Nofretete - eine Spurensuche

Textauszug aus dem ZDF-Begleitbuch

Hier wurde sie gefunden: in der Ecke eines lang gestreckten Raumes im nordöstlichen Teil einer Hausruine. Hellbraune Reste von aufeinander gebauten Lehmziegeln, knochentrocken in der weiten Wüste hinter dem Dörfchen El-Amarna.

Buchcover Nofretete von Carola Wedel
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Hier stand sie also einmal, die herrliche Stadt des Sonnengottes Aton, groß, elegant, Gold geschmückt, die von Echnaton neu gegründete Residenz Achet-Aton (Horizont des Aton), die auch zugleich zum religiösen Zentrum des Sonnenkultes wurde. Neun Kilometer lang und einen Kilometer breit, mit prächtigen Tempeln und Palästen, Villen für die Reichen und Unterkünften für das Militär sowie Häusern von Arbeitern und Handwerkern. Das größte und wichtigste: die Werkstatt des Thutmosis, des leitenden Bildhauers von Echnaton und Nofretete.

In dieser großzügigen, verschachtelten Anlage mit Archiv, Brennöfen, Ateliers hat er mit seinen Mitarbeitern gearbeitet, offenbar unendliche Mengen von Skulpturen, Büsten, Köpfen und Altären mit dem Abbild der königlichen Familie für die Tempelanlagen aber auch die privaten Altäre hergestellt.


Ein Sensationsfund

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts lag hier alles in einem vermeintlich ewigen Frieden. Kaum jemand ahnte etwas von den Schätzen unter dem Wüstensand. Erst mit dem Fund des Steins von Rosette, und der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch den französischen Gelehrten Jean-François Champollion, tauchten die Namen von Echnaton und Nofretete, von ihren Kindern, Geschwistern und weiteren Verwandten, aus den Tiefen der Vergessenheit auf. Über 3000 Jahre lang hat man nichts von ihnen gewusst.

Es war einem anderen Deutschen, dem Ägyptologen Ludwig Borchardt, bestimmt, die Schönheit und Bedeutung der Frau Echnatons, der Königin Nofretete, zu entdecken. Am 6. Dezember 1912 fand er hier, im Haus P.47.1-3, genauer in 2, in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis, die inzwischen weltberühmte Büste der Nofretete: "Als ich am 6. Dezember 1912 bald nach der Mittagspause durch einen Zettel des gerade Aufsicht führenden Prof. Ranke eiligst nach Haus P 47,2 gerufen worden war, fand ich schon in dem Raum 19 dicht hinter der Tür bereits die soeben zum Vorschein gekommenen Bruchstücke einer lebensgroßen Büste Amenophis' IV. vor. Gleich darauf, in nächster Nähe, etwas weiter in Raum 19 hinein, gefundene, äußerst zierliche und leicht verletzbare Stücke ließen es angezeigt erscheinen, sogleich einen der umsichtigsten Arbeiter, unseren ersten Vorarbeiter Mohammed Ahmed es-Senussi, hier allein arbeiten zu lassen und aus nächster Nähe anzuweisen, gleichzeitig aber einen der jüngeren Herren mit der schriftlichen Aufnahme des Fortgangs der Arbeit zu beauftragen. Indem wir uns durch den nur etwa 1,10 Meter hoch liegenden Schutt allmählich gegen die Ostwand von Raum 19 vorarbeiteten, kamen weitere Stücke von hohem Kunstwert hinzu, die hier nicht einzeln erwähnt zu werden brauchen. Dann wurde wenig vor der Ostwand - 0,20 Meter. davon, 0,35 Meter von der Nordwand - etwa in Kniehöhe zuerst ein fleischfarbener Nacken mit aufgemalten Rändern bloß.

'Lebensgroße bunte Büste der Königin' wurde angesagt und niedergeschrieben, die Hacke beiseitegelegt und mit den Händen behutsam weitergearbeitet. Die nächsten Minuten bestätigten das Angesagte, über dem Nacken kam der untere Teil der Büste, unter ihm die Hinterseite der Königinnenperücke zum Vorschein. Bis das neue Stück ganz vom Schutte befreit war, dauerte es allerdings noch einige Zeit, da zuerst ein nördlich dicht anliegender Porträtkopf des Königs vorsichtig geborgen werden musste. Dann wurde die bunte Büste erst herausgehoben und wir hatten das lebensvollste ägyptische Kunstwerk in Händen. Es war fast vollständig, nur die Ohren waren bestoßen und im linken Auge fehlte die Einlage. Der Schutt, auch der schon fast hinausgeschaffte, wurde sogleich durchsucht, zum Teil gesiebt. Es fanden sich später noch einige Bruchstücke der Ohren, die Augeneinlage nicht. Erst viel später sah ich, dass sie nie vorhanden gewesen ist."


Alltag einer Königin

Die Funde an dem Tag waren offenbar so zahlreich, dass sie - gut bewacht - die erste Nacht in einem Zelt verbrachten, auch Nofretete. Zahlreiche Fotos wurden gemacht: Das bekannteste zeigt die noch stark verschmutzte Büste der Königin, in den Händen eines Ägypters, wahrscheinlich des ersten Vorarbeiters Mohammed Ahmed es-Sanussi. Ihm gegenüber Hermann Ranke und dahinter offenbar noch andere deutsche Betrachter. Nach Aufzeichnungen der Grabung befanden sich zu dieser Zeit hochwohlgeborene Besucher in Tell-el-Amarna: Ihre Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzessin Johann Georg von Sachsen und Ihre Königliche Hoheit Mathilde von Sachsen, die ihre Nilreise mit einem zweitägigen Besuch bei den Ausgrabungen beenden wollten und so zufällig Zeugen einer Sensation wurden.

Wie mag der Tagesablauf der Königin ausgesehen haben? Von anderen altägyptischen Abbildungen und Texten weiß man: Baden, Salben, Schminken, Körperpflege jeder Art hat eine große Rolle gespielt. Und bei der Bedeutung, die Schönheit für Nofretete und Echnaton hatte, wird ein umfangreiches Pflegeprogramm bei ihr noch in viel größerem Maß der Fall gewesen sein. Duftflakons sind ebenso zahlreich gefunden worden wie Kosmetik, zum Beispiel Kajalgefäße. In Berlin gibt es einen Schminkbehälter mit Nofretetes Namen darauf.

Als junge Frau muss Nofretete sehr schlank gewesen sein, die Bewegungen anmutig. Später, nach mindestens sechs Geburten, wird sie etwas rundlicher, die Hüften breiter. Es ist anzunehmen, dass Nofretete, wie andere Frauen ihrer Zeit, einen kahl geschorenen Kopf hatte: bei Hitze, Ungeziefer und den schweren Perücken und Kronen, die sie getragen hat, sicher eine praktische Lösung.


Erotische Superfrau

Neben der schon erwähnten schweren, dreigeteilten Perücke, die Nofretete in Karnak trug und den verschiedenen leichteren, gestuften Perücken, wurde sie vor allem mit der "nubischen" Perücke dargestellt. Einer kurz geschnittenen, lockigen Form, im Nacken hoch und kurz, an der Seite etwas länger, die eigentlich Männern, vor allem Soldaten zustand. Nofretete hat sie für sich annektiert.

Ihre Kleidung: meist lange Gewänder aus so leichtem Material, dass sie die Körperformen deutlich erkennen ließen. So jedenfalls die Darstellungen! In Karnak waren es noch unter der Brust geknotete Oberteile oder lediglich sehr eng anliegende Kleider, die die Figur in allen Details betonte. In Amarna sind es dann entweder vorn offen stehende oder tatsächlich vollkommen transparente Kleidungsstücke. Bauch, Brüste, Hüften, sogar Schamhügel sind deutlich zu erkennen. Manchmal ist nur an einer dünnen Linie am Hals oder den Oberarmen zu erkennen, dass sie überhaupt etwas an hat. Da das Material der damaligen Zeit Leinen war, ist kaum anzunehmen, dass die Kleidung von Nofretete wirklich derartig transparent war. Auch die Temperaturen in der Ebene von Amarna dürften eine solche Garderobe unmöglich gemacht haben. Die Deutung der Forschung: Diese Erscheinungsweise diente nicht nur der stolzen Darstellung und dem Sichtbarmachen von Nofretetes einmaliger Schönheit und sexuellen Attraktivität: "Schön von Angesicht. Herrin der Freude. Mit Liebreiz begabt, "Groß an Liebe", wird sie in den Texten der Grenzstelen gerühmt. Die künstlerisch so sehr betonte Weiblichkeit symbolisierte darüber hinaus Nofretetes Rolle im Zusammenhang mit dem Schöpfergott Aton. Die Königin: eine erotische Superfrau, ein lebendes Fruchtbarkeitssymbol.

Wie wir schon bei der Beschreibung der Berliner Büste gesehen haben: Auch die Kopfbedeckungen, mit denen Nofretete abgebildet ist, stehen immer in einem bestimmten symbolischen oder ideologischen Zusammenhang. Am häufigsten ist sie in der Amarna-Zeit mit der blauen, oben abgeflachten Krone abgebildet, die sozusagen als die Nofretete-Krone gilt. Für viele Forscher ist sie das - gleichrangige - Pendant zu Echnatons blauer Herrscherkrone. Andere erinnert sie an die Kopfbedeckung der Göttin Tefnut.

Szenen aus dem Privatleben

In der Frühzeit in Karnak ist Nofretete sehr oft mit der Federkrone abgebildet. Manchmal sind es auch Doppelfedern mit der Sonnenscheibe zwischen den Hörnern: ein Bezug auf Hathor und den Kult des Sonnengottes Re. In diesem Zusammenhang sei aber auch noch einmal das Kopftuch des Königs Chat erwähnt, das offenbar auch ihr zusteht. Außer bei Nofretete sind bisher nur Darstellungen von Teje, der Gemahlin von Amenophis III., mit dieser Kopfbedeckung bekannt und von den Göttinnen Isis und Nephtys.

Und schließlich gibt es in Amarna noch die Atef-Krone, zwar nur ein einziges Mal dargestellt, aber noch sehr gut und eindruckvoll erhalten - im Grab des Panehessi. Eine wundervolle prächtig geschmückte Krone. Auch Echnaton trägt sie, aber bei ihm ist sie noch üppiger ausgestattet. Nofretetes Krone besteht aus der Sonnenscheibe und zahlreichen Uräusschlangen, Straußenfedern, Widder- und Stierhörnern. Eine traditionsreiche Königskrone. Vor ihr hat sie nur einmal eine Königin getragen: Hatschepsut als weiblicher Pharao!

Neben den offiziellen Darstellungen gibt es auch einige wenige "private". Nie zuvor war es Künstlern gestattet, "Aufnahmen" in den privaten Palasträumen des Pharao zu machen. Bei Echnaton ist das anders: Neben den schon beschriebenen Darstellungen der Räume gibt es auch Szenen wie "gemeinsames Essen und Trinken". Beim Besuch der Königinmutter Teje zum Beispiel. Hier sieht man die königliche Familie ganz vergnügt beim Mahl: Echnaton hält einen Fleischspieß in seinen Händen, Nofretete offenbar eine Gänse- oder Entenkeule. Auf den Tischen daneben Obst, Brot und andere Lebensmittel, Delikatessen im Überfluss. Zwei, klein dargestellte Diener sind gerade dabei, weitere Köstlichkeiten zuzubereiten. Eine Wand weiter findet sich eine weitere Szene aus dem Privatleben des königlichen Paares: Nofretete gießt ihrem Mann zu trinken ein. Es muss Abend sein: Die Sonne ist nicht zu sehen.


    Carola Wedel
    Nofretete und das Geheimnis von Amarna
    Zaberns Bildbände zur Archäologie
    Verlag Philipp von Zabern, 2005
    ISBN 3-8053-3544-X
    29,90 Euro

Datum:

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