Verbrechen und Strafe

Werner Herzogs Dokumentation einer Hinrichtung

Er, der sich wie kaum ein anderer zeitgenössischer Filmregisseur seinen Projekten mit Haut und Haaren ausgesetzt hat, hielt es nur allerhöchstens fünf Stunden am Tag im Schnitt aus. Und: Er fing wieder mit dem Rauchen an. Diese Produktion verlangte ihm alles ab, ja, sie zählt zu den intensivsten Erlebnissen seiner Karriere, so Werner Herzog. Die Rede ist von "Tod in Texas". Eine Dokumentation über das Leben, aber viel mehr noch über den Tod. Einen Tod, der staatlich verordnet wird, eine Hinrichtung in Texas nämlich, dazu drei Morde und viele andere Todesfälle.

Michael Perry
Michael Perry wurde wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt. Quelle: ZDF/Fa. Creative Differences

Wo der Mensch an seine Grenzen gerät, fangen seine Filme an, zu erzählen, sagt der FAZ-Filmkritiker Andreas Kilb über Werner Herzog. Der Romantiker und Abenteurer, der aus Deutschland ausgezogen ist und nun in Hollywood lebt, verehrt von den Amerikanern, der berühmteste lebende deutsche Regisseur, der sich im deutschen Kino nie so richtig heimisch gefühlt hat. Der Dokumentarist, Autor und Schauspieler. Das ZDF präsentiert seinen Zuschauerinnen und Zuschauern "Tod in Texas" in deutscher Erstaufführung. Ein Glanzlicht im Kulturangebot des ZDF.

Einfühlsam und scharf zupackend

Jason Burkett
Jason Burkett hat im Gefängnis geheiratet.

"Into the Abyss", so lautet der Titel im englischen Original, der Blick in die Abgründe menschlicher Existenzen, der Blick auch in die Abgründe einer Hinrichtungsmaschinerie. Ist die Geschichte, die Herzog in seinem Dokumentarfilm erzählt, nicht schon erschütternd genug, so verblüffend und bizarr sind die Geschichten, die er von Ermittlern, Angehörigen und Freunden um den Handlungskern herum erzählt bekommt. Im Mittelpunkt steht Michael Perry, der auf seine Hinrichtung wartet. Er ist des dreifachen Mordes schuldig gesprochen. In Erwartung seines Endes steht er Herzog Rede und Antwort, ebenso wie sein Komplize Jason Burkett, wegen desselben dreifachen Mordes zu "lebenslänglich" verurteilt und der in der Haft ein "Death row groupie" heiratete.

Herzog schafft es, seine Gesprächspartner zu öffnen, ja, mit einfühlsamen, manchmal auch scharf zupackenden Fragen bisweilen aus der Fassung zu bringen. Wie eindrucksvoll, als ganz am Ende dieser Dokumentation das Mitglied eines Hinrichtungskommandos erzählt, wie er die Gesichter der Sterbenden nicht mehr vergessen konnte. Nach 123 Hinrichtungen brach er zusammen, musste den Dienst quittieren und verzichtete auf seine Pension. "Tod in Texas": ein Plädoyer gegen die Todesstrafe? Gewiss, wenn Werner Herzog auch auf plakative Zuweisungen verzichtet. Er bleibt eng am Tathergang, den er durch Augenzeugen, Ermittler und unheimliche, weil originale Polizeivideos nachzeichnet.

Unglaubliche Schicksale

Charles Richardson trauert um seinen Bruder Jeremy, der ermordet worden ist.
Charles Richardson trauert um seinen Bruder Jeremy.

Der Film zeigt die Täter als Menschen und nicht als Monster, ihre dann doch monströs unsinnige Tat, den Diebstahl eines roten Sportwagens, weswegen drei unschuldige Menschen sterben mussten. Herzog sagte zu Michael Perry, der kurz nach dem letzten Gespräch mit dem Regisseur durch eine Giftinjektion starb, dass das Schicksal ihm wohl ein schlechtes Blatt zugespielt habe, was aber nichts entschuldige. Und dies meine auch keinesfalls, dass er ihn mögen müsse. Herzog befragt mit offenem Visier. Eindringlich aber nicht aufdringlich. Meisterhaft die Montage, die ohne Kommentar auskommt. Und unglaublich die Schicksale am Rande des Geschehens: die Frau, die ihre Mutter und ihren Bruder durch den Mord verlor und durch andere Umstände fast den Rest ihrer Familie, der Bruder des anderen Opfers, der auch noch seine Schwester durch einen Autounfall verlor. Angehörige von Opfern und Tätern, die leere texanische Landschaft zwischendurch, die, wie ein Verurteilter einmal auf seiner letzten Fahrt zur Hinrichtung sagte, ihm wie das karge Heilige Land in Israel vorkam. Die düstere Perspektivlosigkeit des "White Trash" im amerikanischen Kernland – aber auch Zeichen des Lebens: und wenn es nur ein Baum ist, der sich nach Jahren auf dem Parkplatz der Polizei durch den Boden des roten Chevrolet Camaros gebohrt hat, des Autos, das die Tragödie auslöste.

Werner Herzog, der sich in einer der wahnwitzigsten Arbeitsbeziehungen der Filmhistorie mit Klaus Kinski von Meisterwerk zu Meisterwerk gekämpft hat, von "Aguirre, der Zorn Gottes" über "Nosferatu", "Fitzcarraldo" bis "Cobra Verde", Herzog  wagt sich mit "Tod in Texas" erneut an den Abgrund. Keine Fiktion, sondern unerbittliche Realität.

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