Kampf um Aleppo

Die syrische Tragödie

Seit fast zwei Monaten ist die syrische Wirtschaftsmetropole Aleppo Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen den Regierungstruppen von Baschar al-Assad und den Aufständischen. Reporter Jamie Doran ist eine eindringliche Schilderung der Front von Aleppo gelungen. In den Straßen des Zentrums der Stadt zeigt sich das ganze Ausmaß der syrischen Tragödie. "Ohne eine dramatische Veränderung der militärischen Effektivität der Rebellen wird es ein langer Krieg", sagt Doran im Interview mit ZDFonline.

ZDFonline: Sie arbeiten oft in Kriegsgebieten, wohin sich nicht viele andere Journalisten trauen. Wie kommen Sie eigentlich an die Front?

Jamie Doran: Ich muss viel vorbereiten, bevor ich in diese speziellen Gebiete gehen kann. In Syrien hatten wir einen phantastischen Mann, der drei Wochen vor unserer Reise einen Probelauf über die Grenze startete, um sicherzustellen, dass unser Weg sicher ist. Wir gingen über die Süd-Türkei nach Syrien. Weder die türkische noch die syrische Regierung wären erfreut über unser Vorgehen. Tatsächlich wurden wir bei unserem ersten Versuch erwischt und von türkischen Sicherheitskräften befragt. Wir mussten umdrehen und starteten über eine andere Route einen weiteren Versuch am nächsten Tag – diesmal erfolgreich.

Jamie Doran
Jamie Doran


Auf der anderen Seite der Grenze trafen wir die Rebellen, die uns von einem Auto ins andere steckten. Wir reisten meist nachts mit wenig Licht, um Angriffen aus der Luft und Artilleriebeschuss aus einer der Militärbasen im Gebiet der sogenannten befreiten Zone zu entgehen. Der schwierigste Teil kam, als wir Aleppo betreten wollten. Wir mussten bei Tageslicht durch Gebiete, die von der Regierung gehalten wurden, und Checkpoints vermeiden, so gut es ging. Weder ich noch mein Kameramann sehen aus wie Araber, also wurden wir in den hintersten Teil eines SUV gepresst.

Ein anderes Auto fuhr etwa einen Kilometer voraus, um zu prüfen, ob unser Weg sicher ist. Wir kommunizierten per Code über unsere Handys. Es ist dann eine Fahrt durchs Niemandsland zwischen den Teilen der Stadt, die von Regierungstruppen gehalten werden, und den Teilen, die in der Hand der Rebellen sind. Du fährst durch einen Kreisverkehr und hörst plötzlich von überall Schüsse und Explosionen von Granaten – dann weißt du, dass du am Ziel bist.

ZDFonline: Wie schützen Sie sich in solchen Gebieten?

Doran: Diese Frage wird mir oft gestellt. und ich kann nur sagen: Wenn du keine Angst hast, bleib zu Hause, fahre nicht hin! Die größte Sicherheit hat man, wenn man ständig wachsam für mögliche Gefahren ist. Ich habe zu viele junge Journalisten und zu selbstsichere Journalisten gesehen, die getötet wurden oder verkrüppelt sind, weil sie nicht daran dachten, was ihnen alles passieren könnte. Ich habe einen festen Kameramann, den ich normalerweise immer in Kriegsgebiete mitnehme. Dieses Mal ging das nicht, weil seine Frau gerade ein Baby zur Welt gebracht hatte. Ich nehme keine Leute mit in Krisengebiete, die von Vorgängen belastet sind, die von außerhalb kommen. Oft kommen junge Reporter an, die ihn fragen: Was willst du mit diesem alten Kerl? Mark, mein üblicher Kameramann, sagt dann immer, dass er sich fühlt, als käme er nach Hause, wenn er mit mir unterwegs sei. Das ist ein schönes Kompliment und ich hoffe, dass das noch ein paar Jahre so weitergehen wird.


Wir waren an der Front ständig in Gefahr: Artilleriefeuer, Bomben aus Flugzeugen und auch Scharfschützen. Eine Kugel eines Scharfschützen zischte an meinem Hinterkopf vorbei, als wir Tote in Salahuddin filmten. Unsere Begleiter dachten eigentlich, sie hätten den Scharfschützen vorher erwischt. Als wir in unsere Unterkunft zurückkamen, machte ich makabre Scherze mit meinem Redakteur: Er solle doch eine Endlosschleife mit Bombenexplosionen und herumfliegenden Kugeln aufnehmen, die ich mir dann vorspielen könne, um besser einzuschlafen. Normalerweise trage ich bei besonderer Gefahr eins kugelsichere Weste, aber es bedeutet auch, dass du dich aus den Kämpfern heraushebst, mit denen du unterwegs bist – das kann dazu führen, dass sich die anderen nicht so offen auf dich einlassen. In diesem Fall habe ich meine Weste meinem Kameramann Jeremiah Bailey-Hooper gegeben. Ich wollte ihm so viel Sicherheit wie möglich bieten und ich muss sagen, dass er in dieser sehr gefährlichen Situation einen herausragenden Job gemacht hat.

ZDFonline: Wie leben Sie in diesen Gebieten? Wie kommen Sie an Wasser und Essen?

Doran: Selbstverständlich gibt es dort keine Luxushotels oder so etwas Ähnliches. Wir lebten in Wohnungen, die von geflohenen Familien zurückgelassen wurden. Dabei ist mir etwas sehr Interessantes aufgefallen: Ich war in drei solcher Wohnungen während meiner Arbeit an der Front – und immer waren die Wohnungen sauber und ordentlich. Die Rebellen, die diese Wohnungen nutzen, halten sie in einem gepflegten Zustand. Das hatte ich nicht erwartet. Es war offenkundig ein Zeichen des Respekts gegenüber denjenigen, deren Heime sie nutzen. Was Wasser und Essen anbelangt, bin ich seit 30 Jahren Vegetarier und der einzige Grund, dass ich das alles bisher überlebt habe, liegt an der Masse an Energie-Riegeln, die ich immer versteckt bei mir trage. Dem Rest meines Teams gaben die Rebellen täglich eine Mahlzeit ab. Wasser bekamen wir nur aus öffentlichen Pumpen, an denen wir unsere Flaschen auffüllten.

ZDFonline: Neutral zu bleiben ist ein Grundprinzip des Journalismus. Wie gelingt es Ihnen, die Distanz zu wahren?

Doran: Zunächst muss ich sagen, dass ich nicht unter einem Front-Syndrom leide, bei dem jemand sich plötzlich den Männern zugehörig fühlt, die neben ihm kämpfen. Einfach gesagt bin ich dort, um einen Film über das zu machen, was ich vorfinde. Und niemand, auch nicht jemand mit einem AK47 Gewehr, wird das beeinflussen. Es ist unabdingbar, dass Journalisten die Wahrheit so abbilden, wie sie sie entdecken. Ich muss aber sagen, dass die syrischen Rebellen sehr offen für Kritik sind. Sie weisen uns recht oft auf ihre eigenen Fehler hin und zeigen sie uns, damit wir sie in unseren Film einbauen können. So beleuchten wir den Fall eines Informanten der Regierung, der versehentlich in eine Stellung der Rebellen gerät. Obwohl wir dann nicht mit der Kamera filmen durften, berichten wir, wie schrecklich es dem Mann ergangen ist. Die Rebellen haben viele Sympathien verloren, weil es manchmal so scheint als gingen sie genau so schonungslos vor wie das Regime. Das ist sowohl moralisch als auch mit Blick auf die weltweite Untersützung ein großer Fehler und viele Rebellen sind von den Taten ihrer Kameraden angewidert. Aber die Rebellen wussten von Anfang an, dass wir alles berichten würden, was wir sehen – gutes wie schlechtes. Sie haben das akzeptiert.

ZDFonline: Sie haben viele schreckliche Dinge erlebt. Wie halten sie das psychisch aus?

Doran: Schwierig zu erklären. Recht häufig bin ich über mich selbst verwundert, dass ich bei all dem Massensterben und Schrecken so kalt bleibe. Aber meine Pflicht ist es, diese Geschichte der Öffentlichkeit zu erzählen. Wenn ich mich von Emotionen überwältigen lasse, kann ich dieser Pflicht nicht nachkommen. Viele Bilder holen mich dann plötzlich Tage, Wochen oder sogar Jahre später wieder ein. Ein Bild in diesem Film, das mich mein Leben lang nicht mehr loslassen wird, ist das von dem Mann, der auf einem Autositz seine Arme um seine Frau schlingt und verzweifelt versucht, sie vor einem Scharfschützen der Regierung zur schützen, der ganz offensichtlich auf die Tötung von Zivilisten aus war. Ihr kleiner Sohn lag tot auf dem Rücksitz des Autos. So habe ich gleichzeitig das Beste und das Schlechteste in der Natur des Menschen gesehen – den Versuch des Mannes, das Leben seiner Frau zu schützen und das kaltblütige Morden des Scharfschützen.

ZDFonline: Welche Eindrücke hatten Sie von Syrien?

Doran: Natürlich war es schwierig, einen Eindruck vom wirklichen Syrien zu bekommen, wenn man sich hinter Gebäude und Mauern kauern muss, um nicht in die Luft gejagt zu werden. Die Mehrheit der Syrer, die ich kennengelernt habe, war extrem freundlich und aufgeschlossen. Ich sage die Mehrheit, weil ich auch auf einige sehr fundamentalistischen Auslegungen des Islam gestoßen bin. Menschen, die nicht zufrieden sein werden, bevor Syrien nach dem Gesetz der Scharia lebt.
Das wird das größte Problem im Syrien nach Assad: Wie lassen sich die gegensätzlichen Ansichten vereinen? Das wird nicht gehen und ich befürchte, dass Assads Ende nicht das Ende des Krieges sein wird. Ich hoffe nur, dass ich da falsch liege.

ZDFonline: Wie lange, denken Sie, wird der Krieg andauern?

Doran: Ohne eine dramatische Veränderung der militärischen Effektivität der Rebellen wird es ein langer Krieg. Es fehlt unter anderem an Luft- und Panzerabwehrwaffen sowie einer gemeinsamen Kommandostruktur. Viele ausländische Interessen spielen in den Konflikt hinein. Aus Saudi-Arabien, der Türkei und Katar. Die meisten westlichen Länder hoffen auf einen Sieg der Rebellen, während die Chinesen, Russen bis hin zum Iran und der Hisbollah das Regime unterstützen. Diese Zutaten können den Konflikt schwerwiegender als andere aus jüngster Zeit machen.

ZDFonline: Warum berichten Sie überhaupt über Kriegsgebiete?

Doran: Ich weiß gar nicht genau warum. Ich bin entschieden gegen Krieg, außer in ganz extremen Ausnahmefällen. Dennoch bin ich schlichtweg fasziniert davon, dass die vermeintlich zivilisierte Spezies Mensch Konflikte immer noch nicht ohne Gewalt lösen kann.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet