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Jesuit im Mandarinengewand

Kritik an angepasstem Missionsstil in China

Als das Ende der Ming-Dynastie naht, gelingt es Adam Schall von Bell nicht nur, weiter im Amt zu bleiben. Bald kann er seine Position ausbauen und bekleidet eines der höchsten kaiserlichen Ämter, das des Direktor des Kalenderamtes. Die Beziehung zum kindlichen Kaiser Shun-chih wirkt sich positiv aus. Doch Kritik bleibt nicht aus - insbesondere aus dem Abendland.

Der mandschurische Kind-Kaiser Shun-chih mit Adam Schall.
Der mandschurische Kind-Kaiser Shun-chih mit Adam Schall.

Durch Verrat können die Truppen der Rebellen am 24. April 1644 Peking fast kampflos einnehmen. Der letzte Kaiser der Ming-Dynastie begeht Selbstmord. Damit sind die Unruhen aber nicht zu Ende. Die Mandschuren aus dem Norden ergreifen die Gelegenheit, und rücken ihrerseits gegen Peking vor. Die Rebellen geben die Stadt wieder auf und ziehen sich zurück. Die Mandschu-Dynastie übernimmt, mit einem kindlichen Kaiser an der Spitze, die Herrschaft über das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Schall als "Ehrwürdiges Väterchen"

Die neuen Herrscher verfügen über keinen eigenen Beamtenstab und greifen auf die Verwaltung ihrer Vorgänger zurück. Adam Schall übersteht den Umsturz unbeschadet. Er kann seine Laufbahn am Hofe fortsetzen und wird schließlich Direktor des Kalenderamtes. Als Mandarin dritter Ordnung bekleidet der Jesuit eines der wichtigsten Ämter im Staate. Der Höhepunkt einer außergewöhnlichen Karriere, die dem Kölner als einzigem Europäer in der Geschichte den täglichen Umgang mit dem Kaiser von China erlaubt.

Der kindliche Kaiser Shun-chih kommt wiederholt mit seinem Gefolge in die Nordstadt von Peking, um seinem Privatlehrer und väterlichen Freund Adam Schall überraschende Besuche abzustatten. Das zukünftige Oberhaupt der neuen Mandschu-Dynastie nennt den Sechzigjährigen 'Ma-fa' - 'ehrwürdiges Väterchen'. Der junge Kaiser, dessen Amtsgeschäfte bis zur Volljährigkeit von Regenten wahrgenommen werden, interessiert sich nicht nur für westliche Technologie. Auf Schalls Schoß will er mehr erfahren - auch über das Kreuz an Schalls Halskette, und dessen Bedeutung.

Schalls Mission in der Kritik


Nicht nur der Jesuit hat den Übergang zur Dynastie der Mandschuren überstanden, auch seine Feinde am Hof. Aber nicht nur von den antiwestlichen Kräften in der Umgebung des Kaisers droht Gefahr. Schall und sein angepasster Missionsstil sind auch in das Visier von konservativen Kräften in Rom geraten. "Adam Schall hat unter den Jesuiten, und das wissen wir aus den Jesuitenarchiven, nicht nur Freunde im Jesuitenorden. Er wurde stark kritisiert", sagt Roman Malek.

Mit der Adoption des Sohnes seines Hausdieners überschreitet der Adam Schall von Bell eine letzte Schwelle. Die Aktion, die ihn als Vater zu einem vollwertigen Mitglied der chinesischen Gesellschaft machen sollte, führt zu einer Überprüfung der China-Mission in Rom.

Nähe zum Aberglauben?

Im Historischen Archiv der Jesuiten unweit des Petersdoms finden sich Abschriften der Korrespondenz, die Mitte des 17. Jahrhunderts nicht nur die Person Schalls, sondern auch das ganze Konzept der Anpassung in Frage stellte. Die Regalreihen bergen Dokumente, in denen die Missionare als bezahlte Handlanger eines gottlosen Kaisers bezeichnet werden. Dem Christentum in China wird Nähe zum Aberglauben vorgeworfen, und der Wert der Bekehrungen bestritten. Adam Schall wird für die Entwicklungen verantwortlich gemacht.

Mittler zwischen den Kulturen

Schall und die Anhänger der Anpassung rechtfertigen ihr Vorgehen. In ausführlichen Stellungnahmen machen sie deutlich, dass das Ende der Akkomodation auch das Ende der China-Mission bedeuten würde. Die 'Mission Verbotene Stadt' steht an einem Scheideweg. Der Streit dauert Jahre und wird schließlich zugunsten der Akkomodation entschieden.


Als Astronom des Kaisers kann Adam Schall seine Arbeit fortsetzen. Er verfasst Dutzende von Büchern in chinesischer Sprache. Seine Reform des Kalenders hat in China bis in die Gegenwart Bestand. Und seine Berichte aus dem Reich der Mitte tragen dazu bei, in Europa eine Welle der China-Begeisterung auszulösen. Der Jesuit aus Köln ist zu einem Vermittler zwischen den Kulturen geworden.

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