Die Mutter aller Flüsse

Wie die Dokumentation entstanden ist

Am 29. Dezember 2014 ist im ZDF die große Sambesi-Dokumentation"Sehnsucht, Safari, Sambesi" zu sehen. Hinter den 45 Sendeminuten stecken Monate der Arbeit. Genauso wie literweise Herzblut – und zuweilen auch ein wenig Verzweiflung. Die Geschichte hinter der Geschichte...

07. September 2014, Mosambik. Wir befinden uns auf dem Weg zu einem Ort namens Chinde an der Mündung des Sambesi. Der Protagonist, der die Doku abrunden soll, wird bald eintreffen. Er ist den gesamten Sambesi entlang gewandert. Nun, nach zwei Jahren erreicht er den Indischen Ozean – eine Woche früher als geplant. Es ist die Chance ihn zu filmen. Die einzige.

Klick.

In Kürze soll der Dreh beginnen. Es hat geregnet. Die Straße – kaum mehr als ein Trampelpfad – ist aufgeweicht und der Allrad-Antrieb des Jeeps gibt den Geist auf. Wir stecken fest. Das einzige Fahrzeug in Reichweite, der noch durchkäme, ist ein angerosteter Traktor mit Hänger. Wir haben keine Wahl. Die Fahrt ist eine Tortur. Bei jeder Unebenheit werden Team und Gepäck durchgeschüttelt. Doch wir kommen unserem Ziel näher.


Bevor wir den Protagonisten filmen, müssen wir noch Aufnahmen des Sambesi-Deltas machen. Um den Fluss und die Mündung in ihrer ganzen Größe zu zeigen, wollen wir mit einem Helikopter über den Sambesi fliegen. Doch mit einer einfachen Kamera könnten die Bilder zu sehr unter dem ruckeligen Flug leiden. Deswegen mit im Gepäck: eine große Kamera mit Spezialaufhängung, die die Erschütterungen abfangen soll. Doch derzeit ist es fraglich, ob wir überhaupt den Ort des Geschehens erreichen. Die Straße ist mittlerweile ein Schlammloch. Der Traktor ächzt unter der Belastung. Ob wir es rechtzeitig schaffen, wissen wir nicht. Viel schlimmer kann es nicht kommen.

Klick.

Es sei denn, die große Kamera wäre kaputt. Klick. Obwohl der Schalter gedrückt ist, leuchtet der kleine Bildschirm nicht auf. Er bleibt schwarz. Kein Flimmern. Kein Surren. Die große Kamera ist tot.

Von Heuschrecken und Elefanten

Auf einer Fläche weit größer als Deutschland erstreckt sich das Kaza-Schutzgebiet entlang des Sambesi. Fünf Länder – Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe – haben sich zusammengeschlossen, um einen grenzübergreifenden Schutzraum zu schaffen. Und um den Elefanten das Wandern zu erlauben. Denn bleiben die Dickhäuter in kleinen Schutzreservaten eingesperrt, fressen sie alles nieder: Busch, Baum, Strauch – Elefanten sind wie Heuschrecken. Um sie und mit ihnen den Kaza-Park zu filmen, lassen wir die Autos zurück und besteigen ein Hausboot, von dem wir die nächsten Tage aus drehen werden.
Es ist Trockenzeit. Die meisten Wasserlöcher sind bereits versiegt, sodass die Tiere sich häufig an den Ufern des Sambesi einfinden. Gute Chancen für uns, ein paar tolle Aufnahmen aus nächster Nähe zu bekommen. Und tatsächlich treiben wir wenig später an einer Gruppe Elefanten vorbei. Selbst ein Jungtier ist darunter. Die grauen Riesen scheinen sich sicher zu fühlen, sodass wir nah an sie herankommen.

Die Nacht verbringen wir auf einer Sandbank im Fluss. Doch obwohl die Landschaft atemberaubend schöne Bilder verspricht, spielt das Wetter nicht mit: Der Himmel ist bedeckt, das Licht für Aufnahmen alles andere als optimal. Die Alligatoren, die wir über den Tag verstreut gesehen haben, lassen uns jedoch in Ruhe.
Am nächsten Morgen filmen wir die Uferlandschaft des Flusses. Um die Breite des Flusses zu zeigen, wären Luftaufnahmen das Beste gewesen. Doch eine komplette Drohnen-Crew zu engagieren, wäre zu viel Aufwand – und außerdem sehr teuer. Um den Sambesi dennoch von oben zu zeigen, klettert Kameramann Joe auf das Dach des Hausboots, das ähnlich groß wie ein Jeep ist. Obwohl das Boot leicht schlingert, gelingen ihm einige unverwackelte Bilder des Wasserstroms – ähnlich wie die einer Drohne aus vier, fünf Metern Höhe.

Die Lhozi – Ein Volk auf Wanderschaft

Ein Stück weiter flussaufwärts leben die Lhozi, eine der größten Ethnien am Flusslauf. Ein Volk, das seit Ewigkeiten auf Wanderschaft ist. Jedes Jahr tritt der Sambesi über die Ufer und überschwemmt die flachen Graslandschaften. Und jedes Jahr ziehen die Lhozi am Beginn der Überschwemmungszeit in höher gelegene Gebiete, nur um ein halbes Jahr später in die wieder trocken liegenden Gebiete nahe des Sambesis zurückzukehren. Der Umzug erfolgt in aufwendig geschmückten Barken – DAS Ereignis am Sambesi. Angeführt wird die eindrucksvolle Prozession vom König der Lhozi. Doch da vor Kurzem ein Mitglied der Königsfamilie gestorben ist, wurde das Fest für dieses Jahr abgesagt. Und obwohl wir uns monatelang bemühen, eine Audienz bei dem König zu bekommen, haben wir kein Glück.

In Senanga, einer Siedlung in Sambia, warten wir darauf, dass man uns vielleicht doch noch vorlässt. Während Producer Twoboy am Ufer des Sambesi steht, fährt ein Einbaum-Kanu vorbei. Drei Frauen und zwei Männer bringen gefangenen Fisch auf den Markt. Die Fischer sprechen Lhozi, unser Producer seZutu. Zwei Sprachen, die sich so stark ähneln, dass es möglich ist, sich zu unterhalten.
Die Lhozi laden uns ein, sie in ihren Hütten am Ufer des Flusses zu besuchen. Ein Glücksfall; denn solche Protagonisten aus dem fernen Johannesburg zu casten, ist schlichtweg unmöglich. Mit einem angemieteten Boot machen wir uns auf den Weg zu den Fischern. Da derzeit Trockenzeit ist, sind die Lhozi an das Sambesi-Ufer gezogen. Ihre provisorischen Hütten bestehen aus kaum mehr als getrockneten Gräsern und Ästen. Ihre eigentlichen Häuser stehen – sicher vor den Fluten – in höher gelegenen Gebieten.

“Oriental Swan” – Africa made in China

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Chief Mukoni weiht das Hotel "Oriental Swan" nahe der Viktorfälle ein.

Nach wie vor gibt es keine Nachricht vom Lhozi-König. Der Ältestenrat, der über unser Anliegen zu entscheiden hat, kann sich nicht auf einen Termin einigen. Warum, sagt man uns nicht. Doch statt des Lhozi-Königs bekommen wir einen Häuptling der Tokolea, einem Volk, dass stromabwärts nahe der Viktoria-Fälle lebt. Chief Mukuni residiert in seiner traditionellen Rundhütte, inklusive Elefantenstoßzähnen hinter seinem Häuptlingssitz und einem Löwenfell zu seinen Füßen. Ein Geschenk der Regierung, wie wir erfahren. Zufällig steht heute auf seinem Terminplan die Einweihung des ersten chinesischen Hotels an den großen Wasserfällen. Großzügig lädt er uns zu der Veranstaltung ein. Das gerade fertiggestellte Hotel ist das “Oriental Swan”, die neueste Errungenschaft eines chinesischen Investors. Ein flacher, weißer Bau, zur Feier mit Dutzenden, ein wenig kitschigen, roten Lampions behängt.
Die Einweihungsfeier selber ist pompös. Chief Mukuni und seine Frau fahren in einer schwarzen Stretchlimousine vor. Die chinesischen Gastgeber schießen aus allen Rohren mit Konfetti-Feuerwerk, während im Hintergrund Musik aus Lautsprechern wummert. Besser ist Chinas Einfluss in Afrika kaum auf den Punkt zu bringen: skurril, pompös und ein wenig zu laut.

Kariba-Stausee – Und der Flussgott zürnt

Etwa auf halben Weg in Richtung Indischer Ozean staut der Kariba-Damm das Wasser des Sambesi. Die Staumauer wurde 1959 fertiggestellt und schuf einen der größten Stauseen weltweit. Mittlerweile sei der Damm einsturzgefährdet, sagen Experten. Der Chefingenieur winkt jedoch ab: Die Risse im Beton seien nicht besorgniserregend.
Weniger gut auf den Damm zu sprechen ist Julius Siakaloba, ein Mann vom Volk der Tonga, das einst um den Sambesi siedelte, aber den sich stauenden Fluten weichen musste.

Siakaloba ist die zweite Generation der Tonga, die ihre Heimat verlassen mussten. Die Hütte seiner Eltern stand einst dort, wo heute der Grund des Stausees ist. Er selbst arbeitet als Tagelöhner und fährt mit einem Fischer-Floß am späten Abend mit uns auf den Karibasee. Dort versenkt er Rundnetze im Wasser, um Kapenta-Sardinen zu fangen. Mit Dieselmotoren betreiben die Tonga-Fischer große Lampen, die die Fische anlocken sollen. Ihr Dröhnen hallt während der ganzen Nacht über den See. Nach zwei Stunden zieht Siakaloba das Netz wieder nach oben. So viele Sardinen wie vor einigen Jahren sind es schon lange nicht mehr. 10 US-Cent kriegt er pro Kilo und die Fänge gehen zurück. Wie lange sich die Tonga noch von dem ernähren können, was ihr Fluss ihnen bietet, ist ungewiss. Der Flussgott ist wütend über den Bau des Staudamms, sind sie überzeugt. Er trennt ihn von seiner Frau. Die zunehmenden Erdbeben in der Region seien ein Zeichen seines wachsenden Grolls.

Das Ende der Reise – Die Mutter alle Flüsse

Das Ende der Dokumentation soll die Geschichte eines Mannes sein, der den gesamten Fluss entlang gelaufen ist: David Lemon. 69 Jahre, auf der Reise zeitweilig sogar an Malaria erkrankt, doch nach wie vor auf den Beinen. Auch wenn man ihm die Strapazen ansieht. Lemon hat auf seiner Wanderung stark an Gewicht verloren. Seine Haut hat unter der afrikanischen Sonne gelitten. Doch kaum jemand kennt den Sambesi so gut wie er. Die "Mutter aller Flüsse" nennt Lemon seinen Fluss fast zärtlich. Nach zwei Jahren nähert er sich nun der letzten Etappe seiner Reise. Uns hat er versprochen, ihn auf seinen letzten Metern filmen zu dürfen.

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Kameramann Joe auf dem Traktor, der das Team an die Küste bringen soll.

Als uns schließlich der Anruf erreicht, muss alles sehr schnell gehen. Lemon wird den Indischen Ozean eine Woche früher erreichen als geplant. Innerhalb von wenigen Tagen müssen ein Filmteam und die Ausrüstung an die mosambikanische Küste gebracht werden. Eine zweite Chance wird es nicht geben.

Vier Tage später haben wir beinahe den Küstenort Chinde an der Mündung des Sambesis erreicht. Die letzten Kilometer auf dem Hänger sind eine Qual. Nach fünf Stunden Durchgeschüttelt-Werden sehnen sich alle nach dem Ende der Fahrt. Als wir zwischendurch checken, ob die Technik bereit für den Einsatz ist, geschieht das, was der Alptraum eines jeden Journalisten ist: Der Protagonist ist fast da, das Zeitfenster knapp, der Helikopter für die Luftbilder bereits bezahlt. Und dann gibt die Technik den Geist auf. Die teure Kamera für ruckelfreie Bilder ist kaputt. Kein Bild, kein Ton, kein gar nichts.

“Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Wir waren wirklich verzweifelt”, erinnert sich Timm, unser Autor. “Ich fühlte, wie mein Herz wild klopfte. Und dann kommt dieser Fatalismus: Du denkst, es ist so schlimm, jetzt geht es auch nicht mehr weiter nach unten. Die Katastrophe ist da. Es muss wieder bergauf gehen.” Durch Zufall befindet sich eine kleine Ersatzkamera im Gepäck. Doch ob sie Bilder in ausreichender Qualität aus einem fliegenden Helikopter schießen kann, ist nicht sicher. “Am Ende haben wir uns entschieden, es durchzuziehen”, sagt Timm. Zehn Minuten vor dem Start des Helikopters erreicht der Rest der Crew noch rechtzeitig den Ort. Kameramann Joe hat keine Zeit, um mit der neuen Kamera zu üben. Jetzt muss alles schnell gehen.
Keine Zeit über das Für und Wider zu diskutieren. Der Hubschrauber schraubt sich in die Luft. Jetzt heißt es: Augen zu und durch. Kameramann Joe hängt aus der Helikoptertür und versucht, die Erschütterungen abzufedern. Den Blick stets auf den Sambesi gerichtet, der Mutter aller Flüsse.

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