Zauberberg mit Kriegsambiente

Eindrücke aus einer US-Basis in Afghanistan

Für die zweiteilige Dokumentation "Nine Eleven" waren Elmar Theveßen und Souad Mekhennet unterwegs in Afghanistan. In der Militärbasis Fenty trafen sie Soldaten zwischen Kampfeinsatz und Freizeitprogramm.

Der US-Militärstützpunkt Fenty in Afghanistan
Der US-Militärstützpunkt Fenty in Afghanistan Quelle: ZDF

Der zum Zerreißen gespannte Draht schnappt mitten über die Ballfläche. Dutzende von Gästen werden von den Enden getroffen. Das Ergebnis ist eigentlich zu grausig, um es hier zu beschreiben. Dennoch finden die Bilder ihre Zuschauer um halb vier nachmittags im Coffee-Shop auf der Forward Operating Base (FOB) Fenty. Ein Dutzend US-Soldaten - Männer und Frauen - schlürfen hier ihren Latte, blättern in Klatschblättchen oder unterhalten sich über die Erlebnisse ihrer heutigen Schicht.


Krieg ist harte Arbeit, insbesondere bei Außentemperaturen über 40 Grad Celsius. Tragen Sie mal Hose und Jacke mit langen Ärmeln, alles feuerfest, Stiefel, Weste, Helm, Erste-Hilfe-Pack, Munitionsmagazine und Gewehr. Und dann fahren Sie mal in einem Schützenpanzer, Marke Bratröhre (ohne Klimaanlage) durch eine Gegend, in der jeder zweite Ihnen Böses will und die andere Hälfte Ihnen das Schlimmste zutraut. Da ist der Chillout bei eiskaltem Kaffee und blutigen Horrorstreifen so etwas wie Happy Hour mitten in Afghanistan.

Ausgangspunkt für Operation Geronimo

Von der FOB Fenty starten rund um die Uhr die Drohnen, mit denen mutmaßliche Terroristen gezielt getötet werden. Die Basis war Ausgangspunkt der Operation gegen Osama bin Laden im nahegelegenen Pakistan. Hierher brachten sie seinen Leichnam und schossen die Fotos, die die Welt nicht sehen darf. Wir dürfen nicht einmal die Start- und Landebahn filmen.

Als wir da sind, beherbergt der Stützpunkt vor allem eine Einheit aus Hawaii, die gerade erst vor ein paar Wochen eingetroffen ist. Pete aus Honolulu will sich damit den Start einer Schauspielerkarriere in Los Angeles ermöglichen. Aber noch muss er an der Einfahrt zur Basis schauspielernde Taliban rechtzeitig durchschauen, die vielleicht als Lieferanten ins Lager gelangen und sich dann in die Luft sprengen wollen. Gleich nebenan im Supermarkt gibt es die wirklich lebensnotwendigen Utensilien aus der Heimat, inklusive Budweiser Bier alkoholfrei und Kartoffelchips. Wer mag und das notwendige Kleingeld gespart hat, kann von hier aus ein Auto, ein Boot oder gar ein Haus kaufen - steuerfrei, eine Sonderregelung für Soldaten im Afghanistaneinsatz.

Auszeit vom Einsatz

US-Soldaten posieren auf Panzer
US-Soldaten posieren auf Panzer Quelle: reuters


Tatsächlich hat die Basis noch ein paar Annehmlichkeiten zu bieten. Einen gutausgestatteten Kraftraum, ein tolle Kantine, in der es deftige amerikanische, hispanische und asiatische Küche gibt, und den genannten Coffee-Shop mit Billardtischen. Wegen der Hitze dürfen die Soldaten nach ihrer Schicht in T-Shirt und kurzer Turnhose herumlaufen, aber alle müssen jederzeit ihre Waffe bei sich tragen. Bei den Soldatinnen, die sich abends auch schon mal in Schale werfen, sieht das merkwürdig aus. Obwohl sie alle bewaffnet sind, so erfahren wir, kommt es häufiger zu Vergewaltigungen.

Alles in allem ist Fenty eine Art Zauberberg mit Kriegsambiente. Und wir fragen uns, ob das einen bleibenden Eindruck auf die Psyche der Soldaten hinterlässt. Auch in dieser Nacht, wie in jeder davor, werde ich wieder vom Lärm der Hubschrauber geweckt, die über unser Zelt hinwegdonnern. In dieser Nacht, so erfahren wir später, werden sie einen eigenen Informanten töten, versehentlich, und dabei seiner zwölfjährigen Tochter, die schreiend aus dem Haus läuft, in den Rücken schießen - versehentlich.

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