Ortsnähe zu Gott

Die Herren der Luft und ein Bauer in Pennsylvania

Ein Flugkapitän aus Leidenschaft, ein amischer Bauer, der lebt wie vor 200 Jahren, und ein Künstler, der sich selbst als "Krüppel" bezeichnet - alle drei sind sie begeistert vom Fliegen, jeder auf seine Art und Weise. Filmautor Peter Schmidt läßt uns teilhaben an seinen Gedanken bei der Entstehung des Films "Über unserer Erde":

Im Cockpit eines Flugzeuges
Im Cockpit eines Flugzeuges Quelle: ZDF

Mit knapp 300 Stundenkilometer rast er über die Piste und dann reißt er den Steuerknüppel hoch und schiebt die Maschine auf 11.000 Meter hoch zum Schweben. Hinten sind 300 Passagiere an Bord. Kaum einer ahnt etwas von der Schönheit des Fluges im Cockpit. Zehn Stunden nahe der Sonne sein, das ist das Leben von Kapitän Philipp Heinbockel und seiner Crew. Sie sind alle verliebt ins Fliegen. Aber niemand erfährt die Nähe zur Sonne auf dem natürlichen Großbildschirm im Cockpit, wie es der Kapitän und seine Copilotin erleben.

"Es ist einfach so schön hier oben - man fühlt sie tatsächlich wie im Himmel", sagt der Pilot, der seinen Traumjob im Fliegen gefunden hat. Über den Wolken, ganz weit weg sein von denen da unten, nahe der Sonne und nahe dem Ort, an dem wir Menschen uns so gerne unseren Gott vorstellen. Philipp Heinbockel fliegt seinen Urlaubsbomber nach Venezuela, auf die Isla Margarita - wir sind mit an Bord.

Haben wir etwa Flügel?

Fast fliegen wir über Pennsylvania, einen US-Bundessaat. Ich erinnere ich mich an eine andere Geschichte, die auch mit dem Fliegen zu tun hat. Vor vielen Jahren fragte mich in Pennsylvania ein Bauer: "Biest mim Luftschiff kumme?" So klang das, als ich vor vielen Jahren einmal im Lancaster County die Amischen besuchte. Eine anabaptistische Glaubensgruppe, die seit 1670 von der Schweiz über Deutschland hier einwanderte und noch heute das Deutsch aus der damaligen Zeit spricht.

Einige Tage war ich bei Ihnen, besuchte sie immer wieder. Ihre Schulen, ihre Läden, ihre Kirchen, ihre Familien. Nach oben, in den Himmel, da wollen sie hinkommen. Doch der Himmel ist für sie in ihrer Lebenszeit etwas Unerreichbares. Wenn einer fliegen möchte, dann braucht er eine besondere Erlaubnis des Gemeindechefs und der Priester. "Die Luaft g'hört unserem Gott, doa kimme mier erst hin, wenn wir tot sind." Und der Bauer schaut noch oben zu den weißen Wolken und bekreuzigt sich.

Auf der Erde bleiben?

Der Bauer Müller hat mitten in Pennsylvania einen Hof, mit dem er seine Familie ernährt, die sechs Kinder spielen auf dem Hof, helfen im Haus oder im Feld. Tradition und bibelnah leben. "In der Bibel steht nix von einem Luftschiff, also wollen wir auch nichts davon wissen, nicht." Ich tauchte ein in eine Welt, die gut 200 Jahre alt ist, in der die Uhr stehen geblieben ist. Nur die Fortpflanzung funktioniert und die Bibel und die Sprache, in der man sie vor über 200 Jahren las.

Die neue Zeit, sie tue nicht gut, so versucht man, mich zu belehren, sie sei nicht gut für unsere Seele. Wir taugen nicht zum Fliegen. Haben wir etwa Flügel? Hätte Gott das gewollt, dann hätten wir Flügel. Eine Sehnsucht nach da oben, die haben die Menschen im Lancaster County nur in Verbindung mit dem Lebensende.

Begehrte Luftobjekte

Dann fahren wir nach Frankfurt, zu unserem zweiten Protagonisten des Filmes: Auch er träumt vom Fliegen: Hans-Jörg Georgi ist ein Künstler mit Assistenzbedarf. Nein, er ist kein Autist, jeder, der ihn kennt, weiß das, dennoch wird er von der Gesellschaft so abgestempelt. Hans-Jörg vegetierte viele Jahre abgeschoben in einer kleinen Kammer eines Heimes vor sich hin. Niemand wollte etwas von ihm wissen. Ein Spinner, der wie besessen malte und Flugzeuge aus Pappe baute. Das Atelier Goldstein, Christiane Cuticcio, entdeckte ihn vor sieben Jahren. Heute sind seine Luftobjekte begehrte Sammelware für Kunstbesessene.

Einmal erst war Hans-Jörg in der Luft. Als Kind, doch schon damals konnte er als Folge einer Kinderlähmung kaum laufen. Seine Eltern flogen einmal mit ihm nach Salzburg. Helle Begeisterung, für ihn war es die Schwerelosigkeit, die er auf dem kurzen Flug erlebte. Eine absolute Freiheit, auf gleicher Ebene zu sein mit den anderen. Davon träumt er noch heute. Und Hans Jörg zeigt uns, wie viel schöner es sein könnte, wenn wir alle in seine Traumflieger einsteigen könnten. "Komm lass uns fliegen," sagt er und hebt die Arme. Er selbst bewegt sich nur schwer, die Folgen seiner Kinderlähmung machen sich heute im Alter besonders bemerkbar. Immer mehr ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Um so manischer beschäftigt er sich mit dem Flugzeugbau. Seine Kunstwerke werden weltweit ausgestellt, in Tokio wie in New York. Sie wirken wie von Kinderhand gemacht, sie wirken leicht, luftig - auch, wenn sie mit Sehnsucht gefüllt sind.

Ganz nah bei Gott

Der Flugkapitän, der amische Bauer, der Künstler - alle sind sie begeistert vom Fliegen. Von der Freiheit, von der Grenzenlosigkeit, von der möglichen Gottesnähe. Selbst der Bauer aus dem Lancaster County gibt zu, dass ihm die Ortsnähe zu Gott reizen könnte. Auch wenn das für einen gläubigen Amischen verpönt ist, sich mit Gott gleich zu setzen, im Leben bei ihm sein zu wollen. Gott schaut zu, ist immer da, von da oben, so unsere christlich naive Vorstellung. Und wir finden ja auch viele Hinweise dafür in der Bibel, eine deutlicher Hinweis ist Christi Himmelfahrt. Es geht um die mögliche kosmische Verbindung mit dem da oben, mit der entrückten Macht, mit der Ewigkeit. Das sind die Gefühle vom Flugkapitän, dem Bauern und den Künstler. So, als ob eine fremde Macht sie verbindet.

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