Russlands berühmtester Häftling

Chodorkowski - Symbolfigur im Kampf gegen ein Unrechtsregime

Er ist einer der bekanntesten politischen Häftlinge weltweit: Michail Chodorkowski, der 47-jährige Gründer des Ölkonzerns YUKOS. Er wurde zur Symbolfigur des Kampfes gegen ein Unrechtsregime. Das Gerichtsurteil vom 30. Dezember 2010 hat seine Rolle ein weiteres Mal bestätigt. Trotz internationaler Kritik schickt Moskau seinen berühmtesten Oppositionellen für weitere sechs Jahre in Lagerhaft.

Die Geschichte des Michail Chodorkowski ist kein Heldenmythos. Sie ist eng verbunden mit dem russischen Kapitalismusexperiment, jenen wilden 1990er Jahren, in denen die russischen Eliten das sowjetische Staatskapital untereinander aufteilten. Chodorkowski war ein Gewinner, einer der Glückspilze dieser Zeit, in der viele Russen alles verloren: Renten, Ersparnisse, Arbeitsplätze und - Sicherheit.

Karrierestart als Banker

Die Geschichte des späteren Oligarchen Chodorkowski beginnt 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Nach fast siebzig Jahren soll Russland zur Markwirtschaft transformiert werden. Dafür werden talentierte, schlaue Leute gebraucht, die organisieren können - Männer wie Michail Chodorkowski. Boris Jelzin und sein Team brauchen clevere und skrupellose Persönlichkeiten, die in der Lage sind, die maroden Staatsbetriebe in moderne Unternehmen zu verwandeln, die ein Bankensystem aufbauen können, ohne das keine Markwirtschaft funktioniert. Und so beginnen die meisten Oligarchen, wie auch Chodorkowski zunächst als Banker.

Als Jude wären dem cleveren Sohn eines Chemikerpaares in der Sowjetunion viele Chancen verwehrt geblieben, doch plötzlich stehen ihm alle Wege offen. Mit den nötigen Verbindungen schafft er es, eine Lizenz zu bekommen und gründet die Menatep Bank. In diesen Jahren werden die ersten Vermögen im neuen Russland gemacht.



Unter den sieben Oligarchen, die in den neunziger Jahren weltweit von sich reden machen, ist Chodorkowski ein eher blasser, zurückhaltender Typ, dazu einer der jüngsten. Keine schillernde Persönlichkeit wie Boris Beresowski, der damals schon international für Schlagzeilen sorgt. 1996 droht Boris Jelzin zu scheitern, die Kommunisten liegen in der Sympathie der Bevölkerung vorne.

Kredite für Aktien

Die Oligarchen unterstützen den Wahlkampf des alternden Präsidenten mit hohen Summen. Im Gegenzug erhalten sie Anteile an den Staatsunternehmen. "Loans for shares", zu deutsch "Kredite für Aktien", heißt der Pakt, der schließlich auch Michail Chodowkowski zum Eigentümer einer der größten Ölfirmen der Sowjetunion macht.

Mit aller Härte macht er aus dem maroden Staatsbetrieb ein erfolgreiches Unternehmen namens YUKOS. Gerüchte mehren sich in diesen Jahren, dass Chodorkowski wie auch andere Oligarchen "über Leichen gehen". Das Bild von den jungen, hungrigen Wölfen des russischen Kapitalismus setzt sich in den Köpfen der Russen fest. Tatsächlich verliert der Staat in diesen Jahren Macht: Auftragsmorde sind in der Geschäftswelt an der Tagesordnung, wer sich der Staats- und Geschäftselite entgegenstellt, riskiert sein Leben. Es geht auch bei YUKOS nicht immer mit rechten Dingen zu, doch zu diesem Zeitpunkt herrschen in der russischen Wirtschaft überall undurchsichtige Verhältnisse.

Orientierung an westlichen Standards

Mit zunehmendem Erfolg orientieren sich die Oligarchen immer mehr an westlichen Standards, schließlich wollen sie Investoren gewinnen, international ihre Stellung ausbauen. In diesen Jahren wird aus dem bis dahin eher unauffälligen Oligarchen Chodorkowski ein engagierter Unternehmer, der für Demokratisierung eintritt.



1999 tritt Boris Jelzin ab - sein Experiment ist gescheitert. Sein Nachfolger wird ein Mann, der einen Teil der Eliten repräsentiert, die bis dahin nicht vom Verteilungskampf profitiert haben: Wladimir Putin, ein Mann des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Auch wenn manche Beobachter zunächst geglaubt hatten, Russlands beschreite weiter den Weg in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft - Wladimir Putin macht schnell deutlich, dass es ihm um etwas anderes geht: Sicherung der Macht für die alten Eliten, Militär, Geheimdienste und Polizei.

Legendäres Treffen im Februar 2003

Bei einem legendären Treffen im Februar 2003 macht Wladimir Putin klar, wie er sich die Rolle der russischen Unternehmer künftig vorstellt: Aus der Politik sollen sie sich völlig heraushalten. Zu diesem Zeitpunkt haben einige Oligarchen bereits das Land verlassen. Auch Michail Chodorkowski geht in Opposition zu Putin, doch er bleibt in Moskau. Selbst dann noch, als im Juli 2003 sein Geschäftspartner Platon Lebedev verhaftet wird und es klar scheint, dass seine eigene Verhaftung nur noch eine Frage der Zeit ist.

Warum wählt der YUKOS-Gründer nicht den Weg ins Exil? Im Nachhinein erscheint es beinah wie Größenwahn, dass der zum Kremlkritiker gewandelte Unternehmer sich weigert, Russland zu verlassen. Aber gerade diese Entscheidung machte ihn zur Symbolfigur. Denn seine Verhaftung, die Prozesse und die erneute Verurteilung führten der Welt eindrucksvoll vor Augen, dass auch die Justiz für das Regime in Moskau ein Mittel zum Zweck ist: zur Absicherung der eigenen Macht.

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