Kunstwerk oder Wunder?

Expertenmeinungen gehen weit auseinander

Die Suche nach dem wahren Bild Christi - Gläubige wie Wissenschaftler führt sie zum "Volto Santo", dem Göttlichen Gesicht von Manoppello. Ein geheimnisvolles Porträt, in einem kostbaren Rahmen gefasst - ist das die endgültige Antwort auf die Sehnsucht und die Wißbegierde der Menschen?

Auf einem Tuch erscheint das Antlitz Jesu

Ist der "Volto Santo" ein Gemälde von Künstlerhand oder ein Abdruck auf einem Schleier? Die außergewöhnlichen Eigenschaften des Tuchbildes geben Wissenschaftlern Rätsel auf: Das Porträt ist von beiden Seiten zu betrachten, im Gegenlicht löst es sich fast völlig auf, und ein Farbauftrag ist mit dem bloßen Auge nicht festzustellen.

Geschenk Gottes?

Forscher verschiedenster Fachrichtungen lenken ihren Blick auf das Tuchbild von Manoppello, um Beweise zu finden, ob es sich beim "Volto Santo" um ein wahres Bild von Christus handelt. Die Meinungen gehen auseinander: "Die Botschaft von Manoppello ist die: Wir haben das Antlitz Christi. Das ist eines der größten Geschenke Gottes an die Menschheit" meint Heinrich Pfeiffer, Professor für Kunstgeschichte und Theologe an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

Professor Gerhard Wolf vom Kunsthistorischen Institut in Florenz des Max-Planck-Instituts erklärt, warum es so schwierig ist, zwischen göttlicher Schöpfung oder Kunstwerk zu entscheiden: "Der "Volto Santo" von Manoppello ist ein Kunstwerk, das eine ganze Reihe von Rätseln aufwirft, die wir nicht alle beantworten können, auch mangels wissenschaftlicher Untersuchungen. Woraus aber nicht folgt, dass es ein Abdruck des Antlitzes Christi sein muss. Es ist ein Kunstwerk, dem ich auch eine Datierung provisorisch zuweisen möchte, vermutlich ist es ein Werk niederländisch-flämischen Ursprungs, aus dem späten 15. Jahrhundert."

Erste wissenschaftliche Untersuchung


In Manoppello will man sich nicht mit Vermutungen zufrieden geben. 1999 unternimmt man eine erste wissenschaftliche Untersuchung. Ein hochauflösender Scan des "Volto Santo" entsteht. Die Wissenschaftler aus Bari finden zunächst keine Farbspuren auf dem Tuchbild von Manoppello. Professor Giulio Fanti ist Experte für die zerstörungsfreie Untersuchung von Gewebe. Im Juli 2003 fuhr er nach Manoppello, um die bisherigen Ergebnisse zu überprüfen:

"Ein Merkmal des "Volto Santo" von Manoppello ist seine Transparenz. Und die entsteht in erster Linie durch den freien Abstand zwischen den Fäden. Deswegen erscheint es durchscheinend. Dann ist da noch die Besonderheit, dass auf Vorder- und Rückseite ein nahezu identisches Bild aufgebracht wurde. Ich sage nahezu, denn wir haben einige Unterschiede entdeckt, etwa im Bereich des Mundes. Während man auf der Vorderseite Zähne ausmachen kann, sind sie auf der Rückseite verdeckt. Und auch die Farben unterscheiden sich."

Indizien für Farbe

In den Tiefenschichten des "Volto Santo" sucht der Professor aus Padua nach Indizien für einen Farbauftrag. Giulio Fanti kennt die Ergebnisse aus Bari, die für die Zwischenräume der Fäden keinerlei Farbspuren nachgewiesen haben. Es wurde ein Farbauftrag nachgewiesen, Farbpigmente befinden sich unter anderem im Bereich der Augen und der Haare.

Professor Giulio Fanti stellt in Frage, ob es überhaupt so wichtig sei, ob man Farbe nachweisen könne oder nicht: "Wir gehen immer davon aus, dass es sich um ein von Menschenhand gemachtes Kunstwerk handelt, nur weil wir einen Farbauftrag feststellen. Aber das muss gar nicht stimmen. Die Madonna von Guadaloupe etwa gilt auch als ein Wunder, obwohl man eindeutig Farbe feststellen kann. Wir haben viele Indizien, dass so etwas auch für Manoppello zutreffen könnte."

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet