Totengedenken mitten in der Stadt

Das Kolumbarium in Erfurt

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, der sich den Besuchern der Allerheiligenkirche im Zentrum von Erfurt bietet. Im linken Kirchenschiff stehen 15 Stelen aus Marmor: Grabstätten für Urnen. Im rechten Schiff befinden sich Bänke und ein mächtiger Hochaltar. Hier werden regelmäßig Gottesdienste gefeiert.

Das Kolumbarium in Erfurt Quelle: ZDF

"Wer hier begraben ist, nimmt weiter am Leben teil", beschreibt eine Passantin ihre Eindrücke nach dem Besuch. Leben, Tod und Auferstehung sind zentrale Themen des christlichen Glaubens. Mit der Einrichtung des Kolumbariums hat das Bistum Erfurt in der thüringischen Landeshauptstadt eine breite Diskussion darüber ausgelöst. 630 Menschen, Christen und Nichtchristen, finden hier ihre letzte Ruhestätte.

Das Interesse der Erfurter war groß. Bereits kurz nach dem Aufstellen der Stelen waren alle Plätze verkauft. Die Marmorsäulen haben den Grundriss eines Kreuzes. Die einzelnen Nischen sind mit einem matten Glas verschlossen, in das Jahresringe gezeichnet sind, wie Lebenslinien. Die Stelen erzählen vom Licht Gottes, in das alle Verstorbenen gestellt werden. Mittlerweile ist das Kolumbarium fester Bestandteil vieler Stadtführungen.

Der Tod gehört zum Leben

Das Bistum Erfurt hat bei der Renovierung der Allerheiligenkirche ganz bewusst die Entscheidung getroffen, in dem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Gotteshaus ein Kolumbarium einzurichten. Damit wollten die Verantwortlichen ein klares Zeichen setzen gegen den Trend, den Tod zu tabuisieren und an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Auch die Zunahme anonymer Bestattungen, sahen die Kirchenoberen mit Sorge; sind sie doch überzeugt, dass Angehörige einen Ort der Trauer brauchen.

Vielen Menschen sind allerdings die Kosten für ein Begräbnis und ein Grab zu hoch; zudem möchten sie die Angehörigen von der Grabpflege entbinden und wählen daher eine anonyme Bestattung auf einem Gräberfeld auf dem Friedhof oder in einem so genannten Friedwald. Kolumbarien, wie in der Erfurter Allerheiligenkirche, sind da eine interessante Alternative. Die Kosten sind im Vergleich zum Grab geringer, die Pflege entfällt.

Marmorsäulen, Kolumbariums in Erfurt Quelle: ZDF

Gedenken an die Verstorbenen

Doch mehr als diese technischen Faktoren, ist der spirituelle Rahmen für viele Käufer der Urnenplätze entscheidend gewesen. Die Allerheiligenkirche ist ein Ort, an dem regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden. Darunter ist auch das monatliche Totengedenken. Es findet an jedem ersten Freitag im Monat um 15 Uhr, der Todesstunde Jesu, statt. Dabei wird nicht nur an die Menschen erinnert, die in der Kirche begraben sind. Vielmehr bietet der Gottesdienst Gelegenheit, an verstorbene Angehörige und Freunde zu denken, die entweder anonym oder in der Ferne bestattet sind.

Vor dem Gottesdienst werden die Namen der Verstorbenen in ein kostbares Buch eingetragen, das Totenbuch von Erfurt. "Der Name eines Menschen ist Synonym für ihn selbst, für seine Identität", erklärt Weihbischof Reinhard Hauke, der das Totengedenken und das Kolumbarium entwickelt hat. "Ich kann den Namen eines Verstorbenen in einen Grabstein einmeißeln lassen, ich kann ihn aber auch in ein Buch schreiben. Beim Lesen des Namens wird der Mensch in den Gedanken lebendig."

Auch Nichtchristen sind eingeladen

Das monatliche Totengedenken steht allen Interessierten offen. Auch Nichtchristen können teilnehmen, erklärt Pfarrer Michael Neudert. "Wir möchten alle Menschen in die Kirche einladen und ihnen zeigen, dass wir hier eine Botschaft haben, die eine Botschaft des Lebens ist, die aber gleichzeitig auch den Tod und das Sterben mit einbegreift."

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