Zwischen Verehrung und Verachtung

Frankreich und seine Équipe Tricolore

Dokumentation | Dokumentation - Zwischen Verehrung und Verachtung

Am 12. Juli 1998 köpft Zinédine Zidane Frankreich ins Glück. Für das Land wird die Nationalmannschaft zum Symbol geglückter Integration. Doch davon ist heute nur wenig übrig.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.06.2017, 15:47
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016

Am 12. Juli 1998 köpft Zinedine Zidane Frankreich ins Glück. Für die Grande Nation wird die Nationalmannschaft zum Symbol geglückter Integration. Doch davon ist heute nur wenig übrig. Auf dem Platz als Helden gefeiert – im wahren Leben im Abseits? Wie steht Frankreich zu seiner Nationalmannschaft? Sportstudio-Moderator Jochen Breyer berichtet über die Stimmung im EM-Gastgeberland.

Zwischen Verehrung und Verachtung  Hollande
Jochen Breyer interviewt den französischen Präsidenten François Hollande. Quelle: ZDF/Mirko Schernickau

Es ist der 12. Juli 1998: Frankreich gewinnt 3:0 gegen Brasilien im Finale der Fußballweltmeisterschaft; zweimal trifft Zinedine Zidane, der Superstar mit maghrebinischen Wurzeln, gegen Brasiliens Ballkünstler. In der Nacht des WM-Triumphs liegen sich auf den Champs-Élysées alle in der Armen. Das tief gespaltene Frankreich bejubelt seine Fußballhelden, sein Team. Für einen Moment entsteht die Vision einer neuen, versöhnten Gesellschaft, deren Vorbild die Nationalmannschaft ist. Sie wird zum Symbol einer geglückten Integration und der Kraft, die daraus entstehen kann. Doch das ist lange her.
Wie geht das Land heute mit einer Mannschaft um, deren Spieler zum Großteil Migrationshintergrund haben – und in dem die rechte Partei Front National gleichzeitig zu einer fast mehrheitsfähigen politischen Strömung geworden ist? Mit dieser Frage im Gepäck reist Jochen Breyer durch Frankreich. Auf und abseits des Rasens trifft er ehemalige und aktuelle Spieler, spricht mit denen, die aus den Vororten kommen ebenso wie mit denen, die über sie urteilen.
Lilian Thuram, Rekordnationalspieler der französischen Nationalmannschaft, und Bixente Lizarazu, der überragende Linksverteidiger, waren 1998 dabei. Sie wissen, wie groß sich das damals anfühlte. Sie wissen aber auch, dass die Euphorie nicht lange anhielt. Heute engagiert sich Thuram gegen Rassismus. Er sitzt im Integrationsrat der französischen Regierung, unterstützt Jugendliche in den Banlieues und leistet in den Schulen Aufklärungsarbeit. Inzwischen, erzählt Thuram, gilt die Nationalmannschaft nicht mehr als Vor-, sondern als Spiegelbild einer in sich völlig zerrissenen Gesellschaft. Über sie werde in einem Ausmaß öffentlich debattiert und gestritten, wie es uns in Deutschland kaum vorstellbar sei.
Nach den Skandalen und dem frühen WM-Aus 2010 in Südafrika, wurden die Spieler öffentlich als Abschaum beschimpft. Der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy sorgte sich um die „nationale Identität“ der Nationalmannschaft. Marine Le Pen, Chefin der Partei Front National, ging noch einen Schritt weiter: Sie erkenne sich in der Nationalmannschaft nicht wieder, die meisten Spieler trügen „eine andere Nation im Herzen“. Die Einheit war zerbrochen. In der öffentlichen Wahrnehmung gab es „richtige“ Franzosen und „falsche“.
Daran hat sich bis heute wenig geändert. Im Gegenteil, die französische Nationalmannschaft „L’Équipe tricolore“ ist Spielball einer aufgeheizten Debatte, die seit den verheerenden Anschlägen in Paris nochmal an Schärfe gewonnen hat. Denn wieder schaut Frankreich auf die Banlieues und denkt an Terrorismus.
Auf seiner Reise in französische Stadien und Vororte erlebt Jochen Breyer eine gespaltene Nation. Doch er erlebt auch die Faszination des Fußballs, die stärker ist als Rassismus und Ressentiments. Anhand der Nationalmannschaft thematisiert Breyer den Zustand einer Gesellschaft, offenbart ihre Ängste – aber auch ihre Hoffnungen.


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