Insel aus einer anderen Zeit

Kuba vor dem Wandel

"Klack-klack" schnalzt Raul mit der Zunge und die Pferdekutsche setzt sich in Bewegung. Raul ist ein kubanischer Ein-Mann-Unternehmer und voller Vorfreude. Dank der neuen Gesetze darf er jetzt auf eigene Rechnung Touristen durch seine Stadt führen. Das Problem ist nur: Es gibt kaum Touristen. Sein Dorf Hershey liegt im Dornröschenschlaf - wie so viele verwunschene Orte auf Kuba.

Der Optimismus gehört zu Kuba

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Heute noch gibt es Wandmaler, die Symbole und Figuren der Revolution malen. Quelle: ZDF

Einst stand Hershey für den Fortschritt, für Amerika und für die große weite Welt. Vor knapp einhundert Jahren stampfte der US-Schokoladenfabrikant Milton Hershey hier eine ganze Stadt aus dem Boden - nach amerikanischem Vorbild. Zucker und Kakao ließ er verarbeiten. Doch mit der großen "Revolución" war das vorbei.

Heute überragt die gigantische Ruine der Fabrik den Ort wie ein rostiges Mahnmal. Der Name Hershey blättert vom Schild des alten Bahnhofs, wo noch immer Kubas erste und einzige elektrische Eisenbahn aus jenen Tagen über die Gleise rumpelt, die berühmte "Hershey-Bahn". Auch die alten Arbeiterhäuser stehen noch - jetzt bunt gestrichen in den Farben der Karibik, Musik tönt aus der ehemaligen amerikanischen Schule, Kinder rennen lachend durch die Straßen und Raul träumt von den Touristen, die bestimmt bald sein Hershey sehen wollen.


Der Optimismus gehört zu Kuba, genauso wie Salsa, Rost und Revolutionsparolen. Eine Insel, auf der das Vergangene allgegenwärtig ist - etwa in den Straßen Havannas, wo noch immer fast ausschließlich amerikanische Straßenkreuzer der 40er und 50er Jahre zwischen den zerbröckelnden Wohnpalästen fahren. Vor einer der verwitterten Stadtvillen von Havanna präsentiert ein alter Kämpfer aus Revolutionstagen seine Orden von der Schlacht in der Schweinebucht und erzählt von Atomraketen, hübschen Krankenschwestern aus der Sowjetunion und natürlich von Fidel und Che - Kubas unvergesslichen Helden. Über die Mängel und die Leiden in Kuba, die Einsamkeit eines der letzten sozialistischen Länder der Welt, redet keiner so gerne öffentlich. Die Hoffnung auf den Wandel wird verkleidet und umgeleitet in heimliche Sehnsüchte und pure Lebensfreunde.

Sie beschwören artig die Revolution

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Wo einst Reiche Bankette abhielten, fällt heute der Putz von den Wänden. Quelle: ZDF

Ein paar Straßen weiter poliert Carburo seinen 54er Chevy-Cabriolet, um dann ein junges Mädchen zur "Quinze"-Feier zu fahren. Das Fest zum 15. Geburtstag, an dem traditionsgemäß das Mädchen zur Frau wird. Die Feier ist schwülstig und kitschig, für Uneingeweihte kaum zu ertragen und von einem auf den anderen Moment so rauschend, dass das Fest in grellen Farben explodiert. Beim Tanz zum treibenden Rhythmus des "Reggaeton" tanzen die Gäste so, dass es eigentlich nicht zur vermeintlichen Unschuld eines 15-jährigen Teenagers passt.


Wie in keinem anderen Land der Karibik sind die Kubaner stolz darauf, dass ihre Insel anders ist. Trotz Mangelwirtschaft und politischer Unterdrückung beschwören sie artig die Revolution, wenn auch ganz gemütlich, denn nichts ist eilig in Kuba, und mit viel Musik - gerne auch von kritischen Hip-Hoppern, die ihre eigene Idee vom Kuba von Morgen verkünden.

Ein Land zwischen Marx und Markt

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Eduardo Portela Hiraudis, Hochdekorierter Veteran Quelle: ZDF

Noch hängt das Land fest zwischen Marx und Markt, noch sind die alten Muster zu erkennen, aber der gemächliche Wandel ist spürbar. In den letzten Jahren ist Kuba ein beliebtes Reiseziel auch für deutsche Urlauber geworden. Hier lockt die Karibik mit ihren Traumstränden und mit einer beeindruckenden tropischen Natur. Die Insel gehört zu einer der nachhaltigsten Regionen der Welt - ganz aus Versehen, mangels Entwicklung - ein Versäumnis, das sich langsam als Kapital herausstellt.

Zu Fuß, mit Auto, Zug und Pferdekutsche nehmen USA-Korrespondent Christoph Röckerath und sein Team den Zuschauer mit auf eine Reise durch Kuba. Gedreht wurde mit mehreren 5-D-Kameras, die gerade die karibischen Farben in einem brillanten Look wiedergeben und eine ungeheuere kinematografische Optik präsentieren. Mit zum Teil exklusiven Einblicken zeigt der Film die Insel, wie sie die meisten noch nicht gesehen haben. Ein Beitrag, der die Lebensrealität der Menschen Kubas zeigt. Aktuell und doch nostalgisch. Romantisch und doch im ungeschönten Hier und Jetzt. Voller Musik und dem Poltern und Zischen der alten Autos und der Zuckerrohr-Züge. Voller Sonne, die sich im Zigarrendunst verliert, mit Menschen, die auf den Wandel warten und sich mit dem System arrangieren. Meist fröhlich und nie eilig.

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