Wiedersehen mit Nagorny Karabach

Ein Land zwischen den Fronten

Es war eine meiner ersten Auslandsreisen als Reporter für das ZDF. Fast 20 Jahre ist das her, doch ich erinnere mich noch gut. Es regnete in Strömen, an einem Sonntag Anfang April 1991, als ich in der armenischen Hauptstadt Jerewan in einen Hubschrauber kletterte. Meine Reisegefährten: Verwegene Gestalten in Militärkluft, Kalaschnikows auf den Knien. Andere hockten auf Munitionskisten. Sie wollten in den Krieg nach Nagorny Karabach. Es waren Armenier, freiwillige Kämpfer einer Christen-Miliz.

Unsere Mi-8 überflog den Sewan-See, dann die Grenze zu Aserbaidschan und landete nach einer guten Stunde auf dem Dorfanger von Getaschen, ein armenisches Dorf in Aserbaidschan, in der Autonomen Provinz Nagorny Karabach. Damals heiß umkämpft zwischen Armeniern und Aserbaidschanern.

Waffenstillstand für zwei Tage

Für zwei Tage hatten beide Seiten einen Waffenstillstand vereinbart. Diese Zeit wollten wir nutzen, mein Kollege Wolf Lindner und ich, um ein Stück für das damalige ZDF-Magazin "Kennzeichen D" zu drehen. Mit Milizchef Manwel Darbinjan mussten wir erst ein Glas Brandy trinken. Dann fuhr er uns in einem Jeep über einen schlammigen Pfad in die Berge. Vor einem zerschossenen Kuhstall stoppte er. Dort lagen seine Kämpfer, christliche Armenier. Ihnen gegenüber, am anderen Ende einer Bergwiese, hatten sich Soldaten der aserbaidschanischen Armee verschanzt.

Zwischen beiden Fronten, besonders wagemutig oder einfältig, ich weiß es nicht, tauchte plötzlich ein Junge mit einer Schafherde auf. Ein armenischer Junge aus dem Dorf Getaschen. Die Milizionäre brüllten, er solle zurückgehen, das Kampfgebiet verlassen. Der Junge rief zurück, es sei doch Waffenstillstand, da wolle er seine Tiere auf der saftigen Wiese weiden lassen. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als es zweimal knallte. Ein Scharfschütze der Aserbaidschaner hatte den Jungen ins Herz und in den Kopf getroffen.




Was nun begann, war das schlimmste Gemetzel, das ich je in einem Krieg erlebt habe. Sie fielen übereinander her, mit Gewehren und Messern, und schlachteten sich gegenseitig ab. Armenier und Aserbaidschaner. Uns scheuchte Manwel, der Kommandeur, in seinen Jeep. In rasender Fahrt erreichten wir Getaschen, wo der Hubschrauber den Kugeln der Azeris (wie die Aserbaidschaner im Kaukasus genannt werden) nur mit Mühe entkam. Der Waffenstillstand war zu Ende.

30.000 Menschen starben in dem Krieg

Bis Mitte 1994 führten sie Krieg gegeneinander, dann hatten die Armenier Berg-Karabach erobert. Den "Schwarzen Garten in den Bergen". 30.000 Menschen starben dabei. Etwa eine Million wurde vertrieben. Bis heute stehen sich Armenien und Aserbaidschan, zwei Staaten im äußersten Südosten Europas, unversöhnlich gegenüber. Bereit, wieder mit ihren Armeen übereinander herzufallen. Beide erheben Anspruch auf Nagorny Karabach, und beide berufen sich dabei auf das Völkerrecht.

Die Armenier auf das Recht der freien Selbstbestimmung der Völker, die Aserbaidschaner auf das Recht der Unverletztlichkeit der Grenzen. Wer hat Recht? Worum geht es eigentlich in diesem Konflikt? Warum dieser Dauerstreit um ein Gebiet, zweimal so groß wie das Saarland und ohne nennenswerte Bodenschätze?




Antworten auf diese Fragen gibt es viele und je nachdem, woher der Befragte stammt und welche Landkarte er in seinen Händen hält, fallen diese Antworten völlig unterschiedlich aus. Manche meinen, es sei ein Kampf der Kulturen und Religionen: Christen kontra Muslime. Der Kampflinie zwischen Christentum und Islam, meint zum Beispiel der Militärchef von Nagorny Karabach, verlaufe mitten durch den Kaukasus. Muslime und Christen könnten einfach nicht miteinander.

Zum Konflikt verdammt?

Wo sie aufeinandertreffen, käme es zum Konflikt, sagt mir ein Akademiker in der Stadt Shushi. Ich denke, das ist zu kurz gedacht. Denn es gibt auch im Kaukasus durchaus Gegenden, in denen Christen und Muslime gut miteinander auskommen. Zum Beispiel in Süd-Georgien, in der Provinz Marneuli. Andere argumentieren, Armenier und Azeris führten im Kaukasus einen Stellvertreterkrieg. Die Armenier im Namen Russlands, die Azeris für die Türkei.




Es stimmt schon, dass Moskau und Ankara um politischen, ökonomischen und militärischen Einfluss im Kaukasus ringen. Dass sie dafür befreundete Staaten zum Krieg aufrufen, bezweifle ich jedoch. Kein Zweifel: Es gibt religiöse und kulturelle Unterschiede zwischen Armeniern und Azeris und sie werden von verantwortungslosen Politikern auf beiden Seiten immer wieder ausgenutzt. Auch unterschiedliche Interessen von außen, von den Regionalmächten Russland und Türkei, heizen den Konflikt zusätzlich an.

Die alte Tradition der Beraubung

Im Kern aber liegt das Karabach-Problem in einer uralten kaukasischen Tradition begründet: Dem Raub. Die alte kaukasische Tradition der Beraubung des Nachbarn, auch die Gesetze der Blutrache, gelten noch immer. Dabei geht es stets um die Frage: Wer war als erster in Nagorny Karabach? Wer hat die älteren Rechte? Haben Christen oder Muslime als erste dort gesiedelt, armenische oder azerische Stämme? Beide Seiten streiten darüber erbittert. Tatsache ist: Christliche wie muslimische Stämme bevölkern Berg-Karabach seit Jahrhunderten. Die Region gehört beiden.




Ein alter, weiser Mann, Gewürzhändler auf dem Markt von Marneuli, meint: "Seit Jahrhunderten schon gehen Armenier und Azeris in den Bergen aufeinander los. Einfach aus Gewohnheit. Jeder will das Territorium seines Nachbarn erobern. Bis heute. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter."

Aber genau da liegt das Problem: Mittelalterliche Denk- und Verhaltensmuster bestimmen nach wie vor die Politik der Herrschenden in Jerewan und Baku. Sie denken in den Kategorien "Raub", "Rache" und "Blutrache". Weil das so ist, ist die Lage in Berg-Karabach hoch brisant. Ein Krieg kann dort jederzeit wieder ausbrechen. Im Kaukasus, vor den östlichen Toren der Europäischen Union. Doch die Europäer im Westen interessiert das kaum. Es scheint, als habe man in Brüssel und Berlin diesen Konflikt im Osten Europas ausgeblendet.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet