Sternenkunde als Eintrittskarte?

Die Jesuiten und die "Be­keh­rung durch Wis­sen­schaft"

Neue Entdeckungen im 17. Jahrhundert erlauben die Entschlüsselung der "Geheimnisse des Himmels". Astronomische Maschinen zeichnen die Bahnen der Planeten nach. Das Firmament wird zu einem Buch, und die Sternenkunde zu der Wissenschaft, die darin zu lesen versteht. Dieses Wissen wollten sich die Jesuiten bei der Verbreitung des christlichen Glaubens in China zunutze machen.

Schall als 'Meister der Geheimnisse des Himmels" Quelle: ZDF

Die Konstantinische Wende hatte zum Sieg des Christentums in Europa geführt. So wie das Christentum im Abendland einzog, sollte es auch im Land der aufgehenden Sonne geschehen. Der 26-jährige Johann Adam Schall von Bell aus Köln soll gemeinsam mit 22 weiteren Jesuiten das Erfolgsmodell der Konstantinischen Wende nach China exportieren.

Anpassung eines Erfolgsmodells

Voraussetzung für den Erfolg der Jesuiten in China war das Einverständnis von Papst Paul V., die Mission den chinesischen Verhältnissen anzupassen. Denn auch die Europäer hatten erkannt: "China ist natürlich eine Kulturnation." Die Klugheit dabei bestand darin, entsprechend dieser Erkenntnis die Methode der Missionierung anzupassen. "Akkomodation" wurde diese Strategie genannt. Die Anpassung an die Traditionen im Reich der Mitte soll nicht nur den Erfolg der Mission ermöglichen. Die Akkomodation dient auch dazu, das Überleben der Europäer zu sichern. Denn ein erster Missionsversuch in China war 1616/17 kläglich gescheitert, als es in China zu Christenverfolgungen kam.

Desillusioniert durch die zerstörte Missionsstation in Peking wissen Adam Schall und seine Mitstreiter, dass ein schwieriger Weg vor ihnen liegt bis zur angestrebten Konstantinischen Wende in China. Durch Dienstbarkeit wird man sich die Gunst der Herrscher erwerben müssen - und dann alles daran setzen, sie nicht wieder zu verlieren. "Das ist eine Konstante in der ganzen chinesischen Herrschaftsgeschichte", erklärt Roman Malek, Professor für Sinologie an der Universität Bonn, "dass die Herrscher pragmatisch die Menschen oder die Ideen nutzen, die nützlich sind. Und wenn sie nicht mehr nützlich sind, werden die einfach verworfen".

Prognose von Sonnenfinsternis Quelle: ZDF

Die Jesuiten und die Sterne

In Rom setzt man deshalb bei der China-Mission auf das Prinzip 'Bekehrung durch Wissenschaft'. Und in der Zeit von Kopernikus, Galilei und Kepler gilt die Astronomie als höchste aller Wissenschaften. "Theologie und Astronomie passten für alle Wissenschaftler zusammen. Beide dienten dazu, Gottes Geheimnisse den Menschen näher zu bringen", erklärt die Missions-Wissenschaftlerin Dr. Claudia von Collani.

"Deswegen waren auch für die Jesuiten, die nach China kamen, beide Wissenschaften eins. Die Astronomie konnte im Dienste der Theologie stehen und helfen, die Chinesen zu bekehren." Die Erforschung des Firmaments liegt in der Hand von Jesuiten. Zur Zeit Adam Schalls soll die Sternenkunde also nicht nur den Blick öffnen für die Himmelsbewegungen, sondern auch den Zugang nach China ermöglichen.

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