Zwei Datenströme und ein längerer Schnittrhythmus

ZDF-Cutter Frank Flick über seine ersten Schnitterfahrungen bei einem 3D-Film

Eine ganz neue Dimension seiner Arbeit erlebte auch der Cutter Frank Flick beim Schneiden des 3D-Films über die Huberbuam. Im Interview spricht er über die Probleme von asynchronen Timecodes, doppelten Datenströmen und der Gestaltung von 3D-Räumen.

Cutter Frank Flick vor dem Monitor
Cutter Frank Flick vor dem Monitor Quelle: ZDF,Kirsten Bode

ZDF: Wodurch unterscheiden sich 2D- und 3D-Produktionen voneinander und welche Auswirkungen hat das auf den Schnitt?

Frank Flick: Wir haben mit vier Kamerasystemen in unterschiedlichen Konfigurationen gearbeitet. Das ist nicht ungewöhnlich bei Dreharbeiten zu einer Dokumentation. Aber wir brauchten jedes Kamerasystem zwei Mal. Und das unterscheidet die Dreharbeiten bei 2D-Produktionen von jenen bei S3D-Produktionen: Beim Stereodreh braucht man für jedes Auge eine Kamera. Auch die Aufzeichnungen erfolgen doppelt. Für jedes Auge wird ein Datenstrom erzeugt, jeder Datenstrom wird gesondert gespeichert. Und das wiederum hat Auswirkungen auf die Postproduktion, denn man muss die beiden Datenströme der beiden Augen für jede Sequenz getrennt einlesen und im Schnittsystem in Deckung zueinander bringen.

Das Schnittsystem arbeitet nicht automatisiert, es kann gleichzeitig gedrehte Bilder nicht automatisch einander zuordnen. Das muss ich von Hand machen. Wenn zum Beispiel ein Fehler bei der Timecodeaufzeichnung entstanden ist, muss ich die Bilder von Hand synchronisieren. Es ist gravierend, wenn die Bilder asynchron sind, also zeitlich nicht passend zueinander ablaufen. Das nimmt man als Fehler im Film wahr. Aus diesem Grund wird über ein Referenzsignal sichergestellt, das alle Bilder exakt zum gleichen Zeitpunkt entstehen. Ein Versatz, der zeitlich kleiner als ein Filmbild ist, kann nachträglich nicht mehr ausgeglichen werden und zerstört den S3D Eindruck komplett.

Darüber hinaus gibt es bisher nur wenige Systeme, mit denen man S3D schneiden kann. Wir benutzen ein AVID DS-System, das seit der Softwareversion 10.3 in der Lage ist, S3D zu schneiden. Zusätzlich braucht man einen S3D-Monitor. Beim S3D-Schneiden muss man eine Einstellung länger stehen lassen als bei 2D, der Schnittrhythmus sollte deutlich länger sein als bei vergleichbaren 2D-Produktionen. Der Zuschauer muss die Möglichkeit haben, sich im gesamten Bild umzuschauen. Daher ist auch der Trend zur geringen Tiefenschärfe in 2D bei S3D kontraproduktiv. Bei S3D sollte das gesamte Bild scharf sein, da es viel zu entdecken gibt.

Frank Flick als Angler
Frank Flick als Angler Quelle: ZDF,Peter Borig

ZDF: Was würde denn passieren, wenn die beiden Bilder des rechten und linken Auges nicht kongruent zueinander wären?

Flick: Dann würden wir keinen 3D-Effekt wahrnehmen, sondern zwei unabhängige 2D-Bilder, die unser Gehirn nicht mehr in Deckung bringen kann. Das menschliche Auge erzeugt das dreidimensionale Bild, indem es die beiden Bilder des linken und des rechten Auges zueinander fügt. Das Gleiche versuchen wir beim stereoskopischen Filmen, indem wir jedes Motiv mit zwei Kameras, die zum Beispiel im durchschnittlichen Augenabstand von 6,5 cm zueinander montiert sind, im gleichen Winkel abfilmen. Die Veränderung des Aufnahmewinkels einer der beiden Kameras würde den ganzen Film zerstören. Die Veränderung des Abstands zwischen den Kameras hingegen ist ein Element, mit dem man bewusst spielen kann: Vergrößert man den Augenabstand, wirken normalerweise ebene Flächen in großer Distanz "künstlich" dreidimensional, verringert man den Augenabstand, erhält man einen 3D-Effekt im Nahbereich, den das Auge natürlicherweise ebenso wenig sehen würde. Als Stilmittel eingesetzt wirken diese Effekte ganz toll - man darf es nur nicht übertreiben, damit der Film nicht künstlich wirkt.

Viel Feinarbeit beim Justieren

Alexander Huber in der Wand und Kamera auf Kran
Alexander Huber in der Wand und Kamera auf Kran Quelle: ZDF,Peter Borig

ZDF: Muss man beim Drehen nicht unheimlich aufpassen, dass die Kameras immer korrekt zueinander ausgerichtet sind?

Flick: Dafür ist sogar ein neuer Beruf entstanden: Diese Aufgaben übernimmt der Stereograph am Set. Er beobachtet die ganze Zeit den 3D-Eindruck: Wo liegt die Schärfe, wie weit ist das Tiefenbudget, kommt es zu einer sogenannten Scheinfensterverletzung und so weiter. Der Stereograph bestimmt in Abhängigkeit von der geplanten Einstellung und dem zu erzielenden Effekt den Augenabstand. Darüber hinaus ist er für die Bildgeometrie verantwortlich. Er überwacht alle Parameter an der Kamera, die Einfluss auf den 3D-Eindruck haben: Die beiden Kameras müssen fest miteinander verkoppelt sein, das heißt alle Parameter wie Blende, Zoom, Rotation und so weiter müssen vom Stereographen am Set ständig nachjustiert werden.

Der Kameramann legt den Bildausschnitt fest. Ein Assistent des Kameramanns macht den Ton und ein anderer steuert wie gewohnt die Schärfe, die bei S3D über entsprechende Stellservos an beide Objektive exakt nachgeführt werden muss. Eine unterschiedliche Schärfe auf beiden Augen macht das Bild für S3D in den meisten Fällen unbrauchbar. Mit der Kontrolle des Augenabstands legt der Stereograph die Tiefenwahrnehmung von Objekten im Bild fest. Bei bewegten Objekten oder bewegter Kamera kann er diese Veränderung des Augenabstands auch während eines Shots verändern und somit diese Objekte zum Beispiel auf der Bildschirmebene halten. Als Cutter ist man auch der Stereograph der Postproduktion. Kleine Fehler bei der Aufnahme können hier noch nachkorrigiert werden.

Zwei Fotokameras für 3D-Zeitraffer-Aufnahmen
Zwei Fotokameras für 3D-Zeitraffer-Aufnahmen Quelle: ZDF,Kirsten Bode

ZDF: Wie wird der Raum festgelegt, in dem sich die 3D-Wirkung entfalten soll?

Flick: Man kann keinen unendlichen Raum dreidimensional abbilden. Man bestimmt immer das so genannte Tiefenbudget. Im Tiefenbudget definiert man, was liegt auf der Bildschirmebene, was kommt als Effekt nach draußen, was spielt hinter dem Bildschirm. Das Tiefenbudget ist auf eine bestimmte Tiefe festegelegt. Alles, was zu nah und alles was zu weit weg ist, kann das Auge nicht mehr in 3D abbilden. Das hängt von ganz einfachen Faktoren ab: Das Objekt auf der Bildschirmebene wird auch ohne Brille als ein Objekt mit Konturen wahrgenommen, alles was dahinter liegt, wirkt doppelkonturig.

Das Auseinanderlaufen der Blickachsen darf aber nicht mehr als drei Prozent der Projektionsfläche betragen. Wenn mein Bildschirm zum Beispiel ein Meter breit ist, dürfen das linke und das rechte Bild hinter der Bildschirmebene maximal drei Zentimeter auseinanderlaufen. Bis dahin schafft es das Gehirn das Bild als ein Bild dreidimensional darzustellen. Damit entsteht ein neues Problem: Ein Film kann nicht automatisch für unterschiedliche Bildschirmgrößen, also für Fernsehen und Kino zum Beispiel, genutzt werden.

Verschiedene Kamerasysteme im Einsatz

ZDF: Mit welchen Kamerasystemen haben Sie bei den "Huberbuam" gearbeitet?

Der wichtigste Parameter für die Wahl der Kameras und des Rigs - also die mechanische Verkopplung beider Kameras und Anbauten zu einem Komlettsystem - stellt der Augenabstand dar. Möchte man mit einem sehr geringen Augenabstand drehen, ist man bei einer parallelen Anordnung der Kameras stark durch deren Baugröße auf einen minimalen Abstand begrenzt. Die Wahl fällt dann auf die zweite Rigvariante, das Spiegel-Rig. Es wird bei 3D-Aufnahmen eingesetzt, bei denen, unabhängig von der Bauform der Kameras, ein sehr geringer Augenabstand nötig ist. Die eine Kamera schaut dabei von oben in einen Spiegel, die andere von hinten durch den semidurchlässigen Spiegel. So zeichnen die beiden Kameras exakt das gleiche Bild auf, nur dass die eine Kamera ein Bild liefert, das auf dem Kopf steht.

Ein Spiegelrig kann einen Augenabstand von Null Millimeter bis zur maximalen Breite des Spiegels realisieren. Unser erstes Kamerasystem, mit dem wir rund 75 Prozent aller Aufnahmen gedreht haben, war die SinaCam, eine HD-fähige Minikamera mit C-Mount-Optiken (Festbrennweite gestaffelt 5 bis 16 mm). Die Kamera steht kurz vor Markteinführung, ausgehend von den Prototypen hatten unser Kameramann Claus Köppinger und die Stereographen Einfluss auf den Aufbau und die Weiterentwicklung der Kamera.

Die SinaCam ist extrem klein (der Körper der Kamera ist nur 38 mm x 38 mm x 38 mm groß, an ihm ist ein C-Mount-Objektiv befestigt) und liefert für ihre Größe eine exzellente Qualität. In Versuchsreihen hat unser Kameramann einen Blendenumfang von elf Blenden ermittelt. Das Kamerasystem verfügt über kein Aufzeichnungssystem, die Kameras geben jeweils ein HDSDI-Videosignal ab. Als Aufzeichnungsgerät haben wir das System KIPRO von der Firma AJA ausgewählt. Die Signale der beiden Kameras werden mit zwei S3D verkoppelten KIPRO-Recordern aufgezeichnet - parallel und synchron.

Die SinaCams konnten sowohl auf einem Spiegel-, als auch Parallelrig montiert werden. Als kleines, leichtes Kamerasystem mit einer externen Aufzeichnung konnten wir das System nahezu universell einsetzen. Unser zweites System bestand aus zwei Panasonic P2 Kameras des Typs Typs HPX 2100. Auch für dieses System stand ein Spiegel- und Parrallelrig zur Verfügung. Somit waren wir auch mit dem "großen" System für alle Aufnahmesituation gerüstet. Der Einsatz des Parallelrigs war bei einem Minimalabstand von zirka 20 cm der beiden Kameras nur für Totalen und weit entfernte Objekte sinnvoll.

Als drittes System nutzten wir ein Prosumersystem - die Panasonic 3 D A1. Sie vereint die für S3D notwendigen zwei Optiken in einem Gehäuse. Die beiden Augen werden getrennt voneinander intern auf SD-Karten aufgezeichnet. Mit diesem fertigen System muss nichts mehr montiert werden, man kann sofort loslegen. Der Nachteil hierbei ist, dass der Augenabstand immer fest bei 6,5 cm liegt. Das schränkt den Bereich, für den man diese Kamera nutzen kann, ein. Bei der Bildgestaltung muss man darauf achten, dass in einer Einstellung nicht gleichzeitig Objekte näher als 1,5 m und weiter als 10 m aufgenommen werden.

Unser viertes System war eine Effektkamera aus dem Sportbereich - die GoPro Hero HD. Zwei dieser Konsumerkameras werden in einem Gehäuse über ein Synchronkabel miteinander verbunden - fertig. Es steht ein einziges, sehr weitwinkliges Objektiv zur Verfügung. Die Aufzeichnung erfolgt intern auf SD-Karten. Beide Kameras mit Gehäuse wiegen deutlich unter 1kg und sind damit besonders geeignet für Effektshots. Die sehr kleine, leichte und robuste Kamera kam überall dort zum Einsatz, wo die größeren und schwereren Systeme passen mussten.

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