Wie populär darf Wissenschaft sein?

Über die filmische Umsetzung von Forschungsergebnissen

Als im Jahr 2002 gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, die Ergebnisse unseres Forschungsprojekts "Buchzensur durch Römische Inquisition und Indexkongregation" in eine Dokumentation für ein breites Publikum einzubringen, war ich zwischen Skepsis und Begeisterung hin- und hergerissen.

Hubert Wolf
Hubert Wolf Quelle: ZDF

Einerseits befürchtete ich, dass ein Film über den "Index der verbotenen Bücher" die historischen Zusammenhänge, die vielschichtigen Motive der Zensierenden und die Folgen für die Zensierten nicht differenziert genug darstellen könnte. Andererseits war mir durch meine Vortragstätigkeit im In- und Ausland das enorme Interesse der Öffentlichkeit an diesem Thema bekannt.

Immer wieder werde ich gefragt: Wie ist es denn in den geheimen Archiven des Vatikan? Inquisition - die hat doch Menschen und ihre Bücher verbrannt, oder? Und so weiter... Bei diesem Thema läuft es offenbar vielen kalt den Rücken herunter. Doch genau bei den Vorurteilen und weit verbreiteten Klischees, das war von Anfang an klar, muss man die Menschen abholen, um das Bild in den Köpfen verändern zu können.

Ein Film über Bücher

Von den ersten Gesprächen bis zum fertigen Film war es ein langer Weg, der beiden Seiten - Filmleuten wie Wissenschaftlern - einiges abverlangt, aber auch viel gegeben hat. Ein wichtiger Schritt war das Erscheinen meines Buches "Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher", in dem ich versucht habe, auf der Basis unserer Forschungen die Geschichte der römischen Buchzensur allgemeinverständlich nachzuzeichnen. Allen Phasen der Entstehung des Films lag ein konstruktiver Dialog zugrunde. Ich musste lernen, mehr in Bildern zu denken und bei allen Fragen immer die Möglichkeiten der Visualisierung zu berücksichtigen. Ich musste mich trauen, einfach zu formulieren, mich kurz zu fassen und auf Schachtelsätze zu verzichten.

Im Gegenzug war mir wichtig zu zeigen, wie schwierig eine solche Grundlagenforschung wie die unsere ist und wie überraschend vielfältig die römische Buchzensur war. Mir ist klar, dass Fernsehen unterhaltsam und verständlich sein muss. Doch Bilder von düster blickenden Inquisitoren vor lodernden Bücherbergen hätten nur unwissenschaftliche Vorurteile über die Inquisition bestärkt.

Geschichte in all ihren Grautönen

Als Historiker ist es meine Aufgabe, auf die Korrektheit der Fakten zu pochen, Geschichte in allen ihren Grautönen zu zeichnen und nicht nur spannende Geschichten faszinierender Persönlichkeiten zu erzählen, sondern auch auf die Hintergründe ihres Handelns hinzuweisen. Die Drehbuchschreiberin und das Filmteam sind mir weit entgegengekommen. Sie haben immer wieder ihre ganze Kreativität eingebracht, um das Beste aus einer Szene herauszuholen, um genau die Informationen zu vermitteln, die ich für unverzichtbar hielt.

Ich für meine Person würde ein solches Projekt jederzeit wieder angehen. Denn ich bin überzeugt: Mit der mediengerechten Aufarbeitung von Forschungsergebnissen ist nicht zwangsläufig ein Verlust an wissenschaftlicher Qualität verbunden. Sie zwingt die Forscher vielmehr dazu, sich der wesentlichen Grundzüge ihrer eigenen Arbeit bewusst zu werden und klare Thesen zu formulieren, was oft auch der Wissenschaft unmittelbar zugute kommt.

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