Mehr als ein Grabtuch?

Neue Erkenntnisse über Bestattungssitten zur Zeit Jesu

Könnte der "Volto Santo" im Grab Christi entstanden sein? Anhand eines zweitausend Jahre alten Fundes aus Jerusalem kann der Ablauf einer jüdischen Tuchbestattung rekonstruiert werden. Die Bestattungskultur im ersten Jahrhundert nach Christus soll helfen, das Rätsel um das Tuch von Manoppello zu lösen.

Gesichtsanatomie - Abdruck eines Tuchbildes

Nach jüdischer Tradition werden die Überreste eines Leichnams in Ossuarien gelegt. Diese Gebeinkästen enthalten wertvolle Informationen über die Bestattungssitten zur Zeit Jesu. In einem klimatisierten Labor der Israel Antiquities Authority wird ein zweitausend Jahre alter Sensationsfund aus Jerusalem untersucht. Anhand dieses Fundes können Gebräuche bei jüdischen Tuchbestattungen nachvollzogen werden.

Tausende von Tüchern

Dieser Fund kann Aufschluss geben über die Anzahl von Tüchern, die zur Zeit Christi verwendet wurden: "Wir haben im Kopfbereich zwei verschiedene Tücher gefunden. Eines ist aus Leinen, das andere aus Wolle. Und das unterscheidet sie von den Tüchern, die den Körper bedeckten, die waren nur aus Leinen", erklärt Orit Shamir von Israel Antiquities Authority.
Das extrem trockene Klima in Israel ist ideal für die Konservierung von Textilien. Selbst sehr alte Tücher sind erhalten. Archäologen haben Tausende von Tüchern gefunden und miteinander vergleichen können. Die Reste von dem Sensationsfund, die vor zweitausend Jahren einen Leichnam bedeckten, sind gut erhalten. An dem Kopf- und Gesichtstuch kleben heute noch die schwarzen Haare des Verstorbenen.

"Diese hier sind genau wie die, die wir in Masada oder Qumran gefunden haben. Aus der Römischen Zeit, erstes Jahrhundert," erklärt Orit Shamir. Professor Shimon Gibson erläutert, warum dieser Fund so einzigartig ist: "Wir wussten wenig über die jüdischen Bestattungssitten im ersten Jahrhundert. Da gibt es ein paar Zeilen aus den Evangelien, in denen es um die Vorbereitung des Leichnams Jesu geht. Und dann haben wir noch Rabbinische Texte. Die sind später entstanden und lassen kaum Rückschlüsse auf die jüdischen Tuchbestattungen des ersten Jahrhunderts zu."

Nachstellung einer Tuchbestattung

Die spärlichen Angaben aus den schriftlichen Quellen sollen durch ein Experiment ergänzt werden, welches die Archäologen Ralf Lewis, Shimon Gibson und ein Dasteller durchführen: eine jüdische Tuchbestattung wie zu Zeiten Christus:




    Mit Brettern für eine Bahre, dem Darsteller, einer großen Bahn Leinen und Olivenöl ging geht es an den Ort, an dem die Grabtücher gefunden wurden: Hakeldama, den antike Friedhof von Jerusalem. Verwendet werden zwei Tücher, eins für den Körper und eins für das Gesicht. Zunächst wird der Körper eingewickelt. Zur oberflächlichen Konservierung des Leichnams kommt reines Olivenöl zum Einsatz. Beim Einölen wird das Öl wird wie Seife benutzt, auch Blut kann entfernt werden. Stoffstreifen fixieren das Grabtuch auf dem Leichnam.

    "Wir binden jetzt das Kinn fest, damit es nicht runterfällt, wenn der Zersetzungsprozess beginnt", erklärt Shimon Gibson. "Das Gesicht wird erst eingewickelt, wenn die Familie anwesend ist und den Leichnam nochmal identifiziert. Damit der Richtige in das Familiengrab kommt und nicht jemand anderes", erläutert Ralf Lewis.

Getrennte Tücher für Kopf und Körper

Das Experiment bestätigt die Verwendung verschiedener Tücher: "Das haben ja schon die Untersuchungen hier im Labor gezeigt. Dass mehrere Tücher und teilweise sogar unterschiedliche Materialien verwendet wurden. Und diese Beobachtungen werden - für das erste Jahrhundert - durch Grabfunde aus dem ganzen Mittelmeerraum bestätigt. Bei der jüdischen Tuchbestattung gab es eine Trennung zwischen dem Tuch für den Körper und dem Tuch für den Kopf", erklärt Dr. Shimon Gibson.

Volto Santo aus dem Grab Christi?

Dr. Shimon Gibson sieht in der Tuchbestattung einen Schlüssel zum Rätsel: "Wenn Sie nach einem Tuchelement suchen, das nur den Kopf bedeckte, dann haben sie jetzt den Beweis. Genau so war es üblich bei einer jüdischen Tuchbestattung. Und das gilt auch für die Gegend um Jerusalem zur Zeit Christi".


Die jüdischen Bestattungsriten sehen die Verwendung getrennter Tücher für Körper und Kopf vor. Ist der "Volto Santo" von Manoppello jenes Tuch, in das der Kopf Christi eingewickelt worden war? Für Heinrich Pfeiffer, Professor für Kunstgeschichte und Theologe, der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom gibt es keine andere Alternative: "Der Volto Santo kann nur im Grab Christi entstanden sein. Das geht gar nicht anders!"

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