"So ist die Bergwelt noch nie rübergekommen"

Jens Monath über die Erfahrungen der Redaktion mit ihrer ersten 3D-Produktion

3D boomt. Kein Zweifel. Nicht nur im Kino. Immer mehr Fernsehdokumentationen werden für den internationalen Markt auch in 3D angeboten. Und wer je Tieraufnahmen wie eine Pferdeherde oder einen Vogelschwarm in 3D gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, das "nur" noch in 2D sehen zu können. Doch sind da die Kosten, die schwierige Aufnahmetechnik, der ungewohnte und nicht erprobte Workflow. Viele scheuen das Risiko einer solchen Herausforderung.

Regisseur Jens Monath mit Bergführer und Thomas Huber
Regisseur Jens Monath mit Bergführer und Thomas Huber Quelle: ZDF,Peter Borig

Doch auf ZDF-Kulturchef Peter Arens und Redaktionsleiter Alexander Hesse hatten die bei der BBC gesehenen 3D-Tierbilder starke Wirkung hinterlassen, so dass sie sich entschlossen, ein eigenes 3D-Projekt auf den Weg zu bringen. So fing alles an, was nun mit den "Huberbuam" in unseren ersten eigenproduzierten 3D-Film mündet.

Die Idee zu dem 3D-Film entsteht

Als Alexander Hesse die Idee hatte, die Huberbuam in den Mittelpunkt eines 3D-Films zu stellen, atmete ich erst einmal tief durch. Nachdem ich "Am Limit" vor Jahren gesehen hatte und vor allem auch das Making-of kannte, war mir sofort klar, wie kompliziert die Aufnahmen sein würden - selbst schon im 2D-Bereich. Auf der anderen Seite fand ich die Herausforderung klasse. Wir vom ZDF probieren etwas, was sich noch kein Sender der Welt getraut hat: einen Bergfilm mit extremen Aufnahmen in 3D. Innovativ, riskant, völliges Neuland.

Kameramann Claus Köppinger mit 3D-Kamera
Kameramann Claus Köppinger mit 3D-Kamera Quelle: ZDF,Peter Borig

3D-Filmen muss gelernt werden

Zunächst galt es nun, eine eigene Kompetenz zu erlangen; nicht nur für mich, als Autor und Regisseur, sondern für das ganze Team. Matthias Haedecke, Leiter des ZDF-Geschäftsfeldes Bildgestaltung, erwies sich hier einmal mehr als starke Stütze. Er wusste, wo man eine solche Weiterbildung erhalten konnte. Gemeinsam mit Kameramann Claus Köppinger und dem Assistenten Jan Prillwitz trafen wir uns mit einem Großen im 3D-Bereich: Phil Streather. Er ist einer der Pioniere und hat nicht nur einige große Tierdokumentationen in 3D produziert, sondern auch die Oper "Carmen" - ein einzigartiges Seherlebnis! Schnell übertrug sich seine Begeisterung auf uns - aber auch der Respekt für diese umfassende und alles andere als einfache Aufnahmetechnik.

Richtige Aufnahmetechnik gesucht

Große Studiokameras auf Schienen, gleich zwei davon, weil ja Stereoaufnahmen nötig sind, ein Steadycam-Rig, das selbst noch in seiner verschlankten Form über 35 Kilogramm wiegt - all das machte es nicht leichter, die richtige Kameratechnik für die Aufnahmen am Berg und für eine Fernsehdokumentation zu finden, die anders als eine Studioproduktion größeren Unwägbarkeiten unterliegt. Auch wollten wir flexibler sein, als man es mit großem Equipment ist, und mussten dafür sorgen, dass die Umbauzeiten minimiert werden, da wir die Huberbuam schlecht stundenlang in den Seilen hängen lassen konnten. Bei alldem durften an der Qualität der Bilder und ihrer Auflösung keine Kompromisse gemacht werden. HD musste es auf jeden Fall sein. Schnell stellten wir fest: Das, was wir brauchten, gab es nicht als feststehendes System. Wir mussten es erfinden und selbst bauen. Jetzt ging die Arbeit erst richtig los.

Neuer Beruf am Set

Mittlerweile war der renommierte Stereograph Alaric Hamacher mit seiner Crew von Virtual Experience ins Team gekommen. Ein Stereograph gehört an jedes 3D-Set, er muss in Absprache mit dem Regisseur und dem Kameramann die 3D-Effekte vor und hinter der Scheinfensterebene festlegen. Über Monate entwickelte Alaric Hamacher mit seiner "rechten Hand" Max Laufer und dem DOP Claus Köppinger die richtigen Kamerasysteme für den Berg. Dutzende Systeme wurden erörtert, manche erprobt, fast alle verworfen, weil sie zu schwer, zu unflexibel, die Kameras nicht zu synchronisieren waren und und und ... Vier Tage vor Drehbeginn standen die Systeme endlich und wurden als Prototypen eingesetzt.

Wie schreibe ich ein 3D-Drehbuch?

Regisseur Jens Monath mit Stereografen
Regisseur Jens Monath mit Stereografen Quelle: ZDF,Peter Borig

Doch es war nicht nur die technische, sondern auch die inhaltliche Seite, die von uns eine neue Arbeitsweise erforderte. Denn wie schreibe ich ein Drehbuch, in dem ich die Effekte vor und hinter der Scheinfensterebene festlege? Dafür gibt es eine eigene Rubrik in einem 3D-Drehbuch, das sogenannte Tiefenbudget. Das legt fest, wo welcher Effekt stattfindet und auch in welcher Stärke: Wie weit lasse ich beispielsweise nach vorne - ich nenne es immer in das Wohnzimmer des Zuschauers - die Steine poltern? Wie weit fliegen Wassertropfen in den Zuschauerraum? Wie weit schleudert das Bein von Thomas Huber bei einem Sprung am Berg Richtung Zuschauer (der Fachmann nennt die Pop-Out-Effekte, die vor der Bildschirmebene stattfinden, Effekte in der negativen Paralaxe)? Um diese für das richtige 3D-Feeling so wichtigen Fragen zu beantworten, machten wir uns zur Vorbesichtigung auf. Jede Einstellung wurde durchgeplant, teilweise durchgespielt, so dass wir eine genaue Vorstellung vom Terrain, der Handlung und den Effekten bekamen.

Wie setze ich das Drehbuch in 3D um?

Dazu gehörte für mich als Regisseur in Absprache mit dem Stereographen und dem Kameramann auch, jedes Bild auf seine 3D-Tauglichkeit abzutasten: Ist die Zweiereinstellung mit den Huberbuam vor dem Berg stehend 3D-tauglich? Wirkt das Close up von Alexander Huber am Berg überhaupt dreidmensional? Oder ist es vielleicht sogar reizvoll, nicht jedes Bild in 3D zu fahren, damit der Aha-Effekt zum nächsten vollen 3D-Bild wieder gegeben ist? Fragen über Fragen, die wir in stundenlangen Diskussionen nach und nach lösten, so dass wir irgendwann genau wussten, was wir wollten und konzentriert drehen konnten. Die sehr gute Vorbereitung sorgte dabei dafür, uns den nötigen Freiraum zu geben, um einige Bilder dann doch anders oder völlig neu zu konzipieren.

Überwältigendes Ergebnis

Und dass diese ganze Arbeit, die hier nur in groben Auszügen geschildert werden kann, sich lohnt, sieht man spätestens beim Mustergucken am Abend nach dem ersten Drehtag. Obwohl wir doch alle schon 3D-Filme kannten, Probeaufnahmen gemacht hatten und sogar am Set über ein Parallelausspielungsverfahren die Takes anaglyph (rot-grün Brille) ansehen konnten, waren wir überwältigt, wie stark manche Effekte uns berührten. In den Bildern war ein Sog, den wir von 2D überhaupt nicht kannten. Wenn die Kamera über Thomas Huber schwebt (die Bergkameramänner Franz Hinterbrandner und Max Reichel machten einen Superjob!), ihn von vorne aufnimmt, wie er am Berg quasi aus dem Bildschirm in das "Wohnzimmer" klettert und dann auf einmal den Halt verliert und am Seil abstürzt, geht es einem durch Mark und Bein. Man ist dabei, man ist selbst am Berg, man klettert mit. Ein Feeling, das wir alle so noch nicht kannten. In 2D spannend, in 3D eine Wucht, die mitreißt.

Der Zuschauer ist körperlich dabei

Auch die Huberbuam selbst waren schwer beeindruckt, als sie sich am Berg sahen. So, sagen sie, sei die Bergwelt noch nie rübergekommen, so habe sie der Zuschauer noch nicht erfahren können. Das ist das große Plus für den Zuschauer, der Mehrwert, das, was er noch nicht kennt. Er ist körperlich dabei, anders lässt es sich nicht beschreiben. Sein Körper empfindet, was er sieht, weil die Wirkung durch den dreidimensionalen Raum so unmittelbar auf ihn wirkt. Es ist eine Erfahrung, die man nicht mehr missen will, so dass es für uns alle gar nicht mehr so einfach sein wird, wieder einen "normalen" 2D-Film zu produzieren. Denn eins darf bei allem Enthusiasmus nicht aus den Augen verloren werden: Wir durften an einer großen Ausnahmeproduktion für das ZDF teilnehmen, denn noch ist 3D weit davon entfernt, die Regel zu werden. Ein Anfang aber ist gemacht.

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