"Insgesamt ein super Dreh!"

Die Autorin Renate Beyer über Pleiten, Pech und Pannen

Wir sind Abrahams Route von Haran in der Südosttürkei nach Israel und Ägypten gefolgt, und auch unsere Reise war abenteuerlich und im Rückblick eine wunderbare Herausforderung - ganz im Sinne des Stammvaters.

Kamel und Beduine
Kamel und Beduine Quelle: ZDF

Es begann damit, dass am Toten Meer die heftigsten Regenfälle seit Jahrzehnten mit Erdrutschen und Straßensperren unsere Dreharbeiten völlig lahm legten. In Hebron, im Westjordanland, wo Juden und Muslime am Grab Abrahams beten, gerieten wir in die Krawalle zwischen israelischen Siedlern, Palästinensern und Militär.

Absperrungen machten unsere Drehgenehmigungen wertlos, und wir mussten unverrichteter Dinge zurückfahren nach Jerusalem. Dort raste wenige Meter von unserem Hotel entfernt ein palästinensischer Selbstmordattentäter mit einem Traktor in die Menschenmenge, richtete ein Blutbad an und wurde erschossen.

Ein Dreh mit Hindernissen

Renate Beyer gibt Regieanweisungen in der Wüste
Renate Beyer mit Abraham Darsteller in der Wüste Quelle: ZDF,Feldmann


Wir waren heilfroh, als die Arbeit auf sicherem Gebiet in Jordanien weiterging. Doch jetzt fingen die Behinderungen erst richtig an. Alle unsere jordanischen Mitarbeiter waren VIPs, jeder Aufnahmehelfer führte ein 'director' hinter dem Namen, bestand auf Beachtung seiner Großartigkeit und befehligte mindestens drei Untergebene. Jeder local guide wusste alles über "Ibrahim", wie der biblische Stammvater im Arabischen heißt, und ließ uns daran teilhaben.

Jeder Lastwagenfahrer, jeder Herden- oder Kamelbesitzer verstand sich als Inhaber des Siegels höherer Klassenzugehörigkeit, was angehobene Vergütung unabdinglich machte und eine Mithilfe beim Tragen des Equipments vollständig ausschloss. Wir haben Nächte lang verhandelt.

China-Acryl-Stoffe und low budget

Dazu kam, dass die Requisiten mangelhaft waren und die Gewänder, die ich aus Reliefbildern kopiert in Auftrag gegeben hatte, aussahen wie vom Faschingskostümverleih. Mein Kollege Mohamed und ich sind abends durch den Basar von Aqaba gezogen, um ein paar authentisch wirkende Stücke zu finden, einfache Sandalen mit Ledersohlen, einen groben Wollmantel für Abraham, Trinkschalen, die den Grabungsfunden aus Ur wenigstens ein bisschen ähnelten.

Die jordanische Firma, die die Spielszenen vorbereiten sollte und während meiner Recherche alles dafür getan hatte, um den Auftrag zu bekommen, interpretierte die kalkulierten Posten auf ihre Weise und verbuchte unsere Produktion als "low budget". Ihr Manager wurde nicht müde, mir von den vielen amerikanischen, japanischen und britischen Produktionen zu erzählen, die er erfolgreich abgeschlossen und für die er doppelt und dreifach so viel Honorar bekommen hatte wie bei uns.

Keine Sara, aber viel Sand

Kurz bevor wir ins Wadi Rum aufbrechen wollten, eskalierte die Situation. Die Darstellerin der Sara, die ich zwei Monate vorher mühsam gecastet hatte, war erkrankt und sagte den Dreh ab. In größter Eile musste Ersatz für sie gefunden werden. Als wir endlich eine passende Schauspielerin hatten und die Bedingungen geklärt waren, warteten wir am Drehort vergebens auf die neue Sara. Sie hatte es sich plötzlich anders überlegt, und ihre Befürchtungen, unsere Dreharbeiten könnten sie mit ihrem muslimischen Glauben in Konflikt bringen, waren nicht aus dem Weg zu räumen.

Dann kam der Sandsturm. Den Leichtmetallkran, für den uns die Airline hohe Übergepäckkosten abgeknöpft hatte, konnten wir vergessen. Der Sand flog uns um die Ohren und nun war erst mal Drehpause.

Flug mit dem Ultralight
Flug mit dem Ultralight Quelle: ZDF,Feldmann

In den Klauen der Justiz


Zwei Monate später saß ich mit Osama, Mahmoud und den anderen ägyptischen Mitarbeitern in "Peter's Hotel" in der Oase Bahariya, in der Westwüste Ägyptens und sah unsere Abraham-Doku endgültig den Bach runter gehen. Drei Tage lang hatten wir auf Hochtouren gearbeitet und die Drehs vorbereitet. Wir hatte die passenden Locations in der Westwüste festgelegt, wir hatten Zelte, Kamele und eine Ziegenherde organisiert und es sogar geschafft, fünf, im Alltag voll verschleierte Oasenbewohnerinnen als Komparsen zu gewinnen.

Außerdem waren wir dem Bombenanschlag auf dem Khan El-Khalili, dem großen Basar in Kairo, entgangen - wir hatten dort Stoffe und Felle eingekauft und kurz danach ging die Bombe hoch. "Dass dir nichts passiert ist", sagten später die Bedus zu mir, "hat einen einfachen Grund: Du machst einen Film über seinen Freund!" Aber wie sollte ich das interpretieren, was sich jetzt als unüberwindliches Problem vor mir auftürmte : Bakr, der jordanische Abraham-Darsteller, hatte uns telefonisch mitgeteilt, er könne zum geplanten Drehtermin nicht nach Ägypten kommen! Grund: Er hatte einen Verkehrsunfall verursacht, es gab einen Verletzten, und jetzt müsse er so lange im Land bleiben, bis die Polizei den Fall abgeschlossen habe. Na, wunderbar. Morgen Mittag würde das deutsche Kamerateam anreisen, um 14 Uhr war Drehbeginn, in allen wichtigen Szenen kam Abraham vor, ohne Bakr ging gar nichts. Das Telefonnetz nach Jordanien funktionierte gerade auch nicht, es gab keine Möglichkeit, nach Amman durchzukommen.

Morgen ist ein neuer Tag!

An diesem Abend habe ich wirklich keinen Ausweg mehr gewusst. Wir sind in Peters Touristen-Zelt gegangen und haben mit den Bedus und einer japanischen Reisegruppe ausgiebig gefeiert. Es gibt immer eine Lösung, inshallah, hat mich Abdel Khadr getröstet, morgen ist ein neuer Tag und vergiß nicht, unser Thema heißt "Ibrahim"!


Irgendwie erfüllte sich seine Prophezeiung. Am nächsten Tag kamen die gut gelaunten deutschen Kollegen früher als erwartet aus Kairo. Gemeinsam fanden wir eine Lösung, den ersten Drehtag ohne Abraham hinzukriegen. Nachts meldete sich Bakr. Die jordanische Polizei hatte ihn entlassen, er hatte den Abendflug nach Ägypten erwischt und war jetzt auf dem Weg zum Drehort in der Westwüste. Morgens um sieben stand er übermüdet, aber hochmotiviert an der Rezeption.

Großartige Stimmungsbilder

Dann lief alles wie im Traum. Bakr war ein wunderbarer Abraham. Osama und die ägyptischen Mitarbeiter gaben ihr Bestes. Amm Hassan, den ich bei einem früheren Dreh in der Oase Dachla kennengelernt hatte, war 400 Kilometer nach Bahariya gefahren, um bei uns mitzuspielen und hatte drei Kamele auf dem Kleinlaster mitgebracht.

Magdy, der offizielle "pressminder", half beim Übersetzen der Regieanweisungen, und Ibrahim Helal und Trudi aus "Peter`s Hotel" versorgten uns mit Decken, Speisen und Getränken. Da konnte uns auch der ebenso nette wie begriffsstutzige Oasenschneider nicht schrecken, der immer wieder seine schmutz- und knitterresistenten China-Acryl-Stoffe aus der Kiste holte, und auch der kleine Sandsturm warf uns nicht aus der Bahn - im Gegenteil, er bescherte uns großartige Stimmungsbilder. Insgesamt ein super Dreh! Shukran und salam!

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