Die Wiege der Zivilisation

Das Vorderasiatische Museum in Berlin

Wenige Schritte vom Pergamonaltar entfernt bietet das Museum für Vorderasiatische Kunst eine Fundgrube für Architekturen in Originalgröße, ob aus dem heutigen Syrien, dem Irak oder dem ehemaligen Hethiterreich. Einen Schwerpunkt bildet unter anderem das assyrische Reich.

Keilschrift
Die Keilschrift existiert seit mehr als 4000 Jahren.

Der Assyrologe Joachim Marzahn ist Experte für 4000 Jahre Schrift, besonders für Keilschrift. Sumerisch, Akkadisch, Hethitisch und Aramäisch sind seine Spezialität. Das Kopieren und Vervielfältigen dient dem wissenschaftlichen Austausch mit anderen Forschern. Immer wieder gewinnt er neue Erkenntnisse aus den Keilschrift-Texten.

Keilschrift-Tafeln erzählen Geschichten

Das Vorderasiatische Museum besitzt über 23.000 Keilschrift-Tafeln. Dies ist eine der größten Sammlungen weltweit. Verträge, Gedichte, Korrespondenzen - die Entwicklung der Schrift von ersten Bildsymbolen bis zur abstrakten Form sowie die Entstehung geregelter Gesellschaftsformen kann hier nachvollzogen werden.

In der Gesetzesstele von Hammurabi, im Museum als Kopie zu besichtigen, findet diese Entwicklung nachdrücklichen Ausdruck. Aber auch andere Erfindungen, die Mesopotamien zur Wiege der Zivilisation gemacht haben, sind in Berlin thematisiert, vom Rad über den Pflug bis hin zum Bier.

Die Entdeckung Babylons

Ganze Städte und die ersten Stadtstaaten entstanden im Zweistromland. Die berühmteste, Babylon südlich von Bagdad im heutigen Irak, gilt als Weltwunder der Architektur - besonders das Tor der Ischtar mit den Schutzgottheiten der Stadt. Allen voran der Drache Marduk, ein Mischwesen mit dem Kopf einer Viper und dem Schwanz eines Skorpions.

Entdeckt hat diese frühe Metropole Robert Koldewey, ein ehemaliger Lehrer. Von 1899 an hat er 17 Jahre lang gegraben, unterstützt von 200 Hilfskräften. 24 Meter Schuttschicht wurden beseitigt, bis die wertvollste Straße der Weltgeschichte zum Vorschein kam. Im Museum - und das gibt es nur hier - erzählen Wandgemälde von den Orten der Ausgrabungen und Funde. Auch andere noch früher bereits hochentwickelte Städte werden vorgestellt, zum Beispiel das sumerische Uruk im Süden Iraks, mit den unvergleichlichen Stiftmosaiken seines Eanna-Tempels und dem Tempel der Göttin Inanna mit gekrönten Wassergöttern.

Krieger und Eroberer

Einen Schwerpunkt der Sammlung in Berlin bildet das assyrische Reich. Nördlich von Babylon gelegen, stieg dieser Staat zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert vor Christus zur Weltmacht auf und beherrschte den ganzen vorderasiatischen Raum unter dem Schutz des Staatsgottes Assur. Darstellungen belegen, dass die Assyrer ein kriegerisches Volk waren. Sie verfügten über militärische Neuerungen wie schlagkräftige Waffen und schnelle Streitwagen.

Wie sie mit Gefangenen umgingen, zeigt eine Abbildung von König Asaarhaddon. 671, nach der Schlacht von Memphis, nahm er den ägyptischen Kronprinzen gefangen und verschleppte ihn am Nasenring nach Assur. Der Nachwelt hinterließen assyrische Könige und hohe Würdenträger Steinstelen, auf denen sie ihre Namen und Titel verewigten. Im Süden der Stadt bildeten diese zwei Reihen, bis Assur 614 von den Medern erobert und alles dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Stadt der Götter

Dass wir dennoch heute wissen, wie die Stadt mit ihren Tempeln und Palästen entlang des Tigris aussah, verdanken wir Walter Andrae. Der damals 28-Jährige ließ sich von einem Lehmberg leiten, unter dem er den Stadtturm vermutete und von 1903 an die vergessene Stadt ausgrub. Assur war eine reiche Stadt mit Tempeln, Palästen und Befestigungsanlagen. Gewaltige Mauern schützten sie gegen Feinde und die Hitze. Die fruchtbaren Flussauen und Einnahmen aus der Kontrolle der wichtigsten Handelswege mehrten den Reichtum der Stadt.

Obwohl Assur vom 9. Jahrhundert an nicht mehr Hauptstadt war, wurden der Staatsgott Assur und alle anderen Götter weiterhin hier verehrt. Von Ischtar, der Göttin des Krieges und der Liebe bis hin zum Mond- und Sonnen-, sowie Himmels- und Wettergott. Die ganze Stadt war kultischer Mittelpunkt. Priester in zotteligen Schaffell-Gewändern versahen den Gottesdienst. Ein Relief mit der Darstellung eines wichtigen Gottes, dem Schützer der Pflanzen- und Tierwelt flankiert von zwei Wassergöttinnen, wurde im Assur-Tempel ausgegraben.

Irak-Krieg unterbricht Ausgrabungen

Seit dem Jahr 2000 war Peter Miglus auf den Spuren der Assyrer, führte die Ausgrabungen von Andrae mit einem deutschen Team weiter, bis der Irak-Krieg im März 2003 alles stoppte. Allerdings hatte er andere Fragestellungen als seine Vorgänger. "Es ging hauptsächlich darum, die Anfänge der Stadt zu klären", sagt Miglus. "Auf welche Weise sich diese spätere assyrische Hauptstadt überhaupt entwickelte. Was war das für eine Siedlung, die dort Mitte des dritten Jahrtausends entstanden ist und wie sah diese erste Periode aus, die uns eigentlich nur aus den Tempelbereichen bekannt ist."

Wenn man sich heute über den Tigris Assur nähert, sieht man die verlassenen Ausgrabungsorte. Alles wird von der Zikkurat überragt, dem noch immer erkennbar eindrucksvollen Tempelturm. Einiges haben die irakischen Archäologen bis zum Beginn des Irak-Krieges rekonstruiert. Anderes bietet sich als offene, nicht abgeschlossene Forschungsstätte in Assur an - und ist seit kurzem Unesco-Weltkulturerbe.

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