War Judas ein Held oder Verräter?

Kontroverse Diskussion um die Beziehung zu Jesus

Ganz anders als in den traditionellen, den vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments, wird in den Texten des Judas-Evangeliums ein positives Bild von Judas gezeichnet. Ein Judas, der der engste Vertraute von Jesus ist. Ist Judas also nicht der Verräter, wie uns die Schriften lehren?

Erhielt Judas Silberlinge für seinen Verrat? Quelle: ZDF

"Das Evangelium des Judas ist faszinierend," findet Theologin Elaine Pagels, die auch ein Buch über das Judas-Evangelium geschrieben hat. "Der Text heißt genau: Das Evangelium nach Judas, aber das bedeutet nicht, dass Judas der Verfasser ist. Er wurde wahrscheinlich zu Anfang des zweiten Jahrhunderts geschrieben", fährt sie fort.

Das Judas-Evangelium wurde circa 150 nach Christus geschrieben, in etwa 100 Jahre nach der Lebenszeit von Judas. Somit scheidet Judas als Verfasser aus, dieser bleibt anonym, genau wie die Verfasser der kanonischen Evangelien. Seit 2006 liegt eine erste Übersetzung des Judas-Evangeliums vor, gewonnen durch die mühevoll restaurierte koptische Abschrift.

Verräter oder Lieblingsjünger?

Im Neuen Testament wird Judas als Verräter beschrieben. Es muss jedoch, als die christliche Bewegung entstand, ganz konträre Vorstellungen gegeben haben vom Verhältnis zwischen Jesus und Judas. Denn im Judas- Evangelium wird in Judas nicht der Verräter, sondern der engste Jünger des Messias gesehen:

Muss unser Bild von den Ereignissen der letzten Tagen im Leben Jesu, das tief im Bewusstein der christlichen Welt verankert ist, revidiert werden? Ist ein großer Künstler wie Leonardo da Vinci, der den traditionellen Überlieferungen der Evangelien des Neuen Testaments folgte, einer falschen Darstellung erlegen, als er das Abendmahl malte? Das Abendmahl mit den Jüngern, unter ihnen der Verräter Judas?

Das Letzte Abendmahl Leonardo da Vinci Quelle: ap

Judas - ein tragische Figur


Im Neuen Testament, im Evangelium des Lukas, wird der Verrat klar geschildert. Ganz anders im Evangelium des Judas: "Im Judas Evangelium greift Jesus die zwölf Jünger an", erklärt Theologin Elaine Pagels. "Er wirft ihnen vor, die Menschen in die Irre zu führen. Und der, der Jesus zu verstehen scheint in diesem sehr ungewöhnlichen Evangelium - das ist Judas." Judas ist also der einzige, der Jesus versteht - und der Judas-Kuss ist nicht Ausdruck des Verrats, sondern des Vertrauens, der Nähe zu Jesus? Über eines sind sich Experten einig: Judas ist die tragische Figur unter den Aposteln:

Kontroverse Diskussion um Judas

Seit der Entdeckung des Judas-Evangeliums wird die Jesus-Geschichte kontrovers diskutiert. Nach Ansicht einiger Experten hat Judas sogar die Rolle eines Helden angenommen. Nach neutestamentlicher Überlieferung setzt sich die Geschichte von Judas noch fort: Den Judaslohn, das Geld für den Verrat, wirft er in den Tempel. Noch in gleicher Nacht macht er seinem Leben ein Ende. Der Selbstmord des Verräters - nichts von dieser Erzählung findet sich im Judas Evangelium. Das zeigt jedoch ein Problem auf: Das Evangelium des Judas ist nicht vollständig erhalten.

Judas bleibt umstitten

Hatte der Schreiber des Judas-Evangeliums im Sinn, die Rolle des Judas in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen? Ihn sogar vor der Welt zu rehabilitieren? Vielleicht gibt eines Tages die Entzifferung weiterer Texte wirklich eine Antwort darauf. Noch ist die Geduld fordernde und mühselige Arbeit an den Schriften nicht beendet.

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