die Bundeswehr eine Kraft des Guten in der internationalen Politik sei, mandatiert durch die Vereinten Nationen, friedvolle Einsätze durchführen würde. Diese Legende war nach Kunduz nicht mehr aufrecht zu erhalten." Der Luftschlag von Kunduz war ein Wendepunkt im deutschen Afghanistan-Einsatz.

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