Quadrille, Mazurka und Polonaise

Beobachtungen auf dem Petersburger Adelsball

Wir haben Glück, die Petersburger Adelsversammlung feiert den Ball zu ihrem 20-jährigen Wieder-Bestehen genau in unserer Drehzeit. Wir bitten um eine Drehgenehmigung, und Producer Aljoscha Akulow fragt noch vorsichtig nach der Kleiderordnung für das Team. "Smoking und Krinoline" ist die lapidare Antwort. Smoking? Krinoline? Wir verhandeln noch einmal mit der gestrengen Sekretärin der Adelsversammlung und handeln für Kamera-und Tonmann Jeans und Hemd, für den Producer und mich Anzug bzw. Hosenanzug heraus.

Die Schönen des Ostens
Die Schönen des Ostens Quelle: ZDF

Wir sind fast zwei Stunden vor Beginn des Balls in der "Villa Nejgart" im Zentrum von Sankt Petersburg und versuchen herauszufinden, wie genau das Fest ablaufen wird.

Röcke mit bis zu zehn Reifen

In einem Raum im Seitenflügel stehen Spiegel und Garderobenständer bereit, hier sollen sich die adligen Damen umkleiden. Und tatsächlich, alle kommen mit großen Plastiktüten, in denen sich zusammengefaltete Krinolinen, Reifröcke befinden - "Drei Ringe, das ist noch gar nichts!" sagt mir eine der Damen. "Früher trugen die Adelsfräulein Röcke mit bis zu zehn Reifen, die in das Unterkleid eingezogen waren!"

Die Schönen des Ostens
Adelsball 3 Quelle: ZDF




Nur drei also, dazu Schnürkorsetts, dass einem schon beim Zusehen die Luft wegbleibt, Handschuhe bis zu den Ellbogen, und natürlich das russische Pendant zum "fascinator", ein Federbüschel oder ein Schleierhütchen im Haar. In einer halben Stunde haben sich unscheinbare mittelalte Damen zu seidenrauschenden, hochtoupierten, kichernden Fräulein verwandelt - Kameramann Dmitrij Rudakow versucht das Ganze möglichst taktvoll und unter leichtem Erröten beiderseits (Damen und Fotograf) festzuhalten.

Endlich die Eröffnungs-Polonaise!

Und dann endlich die Eröffnungs-Polonaise! Die junge Füstin Warwara Korotkowa-Gagarina, die zum ersten Mal am Ball teilnimmt, kommt nicht in Krinoline, ihr Kleid hat sie am morgen noch schnell bei H&M gekauft, und tanzen, sagt sie, wird sie bestimmt auch nicht. Sie kommt aus einer alten Petersburger Adelsfamilie, ihr Großvater war der erste Vorsteher der wiedergegründeten Adelsversammlung, deshalb will sie sich den Ball wenigstens mal ansehen. Doch schon bei der Eröffnungs-Polonaise wird sie von einem älteren Herren mit Backenbart aufgefordert, und Warwara bleibt nichts übrig, schon schwebt sie über das Parkett (und hat für ihre Performance meine ehrliche Bewunderung).

Die Schönen des Ostens
Adelsball 2 Quelle: ZDF




50 Paare mindestens drehen sich im Ballsaal, und da die meisten der Tänzer und Tänzerinnen in ihrer Jugend ganz normale Sowjetbürger waren und ihre adligen Wurzeln so gut es ging versteckten und sicher keine Balltänze übten, weiß eigentlich niemand so recht, wie es geht. Die Figuren sind schwierig, Quadrille, Mazurka und Polonaise erfordern, dass die Kavaliere ihre Damen in bestimmten Formationen samt Partnerwechsel übers Parkett führen.

"Keiner kann tanzen!"

Wie ein Verkehrspolizist steht deshalb der 90-jährige "Tanzvorsteher" Igor Alexandrowitsch in seinem hellen Sommeranzug mitten im Saal und schubst die Paare jeweils in die richtige Richtung. Eins nach rechts, eins nach links. "Viel zu voll! Und keiner kann tanzen!", murmelt er vor sich hin, aber man sieht ihm an, dass es ihm Spaß macht.

Kameramann Dmitrij Rudakow treibt Hochleistungssport, er läuft hinter den Paaren her, versucht dabei nicht auf die Röcke zu treten und sorgt bei den Tanzpaaren noch zusätzlich für Verwirrung. Nach 50 Minuten ist die "erste Tanzabteilung" herum, Warwara Korotkowa-Gagarina ist wie alle Damen erhitzt und positiv überrascht. "Ich habs mir viel verstaubter und langweiliger vorgestellt" lacht sie in unsere Kamera und fächelt sich Luft zu. Vielleicht wird die junge Frau, die in einer Werbeagentur arbeitet, ja doch noch ein richtiges Adelsfräulein. Nächstes Mal dann aber bitte mit Krinoline.

Die Schönen des Ostens
Adelsball 4 Quelle: ZDF




"So einen Ball kann es nur in Petersburg geben", schwärmt Irina, die Tanzlehrerin aus dem Privat-Gymnasium für Adels-Sprösslinge, die in einem Traum aus blassrosa Seide keinen Tanz auslässt. "Petersburg stellt die Grundatmosphäre für einen solchen Ball her, den Zustand von Körper und Seele. Hier möchte man einfach kein schlechter Mensch sein, hier möchte man sich würdig benehmen. So wie die Stadt eben." Klingt grossartig. Aber ich bin nicht sicher, ob uns im Laufe der Dreharbeiten nicht doch noch der ein oder andere "Unwürdige" begegnen wird.

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