Vom Reiz des Verbotenen

Journalistische Neugier und protestantischer Freiheitsdrang

Bücher, die wir nicht lesen, Filme, die wir nicht sehen, Gedanken, die wir nicht denken dürfen. Was reizt die Neugier des Journalisten mehr? Wer erinnert sich nicht an eine Kindheit, in der wir mit der Taschenlampe unter der Bettdecke lagen, um bis weit nach Mitternacht genau das in uns aufzusaugen, vor dem die Eltern und die Lehrer warnten.

Wolf von Lojewski
Wolf von Lojewski Quelle: ZDF

Die klassischen Argumente von Eltern und Lehrern waren: Das verstehst Du noch nicht, es ist nicht gut für Dich, es verdirbt Deinen Stil, es verdirbt Deinen Charakter... Nachträglich bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich einen nicht unwesentlichen Teil meiner Bildung billigen Cowboy-Heften verdanke.

Erst viele Jahre später wurde ich von einem seltsamen Virus befallen: Während ich als Journalist der Politik und der Aktualität hinterher raste, begann ich privat, alte Bücher zu sammeln. Freiwillig lese ich seitdem, was ich in der Schule lesen musste.

Schätze in Buchform

Mein Beruf hat mir die großen Bibliotheken der Welt geöffnet. Auch in der Vatikanischen Sammlung hatte man mir schon die Schätze gezeigt. Aber in der Abteilung der unkomplizierten, eher dekorativen Folianten. Mir war schon klar, dass es da noch Magazine und Kellerschluchten gibt, die sich nicht mit dem Presseausweis öffnen lassen: Protokolle geheimer Verhandlungen und Prozesse, Jahrhunderte langes Ringen um Glauben und Erkenntnis, um Wahrheit und Macht.

Wer waren die Kläger und wer die Angeklagten? Wer waren die Richter und was waren die Strafgesetze? In diesen Akten einmal herumzustöbern und die verstaubten, grob zusammengeschnürten Ballen zu öffnen, das war für mich die Erfüllung eines Traums. Zugegeben: Von meinem Latein sind meine Lehrer nicht beeindruckt gewesen, und über mein Italienisch müssen wir erst gar nicht reden. Einen katholischen Geistlichen und Historiker wie Hubert Wolf an meiner Seite zu haben war da ein großes Glück - auch wenn uns seit früher Kindheit in unterschiedlichen Bildungsgängen eingetrichtert wurde, wie der Mensch wohl in den Himmel kommen könnte.

Wolf von Lojewski in der Bibliothek
Wolf von Lojewski in der Bibliothek Quelle: ZDF

Fürs Seeleheil das Beste?

Evangelisch erzogen, fehlt es mir an Übung und Gehorsam, ruckzuck alles einzusehen. Man sollte sich schon die Mühe machen, mich zu überzeugen. Und woran ich mich besonders schwer gewöhnen könnte, ist eine Instanz, die sich kontrollierend oder gar verbietend in meine Gebete einmischen dürfte - in mein Denken oder Lesen. Überwunden ist, Gott sei Dank, die Zeit, da ein Glaubensrichter der heiligen Index-Kongregation einen suchenden, forschenden, widerspenstigen Geist auf den Scheiterhaufen bringen konnte - mit dem Trost und in der festen Überzeugung: Auch wenn Du es nicht einsiehst, es ist für Dein Seelenheil das Beste!

Aber gut: Eine Kirche hat bereut, sie hat um Vergebung ihrer Sünden gebeten, sie öffnet den größten Teil ihrer Archive. Und doch ist es Christen immer noch schwer, zueinander zu finden. Die Zeitschrift "Vatican-Magazin" hatte vor kurzem eine originelle Idee. Die Redaktion wollte von mir wissen, welche Fragen ich denn schon immer mal an Benedikt XVI. stellen wolle. Gern habe ich die freundliche Einladung angenommen. Und zwei Fragen standen auf meiner Liste ganz vorn: Verfolgt Gott mit ebenso großem Eifer und ebenso formalistischer Strenge den Glaubensstreit zwischen den Konfessionen wie wir? Oder doch mit Humor?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet