Zufriedene Eltern, glückliche Kinder

Nicht verheiratete Paare, nichteheliche Kinder, Patchwork-Familien: Was bedeutet Familie heute? "Die Institution Ehe hat an Bedeutung verloren", sagt Familienexperte Norbert F. Schneider. "Das darf man aber nicht als Auflösung der Familie verstehen. Familie hat nach wie vor einen hohen Stellenwert." Jetzt gehe es darum, Männer stärker in die Familienarbeit einzubinden und Eltern nicht auf ihre Elternrolle zu reduzieren.

ZDF: Wenn Sie auf die vergangenen 50 Jahre zurückblicken: Wie hat sich Familie verändert?


Norbert F. Schneider: Die wichtigste Entwicklung ist die Pluralisierung der Lebensformen. In den 60er Jahren war das typische Modell die Ehe, in der die Frau zu Hause blieb und die Kinder hütete. Auch heute noch ist die Ehe die häufigste Lebensform, aber die Institution Ehe hat an Bedeutung verloren. Viele Privilegien – wie das Zusammenleben - sind auf andere Lebensformen übergegangen. Damit sinken der Nutzen der Ehe und die Kosten für alternative Lebensformen. Das darf man aber nicht als Auflösung der Familie verstehen.



Eine weitere wichtige Veränderung: Früher war Elternschaft quasi selbstverständlich, heute hat sich Elternschaft zur Option entwickelt, zu der es Alternativen wie Karriere, Selbstverwirklichung o.ä. gibt. Auch die Beziehung von Eltern zu Kindern hat sich verändert: Während Eltern früher im Sinne der "elterlichen Gewalt" über ihre Kinder bestimmt haben, ist das heute eher eine Verhandlungsbeziehung. Der Stil, die Ziele der Erziehung und die Rechte von Kindern gegenüber ihren Eltern haben sich verändert.

ZDF: Woran liegt das?


Schneider: Familie ist nichts Statisches, sondern durch die Gesellschaft geprägt. Je vielfältiger der gesellschaftliche Wandel ist, desto vielfältiger sind auch die Lebensformen. Eine wichtige Rolle spielt, dass immer mehr Frauen erwerbstätig sind. Dadurch können Frauen heute auch außerhalb der Ehe ökonomisch und vom sozialen Status her unabhängig leben.

ZDF: Was bedeutet Familie heute?


Schneider: Es gibt mehrere, teilweise konkurrierende Familienbilder: Das traditionelle Familienbild ist an die Ehe gekoppelt; das etwas modernere geht davon aus, dass Kinder eine Familie ausmachen; und das modernste Familienbild geht davon aus, dass Familie überall dort ist, wo Menschen solidarisch miteinander umgehen. Familie als Solidargemeinschaft setzt keine Ehe und auch keine Kinder voraus.
Geht man von letzterem Bild aus, so kann man sagen: Der Stellenwert von Familie ist nach wie vor hoch. Allerdings muss man das differenzieren in Partnerschaft, Kinder und die Beziehung zu den eigenen Eltern im Erwachsenenalter. Die Zufriedenheit mit der Partnerschaft ist das wichtigste Element zur Gesamtzufriedenheit.

ZDF: Wie werden sich Familienformen künftig entwickeln?


Schneider: Das ist schwer zu sagen, es ist aber davon auszugehen, dass die Zahl der nichtehelichen Kinder weiter zunehmen wird, während die Zahl der Eheschließungen weiter abnehmen dürfte. Und: Es lassen sich im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte drei stabile Kerne ausmachen, die "Familie" ausmachen: eine hohe Paarorientierung, eine monogame Lebensweise und die Bedeutung der Idee der „guten Mutter“, die für die Kindererziehung zuständig ist. Es ist davon auszugehen, dass diese drei Punkte auch künftig in der Familie sehr wichtig sind.



ZDF: Was bedeutet das für die Familienpolitik?


Schneider: Die Frage des 21. Jahrhunderts lautet: Wie kann man Männer stärker in die Familienarbeit integrieren? Familienarbeit ist insbesondere für Männer unattraktiv, auch weil damit keine Meriten zu verdienen sind. Daran etwas zu ändern ist die Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Die Wirtschaft muss Männer auch für Familienaufgaben freistellen, ohne dass ihnen der Karriereverlust droht. Nur so kann der Stellenwert der Familienarbeit steigen.

ZDF: Welche Auswirkungen haben die Veränderungen auf die Kinder von heute?

Schneider: Studien zeigen, dass die kindliche Entwicklung nicht abhängig von der Lebensform der Eltern ist und es gibt auch keine Hinweise darauf, dass das Aufwachsen in einer elterlichen Ehe die optimale Form für die kindliche Entwicklung darstellt. Es gibt zwei entscheidende Faktoren für eine positive kindliche Entwicklung: Die ökonomischen Verhältnisse und die Zufriedenheit der Eltern mit sich selbst. Der zweite Punkt wird oftmals dadurch konterkariert, dass an die Eltern immer mehr Anforderungen gestellt werden und sich Elternschaft immer mehr zu einer Elternpflicht entwickelt hat, die die Partnerschaft in den Hintergrund drängt. Die Folge sind unzufriedene Eltern und Menschen, die sich deswegen gleich für Kinderlosigkeit entscheiden. Wichtig wäre es in Deutschland, die Eltern nicht auf ihre Elternrolle zu reduzieren und viel mehr Gelassenheit in der Erziehung der Kinder zu entwickeln.

Das Interview führte Julia Kiehne.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet