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"Es zählt nur, was Du gerade machst!"

ZDF-Autor Christoph Röckerath über seine Australien-Erfahrungen

Australien lockt mit weiten Landschaften, viel Natur und dem Versprechen, dass sich dort am gefühlten Ende der Welt jeder selbst verwirklichen kann. ZDF-Reporter Christoph Röckerath hat von Sydney aus das menschenleere Outback erkundet und berichtet in diesem "Road Movie" über Truckerfahrer, Minenstädte, Jahrmarktsboxer, kurz: über "Härte, Herz und Dosenbier".

ZDF: Wie sind Ihnen die Australier im Outback begegnet, in diesen weiten Regionen fern der großen Städte?

Christoph Röckerath: Die raue Landschaft prägt die Menschen dort – doch bei aller Härte ist immer eine große Herzlichkeit wahrzunehmen. Die wettergegerbten Gesichter hellen sich sofort auf, wenn man den persönlichen Kontakt sucht. Und spätestens am Nachmittag ist Beer O’clock – und alle sind wunderbar entspannt. Das entspricht auch dem Tagesrhythmus im Outback: Wenn es dort dunkel wird, und das wird es schon am späten Nachmittag, ist meistens auch Feierabend. Nach 20 Uhr gibt es in den ländlichen Restaurants kein Essen mehr. Dafür legt man aber auch mit dem Sonnenaufgang los. Unsere Drehtage gingen entsprechend meist von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends.

ZDF: Die Rauheit von Landschaft und Menschen erzählen Sie in Ihrem Film unter anderem über die Geschichte des Preisboxers Fred Brophy, der mit seinem Boxzelt durchs Outback tingelt. Ist das ein typisches Unterhaltungsprogramm für die abgelegenen Gegenden?

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Rodeo in der Minenstadt Mount Isa - die Bull Rider zeigen, was sie können. Quelle: ZDF/Christoph Röckerath

Christoph Röckerath: Die Australier nennen Fred Brophy den "Last Show Man". Er zieht seit über 40 Jahren mit seinem Boxzelt durchs Land, tingelt von Tiershows zu Rodeos, zu Veranstaltungen, die wir als Jahrmärkte bezeichnen würden. Die Boxer werden dabei auf einer Bühne präsentiert und können vom Publikum herausgefordert werden.  Nach der Schlägerei gibt es aber immer ein Versöhnungsbier. Auch Frauen boxen in der Truppe von Fred Brophy – auch uns reizte es durchaus, mal in den Ring zu steigen. Für die abgelegenen Minenstädte sind diese Veranstaltungen auf jeden Fall große Attraktionen.

ZDF: Eine dieser Minenstädte, die Sie aufsuchen, ist Coober Pedy – wahrscheinlich kein Sehnsuchtsort, oder?

Christoph Röckerath: Coober Pedy ist eine der Opal-Hauptstädte der Welt. Aus der Luft wirkt es, als seien dort überall Maulwurfshügel. Tatsächlich wurden hunderttausende Minenschächte an allen möglichen Stellen senkrecht in den Boden gegraben. Der Ort ist sehr verstaubt, eine Kraterlandschaft, die an die Oberfläche eines anderen Planeten erinnert – kein Wunder, dass sie schon als Filmkulisse für "Mad Max" und andere Science-Fiction-Streifen diente. Wir haben dort einen Schürfer getroffen, der seit 40 Jahren unter der Erde nach seinem Glücksstein gräbt – ein moderner Höhlenmensch, der den Aufstieg nicht mehr geschafft hat. Auf der Suche nach dem schnellen Geld ist es auf tragische Weise also auch ein Sehnsuchtsort.

ZDF: Sie waren von 2009 bis 2014 als Korrespondent im ZDF-Studio in Washington tätig und kennen die USA sehr gut. Haben Sie in Australien Vertrautes wiedergefunden?

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Die Harbor Bridge - Das Wahrzeichen Sydneys Quelle: ZDF/Christoph Röckerath

Christoph Röckerath: Amerikaner und Australier haben die Erfahrung gemeinsam, sich einen fremden, wilden Kontinent untertan zu machen. Doch der größte Unterschied ist: Den Australiern gelang und gelingt dies, ohne dass für sie die Vergangenheit eine mitunter belastende Rolle spielt. In den USA ist dagegen das Erbe von Bürgerkrieg und Indianer-Kämpfen, von Sklaverei und Rassismus immer präsent. Die Kürze der australischen Geschichte stärkt "down under" das Selbstvertrauen: Das haben wir alles selbst gemacht! Die Geschichte ist keine Bürde für die Australier – es zählt nur, was Du gerade machst. Nur die Gegenwart zu kennen, hat auch damit zu tun, dass viele bis heute nicht akzeptiert haben, dass es vorher dort mit den Aborigines bereits Ureinwohner gab. Die Aborigines wiederum haben nicht – wie etwa die Indianer in den USA – kriegerische Auseinandersetzungen mit den Eroberern gesucht und sind auch deshalb von den Engländern nie als Bedrohung wahrgenommen und nie als Volk respektiert worden. In der australischen Verfassung sollen die Aborigines nun als "gleichberechtigt" anerkannt werden. Allerdings wehren sie sich gegen eine Gleichmachung und wollen eher als die ursprünglichen Einwohner, als die ersten und echten Australier gesehen werden. In diesen Diskussionen prallen buchstäblich Welten aufeinander – im Film versuchen wir diese Unterschiede in der Denkweise zu erklären.

ZDF: Und wie haben Sie Australien über das Outback hinaus erlebt?

Christoph Röckerath: Das Gefühl, auf einem neuen Kontinent unterwegs zu sein, konnte ich auf dieser Drehreise spüren – im Outback kommt über 100 Kilometer oft wirklich gar nichts, wenn man die staubigen einsamen Orte verlässt, ist man fern von allem. Tagelang ohne jeden Handy-Empfang zu sein, war für uns eine ungewohnte Erfahrung. In dieser Hinsicht ist Australien das absolute Anti-Europa. Aber ich konnte auch das urbane Leben auf diesem Kontinent wahrnehmen und war mit Australiern unterwegs, die Sydney für den besten Ort der Welt halten. Es ist also durchaus vielfältig: Wir sind mit einem Trucker unterwegs, der mit seinem 50 Meter langen Gefährt jede Woche einmal von Norden nach Süden fährt und vom ständig wechselnden Licht im Outback schwärmt. Wir treffen die Frau, die den größten Truck der Welt in einer Kohlenmine fährt, und besuchen die Männer, die in Sydney die weltberühmte Harbour-Bridge streicht – wenn er fertig ist, fängt er wieder von vorne an. Es gibt viel zu entdecken in Australien – vom personallosen Motel, in dem man sein Zimmer mit der eigenen Telefonnummer öffnet, bis zu Spaghetti auf Toast. Letzteres zeigt: Das Essen in Australien ist nicht als kolonialer Erfolg zu bezeichnen, es ist gelegentlich eine Degeneration der englischen Küche.

Mit Christoph Röckerath sprach Thomas Hagedorn.

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