Showdown in Anklam

Eine Stadt kämpft um die Demokratie

So weit ist es in Anklam schon gekommen!" Dr. Uwe Schultz, der SPD-Fraktionsvorsitzende, hat das Wort im Stadtparlament von Anklam ergriffen, und jetzt bebt seine Stimme. 7,3 Prozent der Stimmen hat die SPD vor wenigen Wochen bei der Kommunalwahl erhalten, acht Stimmen weniger als die NPD. "20 Jahre Sozialdemokratie in Anklam - fast auf den Tag genau", sagt Schultz ergriffen. "Und dann dieses Resultat!"





Anklam im Nordosten der Republik, rund 13.000 Einwohner, jeder Vierte ohne Arbeit. In den umliegenden Dörfern wählen die Bürger zu fast einem Drittel rechtsextrem - wenn überhaupt. Die Volksparteien CDU und SPD kommen in Anklam zusammen nur noch auf ein Drittel aller Stimmen. Die bestimmende Kraft ist jetzt eine Vereinigung lokaler Unternehmer, die sich "Initiativen für Anklam" nennen. Sie stellen den Bürgermeister Michael Galander, einen Straßenbauunternehmer aus dem Westen. Seit Galander 2002 ins Amt gekommen ist, liegt er mit den Stadtvertretern im Streit. Er will die Stadt wie ein Unternehmen führen, die Diskussionen in den Ausschüssen nerven ihn.

Der Kampf ums Rathaus beginnt





"Das ist Demokratie", sagt Monika Zeretzke, die Chefin der LINKEN. "Schlimm, dass ich ihm das als Ost-Tante erklären muss!" Erst stritten sie sich nur über Galanders neuen Dienstwagen, kostspielige Dienstreisen und seinen eigenmächtigen Führungsstil, doch Ende 2007 stand plötzlich die Staatsanwaltschaft vor dem Rathaus. "Untreue", lautete der Vorwurf: Der Bürgermeister habe Bauaufträge an ihm genehme Firmen vergeben und selbst davon profitiert. Die Stadtvertreter suspendieren Galander von seinem Amt. Doch nach zwei Jahren Ermittlungen weist das Landgericht die Klage zurück, kurz vor den anstehenden Bürgermeisterwahlen.


Der Kampf ums Rathaus beginnt. Die CDU will mit einem jungen Kandidaten zurück an die Macht. Und auch Galander tritt wieder an. Nach zwei Jahren ohne Bürgermeister - Galander war wegen des Korruptionsverdachts suspendiert - warten große Aufgaben auf die Demokraten: Die Wähler sind nach den Querelen in der Stadtvertretung verdrossen wie nie zuvor, die Stadtkasse ist leer, und im Sommer plant die NPD ein großes Kinderfest.

Die Lokalpoltik am Ende





"Showdown in Anklam" zeigt ein Jahr Anklamer Lokalpolitik. 20 Jahre nach der Wende kämpfen ihre Protagonisten um die Demokratie, auf die sie so lange gewartet haben. Wie Monika Zeretzke, die Linke, die sich im Arbeitslosenverband engagiert und selbst seit einem Jahr ohne Arbeit ist. Oder Karl-Dieter Lehrkamp von der CDU, dem es als Chef der Wohnungsgenossenschaft immer schwerer fällt, Mieter für leerstehende Wohnungen zu finden. Oder Renate Jasinski, die im Sanitärbetrieb ihres Mannes die Buchhaltung erledigt und im Rechnungsprüfungsausschuss die Hotelrechnungen des Bürgermeisters unter die Lupe nimmt. Und Dr. Uwe Schultz, der alte Sozialdemokrat, der sich inzwischen immer mehr der Bienenzucht widmet, "denn im Bienenstock herrscht wenigstens Harmonie".



Film von Anita Blasberg, Marian Blasberg und Lutz Ackermann

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet