Startschuss für die Passionsspiele

Der Oberammergauer Haar- und Barterlass

Wir sind in Oberammergau. Es ist Winter. Der Himmel ist blau und die Bergspitzen weiß. Aus jedem zweiten Haus riecht es nach Mittagessen. Es ist gemütlich hier. Ordentlich. Bayerisch. Heute, am Aschermittwoch 2009 ist ein besonderer Tag für das Dorf - und für uns.

Oberammergau im Winter Quelle: ZDF

Der offizielle Startschuss für die Passionsspiele ist der Haar- und Barterlass, ein Aufruf an alle, sich Haare und Bärte stehen zu lassen. Am Passionstheater treffen wir Spielleiter Christian Stückl. Er trägt ein kariertes Hemd und einen grauen Strickjanker. Er ist unheimlich freundlich, offen, hilfsbereit - wie alle in Oberammergau.

Und er macht uns schnell bewusst, was den Oberammergauern die Passion bedeutet: nämlich alles, und das von Kindesbeinen an. Der Oberammergauer Gastwirtssohn hat ganz traditionell Holzschnitzer gelernt, bevor er Theaterprofi wurde. Er ist 47, Intendant des Münchner Volkstheaters und inszeniert Spektakel wie den "Jedermann" in Salzburg oder die WM-Eröffnung 2006 in München. Seit seiner Kindheit ist er "infiziert" von der Passion. Es sei ein wenig wie eine Krankheit, die man nicht mehr loskriegt.

Regisseur und Schauspieler im Interview

Die Sache mit dem Bart

Zum Haar- und Barterlass hat Christian Stückl eine Anekdote parat: Nämlich, dass die Rollen als Römer besonders begehrt seien, weil man sich da nämlich keinen Bart wachsen lassen muss. Und dass sich die Männer im heiratsfähigen Alter ungern Bärte stehen lassen, weil sie denken, dass sie dann keine Frau mehr abbekämen. Pünktlich zur Spielerwahl im April gäbe es im Dorf ganz verbreitet Schuppenflechte. Stückl lacht.

Gerüchteküche brodelt...

Aber letztlich fänden es alle in Oberammergau total spannend und machen mit. Auch Metzger Christian Gerold muss sich bis zur Spielerwahl im April Haar und Bart wachsen lassen. Auch er will Römer werden. Wegen seinem Beruf. Das sei einfach hygienischer, wenn man mit Lebensmitteln arbeitet, meint er.


"Wer gibt den Jesus, wer die Maria, wer den Judas?" - Dieses Thema bestimmt das Dorfgeschehen. Seit Wochen fiebern die Oberammergauer auf die Spielerwahl im April hin. Die Gerüchteküche im Dorf brodelt. Denn noch sind die Namen der Hauptdarsteller, die Spielleiter Stückl noch vom Gemeinderat absegnen lassen muss, streng geheim.

Dabei wäre Stückl kürzlich fast ein Malheur passiert: Er war mit dem Auto nach München unterwegs, als ihm plötzlich einfiel, dass er seine Vorschlagsliste offen auf dem Tisch in seiner Wohnung liegengelassen hatte, und er sich zudem nicht sicher war, ob er die Haustür abgeschlossen hatte. Mit Vollgas fuhr er zurück nach Oberammergau - und behob mit einem großen Seufzer den Faux Pas.

Veröffentlichung der Schauspieler
Veröffentlichung der Schauspieler Quelle: ZDF

Verkündigung mit Tradition

Am Samstag, 18. April 2009, ist der große Tag der Bekanntgabe endlich gekommen. Auch wir sind für den großen Festakt extra aus München angereist. Wie weitere 80 akkreditierte Journalisten, ein gutes Dutzend TV-Teams und Radiosender.

Dazu um die 2000 Besucher beim Festgottesdienst. Um 13:00 Uhr wird das große Geheimnis endlich gelüftet. Mit Kreide schreibt Malermeister Willi Häßler die Rollenbesetzung auf zwei große Tafeln. Das dauert. Eineinhalb Stunden insgesamt. Zum siebten Mal darf der 78-jährige dieses ehrenvolle Amt übernehmen. Seit 1960 ist er "der Mann an der Tafel", seit 1950 ist Häßler als Darsteller mit dabei. Aber wen genau er dieses Mal spielen wird, das weiß er auch noch nicht. Ebenso wenig wie die anderen 2500 Ammergauer.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet