Vergebungs-Supermacht Kirche?

Vom Ablasshandel und seinem Ende

Jeder Mensch des Mittelalters konnte die Sieben Todsünden aufzählen: Stolz, Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei, Unkeuschheit. Wer auch nur eine einzige dieser schweren Sünden auf sein Gewissen lud, kam unweigerlich in die Hölle. Die Kirche war zu einer Supermacht aufgestiegen. Sie allein bestimmte, was Sünde sei. Und sie allein entschied, wie der Mensch für seine Untaten büßen musste.

Martin Luther
Martin Luther

Schon von Johannes dem Täufer wurde die Forderung überliefert: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe!" Und Geißler-Bruderschaften taten Buße: Wie eine Vorhut des nahenden Unheils zogen sie durch das Land. Sie glaubten, dass der Körper der Feind der Seele ist. Man muss ihn züchtigen, um die Seele zu retten und das nahende Strafgericht Gottes abzuwenden.

Die Erfindung des Fegefeuers

Büßer
Büßer Quelle: ZDF


Dieses Strafgericht ist im Matthäusevangelium beschrieben: "Der Menschensohn wird seine Engel aussenden. Und sie werden alle zusammenholen, die selbst Unrecht tun und werden sie in den Feuerofen werfen. Da wird sein Heulen und Zähneklappern. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne." Die Vorstellungen dieses Gerichts warfen viele Fragen auf. Wie sollte man am Jüngsten Tag leiblich auferstehen, wo sollte das Fleisch herkommen, wo man doch nur noch Schädel und Knochen war oder gar ganz zu Staub zerfallen? Und wie sollten Gerechte und Böse gesondert werden, wo sie doch wild durcheinander lagen? Und sollten sie die ganze Zeit gemeinsam verbringen? Das erschien ungerecht.

höllische Feuerwolke
höllische Feuerwolke Quelle: ZDF


Der Jüngste Tag ließ aber auf sich warten. Konnten die armen Seelen die Wartezeit bis zum Weltuntergang nicht nutzen? Was war etwa mit dem reuigen Sünder, den der Tod überraschte? Was mit dem Kind, das einen plötzlichen Tod gestorben war? Kamen alle gnadenlos in die Hölle? Für den Der Historiker Stefan Weinfurter sind dies die Fragen, die für das Fegefeuer verantwortlich sind: "Im 11. und 12. Jahrhundert bildete sich die Vorstellung heraus, dass es zwischen Himmel und Hölle einen dritten Ort gebe, das Fegefeuer. Dort wird die arme Seele in ein reinigendes Feuer geschickt. So schrecklich die Folterqualen auch waren, sie schienen doch ungleich erträglicher zu sein als die ewigen Höllenqualen. Auf diese Weise bot das Fegefeuer den Menschen die Chance, trotz der irdischen Sündhaftigkeit das ewige Seelenheil zu erlangen.

Geschäfte mit dem Seelenheil

Die Idee vom Fegefeuer entwickelte sich mit dem Aufkommen der modernen Geldwirtschaft, der Buchhaltung und dem Bankenwesen in Italien. Wie der Kaufmann sauber bilanziert nach Soll und Haben, nach Schuld und Guthaben begriff man jetzt auch sein Sündenregister als eine offene Rechnung, die es zu begleichen galt.

Freikauf aus Hölle durch Kreuzzüge
Freikauf aus Hölle durch Kreuzzüge


Die gläubigen Sünder begannen, die Jahre auszurechnen, die sie dereinst leidend im Fegefeuer verbringen würden. Und sie wollten vorsorgen, schon zu Lebzeiten für einen Ablass sorgen, für ein Guthaben auf dem himmlischen Konto. Die Hölle war eine Sackgasse, ohne Ausweg. Mit der Erfindung des Fegefeuers stand den armen Seelen ein Korridor ins himmlische Paradies offen.

Pilgern auf dem Jakobsweg
Pilgern auf dem Jakobsweg Quelle: ZDF


Deshalb griffen im hohen Mittelalter mehr Menschen denn je zum Pilgerstab, begaben sich für Monate auf Wallfahrt. Manche gleich für ein ganzes Jahr. Bis an den äußersten Rand der bekannten Welt konnte die Reise führen, immer zu Fuß - unter tausend Entbehrungen, um für das sündhafte Leben zu büßen. Die Pilgerreise zum Grab des Heiligen Apostel Jakobus nach Santiago de Compostela verhieß göttliche Vergebung.

Ablasshandel erzürnt Luther

Die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung wurde so zu einem einträglichen Geschäft. 1517 konnten Ablassprediger wie der Dominikanermönch Johann Tetzel noch Geschäfte mit der Angst machen. Seine Höllenpredigten waren berühmt und berüchtigt. Von nah und fern kamen Gläubige, ihn leibhaftig zu erleben und bei ihm durch den Kauf von Ablassbriefen ihre Sündenstrafen zu tilgen. Tetzel versprach den Käufern seiner Ablassbriefe: "Heute schickt Euer Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden, ein großherziges Geschenk für euch. Einen besonderen Ablass zum Bau der heiligen Kirche in Rom. Einen besonderen Ablass, der Euch und eure Lieben vor den Flammen der Hölle bewahren kann. Nur hier gibt es Gewissheit, dass Gott Euch rettet. Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt."

Ablassgroschen
Ablassgroschen Quelle: ZDF

In Wittenberg wandte sich ein deutscher Mönch gegen das Geschäft des Papstes mit der Hölle, gegen den Handel mit Ablassbriefen, gegen die Käuflichkeit göttlicher Gnade. Martin Luther, der tief erfüllt war von der eigenen Sündhaftigkeit und Höllenängste ausstand, suchte nach einem Ausweg. Im Römerbrief des Apostel Paulus entdeckt er ein ganz neues Verständnis von der Gerechtigkeit Gottes: Statt des strafenden, den gnädigen Gott: "Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt: aus Glauben zum Glauben. Der Gerechte wird aus Glauben leben."

Die Reformation legt die Hölle auf Eis

Martin Luther
Martin Luther


Die Menge feierte den Mann, den der Papst als Ketzer verurteilt hatte, wie einen Messias. Durch ihn brach der Ablasshandel zusammen. Und nicht nur das: Niemand sollte mehr zwischen Gott und den Menschen stehen - weder Papst noch Kirche. Das war Luthers Botschaft. Der Kirchenhistoriker Christoph Markschies beschreibt die Tragweite dieser Entdeckung: "Man muss sich klar machen, dass die reformatorische Verkündigung eines Martin Luther gezündet hat. Die ist sehr schnell in Flugblättern verbreitet worden: Dass Gott nicht so klein ist, dass er genau abrechnet, sondern dass Gott so großzügig ist, weil er eben Gott ist und nicht irgendein kleiner Gerichtsherr, dass er einfach aus Gnaden vergibt."

Aufklärung ohne Höllenschrecken

Luther hatte das Tor zu einer neuen Ordnung aufgestoßen. All die frommen Werke, die er sich als Mönch auferlegt hatte, erschienen ihm nun als "Buße in des Teufels Namen". "Allein die Gnade Gottes rettet den gläubigen Menschen vor der Hölle"; ohne Papst und Ablass, ohne Messen, Wallfahrten und Kerzen. Seine Glaubensgegner waren sich sicher, dass der Mönch aus Wittenberg "in der Hölle schmort." Der allerdings stirbt 1546 eines natürlichen Todes, ohne Schrecken. Die Reformation beendet die Höllenfurcht.Martin Luther hat die Hölle noch gekannt und hat das Böse als eine reale Macht in seiner Welt und seiner Zeit wahrgegenommen und auch personifiziert.

Den endgültigen Abschied von der klassischen Höllenvorstellung besiegeln erst die Wissenschaftler und Philosophen der Aufklärung. Die Bibel konnte ihre Geltung in Glaubensfragen behalten, für die Erklärung der Natur aber sollte die Wissenschaft maßgeblich werden. Und nicht mehr Furcht und Schrecken, sondern Einsicht und Vernunft sollte den mündigen Menschen bestimmen. Das christliche Bild von der Hölle als Ort ewiger Verdammnis hatte seine Bedrohung verloren.

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