Unfall im brasilianischen Niemandsland

ZDF-Autor Andreas Wunn berichtet

Wir haben gerade unsere Dreharbeiten beim Indio-Stamm der Xikrim beendet, tief im Amazonas-Regenwald im brasilianischen Bundesstaat Pará. Hitze, Mücken, drei Nächte in der Hängematte. Der Rückweg in die Zivilisation: Zwölf Stunden im Geländewagen bis zur nächstgrößeren Stadt Marabá, von wo aus wir einen Flieger in die Amazonas-Metropole Belém und dann weiter nach Rio de Janeiro nehmen möchten. Doch auf dem Weg passiert es: Ein Autounfall.

Die Straße, auf der wir fahren, ist asphaltiert. Jedoch mit den größten Schlaglöchern, die ich je gesehen habe. So groß wie LKW-Reifen, zwanzig Zentimeter tief und mehr. Bei Nacht wäre die Fahrt hier lebensgefährlich. Wir passen auf und sind in langsamer Geschwindigkeit unterwegs, doch sehen den Kleinwagen zu spät, der vor uns wegen eines Schlaglochs abrupt zum Stehen kommt. Wir fahren drauf, es kracht, zum Glück wird niemandem etwas passieren.

Es gibt kein Handynetz und es ist Sonntag

Doch nun fangen die Probleme erst an. Es gibt kein Handynetz, es ist Sonntag, nur mit Mühe bekommt das verschreckte junge Pärchen sein Auto mit zerbeulter Stoßstange und zerborstener Heckscheibe wieder flott. An unserem Geländewagen nur ein paar Schrammen. Im Zweierkonvoi fahren wir in die nächst größere Stadt, Parauapebas, und versuchen dort die Polizei zu alarmieren. Unsere Producerin Luciana probiert es beim Notruf.
„Wir sind dafür nicht zuständig, bitte versuchen Sie es bei der nationalen Polizei.“
„Könnten Sie mir vielleicht die Nummer geben?“, fragt Luciana.
Ein wenig später, Anruf bei der nationalen Polizei.
„Wir sind dafür nicht zuständig, bitte rufen Sie die Polizei des Bundesstaates an.“
„Hätten Sie eine Nummer für mich?“
„Nein.“
Wir versuchen es noch einmal beim Notruf.
„Könnten Sie mir die Nummer der Polizei des Bundesstaates geben?“
„Die haben wir leider nicht. Bitte rufen Sie doch die nationale Polizei an.“
„Haben wir gerade gemacht.“
„Hmm, dann rufen Sie bitte hier noch mal in einer halben Stunde an.“
Nach einer halben Stunde bekommen wir die Nummer, doch dort geht niemand dran. Es hilft alles nichts, wir fahren zur örtlichen Polizeistation. Die Türen sind unverschlossen, die Klimaanlage läuft. Doch keiner ist da, das Gebäude ist leer. Vielleicht alle in der Mittagspause?
Zurück zur staubigen Tankstelle, wo wir inzwischen seit ein, zwei Stunden stehen und warten. Eine Mitarbeiterin der Autovermietung kommt zu uns, wenigsten das geht relativ schnell.
„Sonntags gibt es hier keine Polizei“, sagt sie schulterzuckend.
Wir regeln alles mit der Versicherung und fahren endlich weiter. Spät abends, als wir erschöpft in unserem Hotel in Marabá eintreffen, lese ich eine Zeitungsschlagzeile: „Neun Morde und fünf Vergewaltigungen pro Tag in Pará.“ In der Gewaltstatistik liegt der Bundesstaat Pará ganz vorne in Brasilien. Und die Gewalt im ganzen Land steigt ständig, im Jahr 2012 um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Im Amazonas-Bundestaat Pará, doppelt so groß wie Frankreich mit nur rund acht Millionen Einwohner, sind einige der größten Probleme Brasiliens wie im Brennglas zu beobachten: Gewalt, Kriminalität, schwacher Staat, schlechte Infrastruktur. Hier fühle ich mich nicht wie im Sehnsuchtsland, sondern wie im Niemandsland. Ich bin nur froh, dass wir nach dem Unfall keinen Krankenwagen brauchten.

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