Unter Ketzern und Korangelehrten

Die Macher über ihren Zweiteiler

"Wohin treibt der Islam?" ist eine dokumentarische Spurensuche durch Europa und die islamische Welt. Sie versucht nicht, das Wesen des Islam ergründen, sondern die Haltung der Muslime.

Auf den ersten Blick haben diese Menschen kaum Gemeinsamkeiten: Ein ägyptischer Tierarzt, der in seiner Praxis die gebrochene Pfote eines Schäferhundes schient. Ein Dorfvorsteher auf einer Tropeninsel, der versucht, seine Gemeinde mit Hilfe von Scharia-Strafen zu einer besseren Welt zu machen.

Ein junger, radikaler Prediger, der versucht mindestens einen Menschen täglich zum Islam zu bekehren und eine iranische Gelehrte, die mit Ministern in Berlin über die Zukunft Deutschlands diskutiert.

Geschichten über Muslime


Die rund 30 Persönlichkeiten, die im ZDF-Zweiteiler "Wohin treibt der Islam?" zu Wort kommen, sind unterschiedlich reich, gebildet oder gläubig und leben in höchst unterschiedlichen Welten. Aber sie sehen sich als Angehörige einer großen Weltreligion, bezeichnen sich selbst als Muslime. Die zweiteilige Dokumentation "Wohin treibt der Islam?" stellt Menschen in den Mittelpunkt und will anhand ihrer Geschichten Erfahrungen und Themen beleuchten, die die aktuelle Diskussion um den Islam prägen: "Dschihad und Frömmigkeit" und "Scharia und Demokratie".

Der biografische Ansatz verfolgt jedoch nicht nur einen dramaturgischen Zweck. Er trägt dem Umstand Rechnung, dass Journalisten wohl Jahrzehnte lang vergeblich versucht haben, "den Islam an sich" abzubilden. Obwohl sich die rund anderthalb Milliarden Muslime in der Welt - mit sehr wenigen Ausnahmen - mit dem Koran auf ein und denselben Offenbarungstext berufen, ist die Vielfalt der Interpretationen und Ausdrucksformen überwältigend.

Von Kulturmuslimen und Traditionalisten

Die Dokumentation soll nicht die theologischen Unterschiede zwischen einzelne muslimischen Gruppen erklären, sondern grundsätzliche Haltungen ergründen. Die Haltung der Protagonisten reicht von völliger Ablehnung des westlichen Gesellschaftsmodells über eine tiefe, nach innen gekehrte Frömmigkeit bis hin zu einem leidenschaftlichen Reformwillen mit dem Ziel, Islam und Moderne zu versöhnen.


Auch so genannte "Kulturmuslime" finden sich unter den portraitierten Personen. Sie sind nicht fromm im klassischen Sinne und offen für andere Weltanschauungen, aber sie betrachten den Islam als kulturelle Größe und berufen sich stolz und selbstbewusst auf sein zivilisatorisches Erbe - ähnlich, wie viele säkulare Europäer der Ansicht sind, dass das christliche oder christlich-jüdische Erbe die Werte unserer Gesellschaft positiv beeinflusst hat.

Islam und Demokratie - das passt

Die Ansicht, dass Islam und Demokratie nicht zusammengehen, scheint in Europa weit verbreitet zu sein. Die Angst vor dem Islam und die Überzeugung, dass Muslime in eine westliche Gesellschaft nicht integrierbar seien, beschäftigt Menschen und Medien auch in Deutschland. Aber anders als noch vor rund zehn Jahren, nehmen Muslime heute an dieser Debatte teil. Wie viel kann ein Muslim von dem, was im Koran steht, in sein alltägliches Leben übernehmen? Bedarf es einer Neuauslegung dieses Buches, das so viele gesellschaftliche Regeln und Vorschriften enthält?

Oder lassen sich einige dieser Vorschriften als nur damals gültig und folglich überholt betrachten? Auf diese Fragen geben Muslime - und ebenso die Protagonisten der beiden Filme - sehr unterschiedliche Antworten. Aber sie müssen sich solchen Fragen stellen, gleich ob sie in einer westlichen Demokratie, einem muslimischen Vielvölkerstaat wie Indonesien oder einer arabischen Monarchie leben. Die komplexe Welt der islamischen Alltagsregeln lässt sich unter einem arabischen Wort zusammenfassen, das in Europa zum Reizbegriff geworden ist: Scharia, was so viel bedeutet wie der "rechte Weg".

"Scharia" heißt nicht "Steinigung"

Hamideh Mohagheghi (Oktobergespräch FaF) Quelle: ZDF


Europäer verbinden damit grausame Körperstrafen wie Steinigung oder Amputationen, die allerdings nur in sehr wenigen muslimischen Ländern angewandt werden. Andere Themen wie Erbschaftsrecht, Ehe oder Familienrecht liegen den Lebenswelten von Muslimen in Europa wesentlich näher. Die Erkenntnis der Recherchen, dass manche gläubige Muslime in Deutschland und Europa diese Fragestellungen längst hinter sich gelassen haben, mag dabei überraschen.


Die muslimische Theologin Hamideh Mohagheghi etwa sagt, dass die säkulare Demokratie nicht nur ein akzeptabler Kompromiss für Muslime, sondern sogar das bestmögliche politische System sei, um ihren Glauben auszuleben.

Geht Gemeinwohl vor Freiheit?

Unterschiedliche Menschen haben die Entwicklung der Scharia in der islamischen Welt über Jahrhunderte geprägt. Den meisten dieser Denker lag vor allem das Wohl der Gemeinschaft am Herzen, nicht aber die Entfaltung individueller Freiheit. Es ist also kaum verwunderlich, dass islamische Rechtstraditionen mit dem westlichen Individualismus kollidieren. Kann ein Muslim Christ werden? Darf eine Frau ohne Rücksicht auf den Willen ihrer Eltern ihren Partner wählen?

Nach unserem westlichen Selbstverständnis, das sich ebenfalls über Jahrhunderte entwickelt hat, sind diese Fragen zu bejahen - nicht zuletzt, weil wir sie in der Privatsphäre verorten, in die sich die Gesellschaft nicht einzumischen hat. Ein traditionell denkender Muslim würde sie strikt verneinen.

Ketzer und konservative Ölmultis

"Wohin treibt der Islam?" lässt auch Menschen, die unter dem Konflikt zwischen islamischen Traditionen und einem modernen, selbstbestimmten Leben gelitten haben, zu Wort kommen. Darunter den Publizisten und Historiker Hamed Abdel Samad, der glaubt, dass der Islam keine Reformer brauche, sondern Häretiker - Ketzer, die die islamische Welt erschüttern und durch Erschütterung bewegen.


"Wohin treibt der Islam?" führt die Zuschauer an viele, manchmal ferne und exotische Orte der islamischen Welt. Nach Indonesien, in die größte muslimisch geprägte Demokratie der Welt, oder Kairo, von wo aus Jahrhunderte lang wichtige Impulse für die islamische Welt ausgingen, bis moderne Medien und Satellitentechnik die Deutungshoheit der berühmten Al-Azhar-Universität herausforderten. In die Golfstaaten, wo durch Öl-Millionen neue Gesellschaften entstehen und eine konservative, arabische Kultur sich darauf einstellen muss, dass christliche Einwanderer dort Kirchen bauen.

Europäische Muslime ändern den Islam

Aber im Mittelpunkt der Recherche stehen muslimische Einwanderer in Europa: Viel spricht dafür, dass europäische Muslime Haltungen entwickeln, die auch auf die islamische Welt wirken werden. Diese Ansicht ist zumindest unter Forschern, Theologen und muslimischen Denkern verbreitet.

"Wohin treibt der Islam?" soll nicht nur eine Bestandsaufnahme muslimischer Ideen und Lebenswelten sein, sondern auch den Kampf um die Deutungshoheit über das islamische Erbe beleuchten. Die porträtierten Personen eint nicht zuletzt der Ehrgeiz, an dieser Auseinandersetzung teilzunehmen - viele von ihnen beschreiben dieses Engagement mit einem Begriff, der für europäische Ohren eher unbehaglich klingt: Dschihad.

Unter dem Titel "Dschihad und Frömmigkeit" ergründet der erste Teil der Dokumentation dessen Bedeutung für Muslime in der heutigen Zeit: Sie reicht vom gewaltsamen Kampf gegen den Westen über soziales, ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft bis hin zum stillen, persönlichen Streben nach Anstand und Integrität. Ein persönlicher Dschihad, so zeigt es etwa der palästinensische Unternehmer Ahmad al-Sadi, der sich in Berlin um Nachhilfestunden für Migrantenkinder kümmert, kostet Nerven, Zeit und Geld. So offenbart sich am Beispiel des Dschihad nicht zuletzt die Vielfalt der Haltungen, die Muslime in der Welt zu ihrer Religion und zu sich selbst entwickeln.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet