Im Fokus des Ost-West-Konflikts

Nato-Doppelbeschluss veränderte Mutlangen

Es war eine Entscheidung, die Friedensbewegte in Deutschland auf die Straße trieb: Der Nato-Doppelbeschluss. Im beschaulichen Mutlangen ahnte damals niemand, dass die kleine Gemeinde im baden-württembergischen Ostalbkreis als Stationierungsort der Pershing-II- Atomraketen zum Symbol des gewaltfreien Widerstands werden sollte.

"Gemeinsam gegen Atomraketen"
"Gemeinsam gegen Atomraketen" Quelle: dpa

Es ist ein schickes Wohnviertel auf der Mutlanger Heide: Häuschen mit gepflegten Gärten reihen sich in schmalen Anwohnerstraßen aneinander. Gut 1000 Menschen sind hier in den vergangenen Jahren eingezogen, die meisten von ihnen junge Familien. Zwei Bunker und einige Gedenktafeln am Rande der Siedlung zeigen: Die Kinder planschen im Sommer auf geschichtsträchtigem Boden.

Vor 2000 Jahren markierte der Limes exakt an dieser Stelle die Grenze des römischen Reiches. Und in den 1980er-Jahren blickte die Welt auf den Protest der Friedensbewegung gegen 36 Pershing-II-Raketen, die hier von November 1983 bis 1990 stationiert waren.

Fokus des Ost-West-Konflikts

Seit bekannt geworden war, dass die ersten von bundesweit 108 Mittelstreckenraketen nach Mutlangen kommen sollten, stand die Gemeinde am Rand der Schwäbischen Alb im Fokus des Ost-West- Konflikts. Eigentlich befand sich auf der Mutlanger Heide nur das Depot der US-Truppen aus Schwäbisch Gmünd. Doch hier wurden die Konsequenzen des Nato-Doppelbeschlusses schon vor Vollzug der Nachrüstung sichtbar.



"Ein Element war die Prominenten-Blockade", sagt Wolfgang Schlupp- Hauck. Er kam als 26-jähriger Student zu den ersten Protesten nach Mutlangen und engagiert sich bis heute in der Friedens- und Begegnungsstätte Pressehütte. Demonstranten wie die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass, der Politiker Oskar Lafontaine, Grünen-Gründungsmitglied Petra Kelly, Ex-General Gert Bastian, Kabarettist Dieter Hildebrandt sowie die Schauspieler Barbara Rütting und Dietmar Schönherr zogen vom 1. bis 3. September 1983 die Weltpresse an und machten Mutlangen bekannt. In der Pressehütte, einer umfunktionierten Scheune, stellten die Aktivisten den Medienvertretern Telefone zur Verfügung und sorgten damit für eine rasche Verbreitung der Nachrichten.

Matrazenlager und Beobachtungsposten

Erst gut zwei Monate später, am 22. November, stimmte der Bundestag für die Stationierung der Atomwaffen. Vier Tage danach trafen die ersten Raketenteile auf der Heide ein. Die Pressehütte wurde zum Zentrum des Widerstands mit Matratzenlager und Beobachtungsposten.

Es entstand eine neue Protestform, die unteilbar mit der Gemeinde verbunden ist: "Ziviler Ungehorsam, das ist in Deutschland diese Aktion: Sitzblockade in Mutlangen", sagt Schlupp-Hauck. Trotz einiger "unschöner Szenen" hätten alle Seiten auf Deeskalation gesetzt. Nichtsdestotrotz wurden rund 3000 Menschen festgenommen, etwa 200 kamen ins Gefängnis. Das Amtsgericht Schwäbisch Gmünd verurteilte Sitzblockierer regelmäßig wegen Nötigung. Das Unverständnis über diese Rechtsprechung habe der Bewegung Zulauf verschafft, meint Schlupp-Hauck. Bei der letzten großen Blockade im Herbst 1986 setzten sich sogar 19 Richter und Staatsanwälte auf den Asphalt.

"Unruhe in der Gemeinde"


Schlupp-Hauck erinnert sich an einen Satz des katholischen Pfarrers im Ort: "Wir brauchen die Raketen und nicht solche Leute wie Sie." Viele Mutlanger reagierten sogar erleichtert auf die Pershing II, weil die bis dahin auf der Heide stationierten Hubschrauber abgezogen wurden. Die Lärmbelastung sank damit enorm. Doch stattdessen tauchten nun Unmengen von Demonstranten auf.


Ein erster Lichtblick für die Aktivisten zeigte sich 1985: Die USA und die Sowjetunion nahmen ihre Abrüstungsverhandlungen wieder auf. Zwei Jahre später sahen sich die Friedensbewegten in Mutlangen mit ihren Slogans wie "Petting statt Pershing" am Ziel. Am 8. Dezember 1987 unterzeichneten der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan den INF-Vertrag. Er sah die Vernichtung aller Mittelstrecken-Atomwaffen und den künftigen Verzicht darauf vor. 1990 wurden schließlich die letzten Pershing II aus Mutlangen abtransportiert.

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