Die Herrin des Merowinger-Goldes

Probleme bei den Dreharbeiten vor Ort

Da standen wir nun, Kamera- und Tonmann, die Stringerin aus Moskau, ein ganzer Wagen voll Equipment, der Fahrer und ich und begehrten Einlass ins Puschkin-Museum. Am 2. März um 10 Uhr, so war es mit Irina Antonova, der legendären 83-jährigen Direktorin des Hauses verabredet - im November 2006.

Merowinger Armreif
Auch der Merowinger Armreif war 60 Jahre in geheimen Depots versteckt.

Da war ich das erste Mal in Moskau gewesen, als ZDF-Medienpartner der Staatlichen Museen Berlin, mit russischem Team und Professor Menghin, dem Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin als "Türöffner". Unsere Aufgabe: erste Dreharbeiten, um ein völlig neuartiges Projekt zu dokumentieren - ein deutsches und drei russische Museen präsentieren Beutekunst, das Gold der Merowinger.

Deutsch-russische Zusammenarbeit

Seit 60 Jahren in russischen Geheimdepots versteckt, nach sechs Jahren Vorbereitungszeit jetzt zum ersten Mal hervorgeholt. Ohne Ressentiments und politisches Kalkül arbeiten die Museumsleute aus der Eremitage und dem historischen Museum Moskau, dem Puschkin-Museum und dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte zusammen, wenn auch nicht ohne Trauer bei Wilfried Menghin:

"Zu denken, dass 80 Prozent der 1.100 Objekte, die hier gezeigt werden, bis 1945 zu den Highlights in unserm Haus gehörten, das stimmt schon melancholisch! Aber wir haben mitgemacht, weil es uns darum ging, die Kunstobjekte endlich überhaupt einmal zu sehen, sie gemeinsam zu restaurieren und zu inventarisieren, damit sie Wissenschaft und Öffentlichkeit wieder zur Verfügung stehen."

Mächtige Direktorin

Die Beutekunstpolitik - eine geregelte Rückgabe - gilt seit Jahren als gescheitert. Nun also die Ausstellung Merowingerzeit. Am 12. März soll sie in Moskau eröffnet werden unter dem symbolträchtigen Titel "Europa ohne Grenzen". Nicht nur für die Zeit vor 1.500 Jahren soll dieser Titel stehen, sondern auch für die Gegenwart. Für eine Zeit der Begegnung, der Offenheit, der Kooperation. Aber nun stehen wir erst einmal vor der Tür.

Im November war es zunächst ganz ähnlich. Irina Antonowa brauchte lange, um Deutsche in ihr Haus zu lassen, sie dabei sein zu lassen, als das Gold den beteiligten Kuratoren zum ersten Mal - noch in Packpapier - vorgeführt wurde. Seit 1961 ist sie Chefin im Puschkin-Museum, hat viele Regierungen überlebt und gilt als eine der mächtigsten Museumsdirektorinnen der Welt.

Irina Antonova

Nur nicht die Hoffnung aufgeben

Nach vielen Unterredungen hatte sie mir im November sogar ein Interview gegeben. "Das ist wie ein Ritterschlag, jetzt hast Du das Eis gebrochen!", hatten mir damals russische Kollegen gesagt. Aber nun, ein knappes halbes Jahr später, scheint alles vergessen zu sein: den Aufbau der Ausstellung im berühmten Weißen Saal zu filmen, in dem 1996 schon das Gold des Priamos - ebenfalls aus Berlin - gezeigt worden war, wird uns verwehrt. Ohne Begründung.

Ähnlich ist es bei einigen Politikern: Schon bestätigte Interviews werden ersatzlos abgesagt. "Unser täglich Brot", versuchen mich die Kollegen vom ZDF-Studio Moskau zu trösten, "Journalisten haben in Russland zur Zeit keinen Stellenwert, und warum welche Entscheidungen getroffen werden, ist völlig unklar. Aber: Gib nur bloß die Hoffnung nicht auf!"

Mythos "gerettete Kunst"

In Moskau bleibt es beim "Njet". Es kommt sogar noch dicker: Hatte Irina Antonova im Herbst noch erkennen lassen, dass die Grabfunde aus Thüringen und Bayern, aus dem Rheinland und Schwaben - mit dabei auch Keramik, Scherben und Funde wie kleine Gewandfibeln, die nur zusammen mit dem in Berlin noch Vorhandenen von der Forschung sinnvoll zu erschließen sind - sie nicht wirklich interessieren. Und es könne sogar so sein, wie mit den Ausstellungen 1955 und 1958, "als die Dinge, die wir gezeigt haben, später nach Deutschland zurückgegeben wurden ", überrascht sie jetzt, wenige Stunden vor der Ausstellungseröffnung alle. Sie eröffnet uns, dass bald für diese Funde auf ihrem Gelände ein neues Museum gebaut werden solle. Und sie strickt weiter an dem Mythos: "Diese Kunst wurde von unseren Soldaten gerettet!"

Für den Dreh der Objekte - mit tausend Reflexionen in hohen Glasvitrinen und auf gläsernen Unterlagen äußerst schwierig - gibt man uns in Moskau schließlich kaum eine Stunde Zeit. Das Ergebnis reicht in keiner Weise für eine Dokumentation. Wir müssen also noch einmal nach Russland.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet