Wie der Phönix aus der Asche

Das Pergamonmuseum erhält einen neuen Flügel

Eigentlich sollte man denken, dass die Baudenkmäler in Berlin sicher oder zumindest sicherer sind als in ihren Herkunftsländern. Aber der Zustand des Pergamonmuseums lässt einiges zu wünschen übrig. Der Architekt Oswald Mathias Ungers soll das Museum in eine neue Zukunft führen.

Außenansicht des Pergamonmuseums
Das Pergamonmuseum ist dringend reparaturbedürftig.

Seit Juni 2003 verstellen im Inneren des Gebäudes Hunderte von Gerüsten den Blick auf die Kunstwerke: Am Glasdach haben sich Schrauben gelöst und die Träger sind instabil geworden. Im Keller sieht es nicht viel besser aus: Wassereinbrüche, Rost, Salzausblühungen. Das ganze Fundament ist von Rissen durchzogen und an vielen Stellen nicht mehr sicher. Absackungen aus den letzten Jahren und der Zweite Weltkrieg haben ihre Spuren hinterlassen.

Verwüstung im Krieg

1939 wurde das Pergamonmuseum geschlossen. Hitlerjungen halfen die Skulpturen des Pergamonaltars gegen Luftangriffe zu sichern. Sechs Jahre später waren die Schäden durch Bomben und Artilleriebeschuss unübersehbar - vom Pergamonaltar blieb nur noch ein Skelett übrig. Die Mschatta-Fassade stand fast im Freien, das Vorderasiatische Museum war verwüstet.

Nun trat die Sowjetunion als Retter der Schätze des Weltkulturerbes auf die Bühne. Aber erst mal waren die Friese des Pergamonaltares als Kriegsbeute nach Leningrad verschleppt worden. Erst 13 Jahre später, 1958, kamen sie nach Berlin zurück. Mehr als zwölf Monate brauchten Wissenschaftler und Restauratoren, um den Altar und seine Friese wieder zusammen zu setzen. Dann stand das ganze Pergamonmuseum - wie schon einmal - als Prestigeobjekt zur Verfügung.

Sicherung der Originalsubstanz

Knapp 30 Jahre später sind die Mauern marode geworden. Durch Klopfen wird festgestellt, wo die Glasur am Ischtar-Tor bereits begonnen hat, sich von den Ziegeln zu lösen. Was alles kaputt ist, wird im Frühjahr 2003 untersucht und kartografiert. So müssen zum Beispiel Metallanker in Ergänzungsteilen ausfindig gemacht und ihr Zustand überprüft werden. Baufeuchte hat dazu geführt, dass die Zinnen oben am Tor gefährlich locker sitzen.

Um die Sicherung der Originalsubstanz geht es auch beim Milettor. Eisenkerne, die seit 70 Jahren das Innere des Objektes stützen sollen, sind verrostet, zerstören es jetzt von innen heraus. Abplatzungen, Risse und Brüche sind weitere gravierende Schäden. Über 50 Millionen Euro kostet die Restaurierung der im Pergamonmuseum ausgestellten Architekturdenkmäler insgesamt. Dazu kommen Kosten für den Abbau von Exponaten, die durch die Erschütterungen bei der Generalsanierung gefährdet sein könnten.

Mathias Ungers soll es richten

Einer der meistbeschäftigten deutschen Architekten, Oswald Mathias Ungers, soll das alles richten und in die Zukunft führen. In Washington hat er 1994 die neue deutsche Botschaft gebaut, in Frankfurt steht sein Messetorhaus. Für Hamburg schuf er den Erweiterungsbau der Kunsthalle, eins seiner zahlreichen Museen. Die meisten Gebäude von Ungers sind in Berlin zu finden. Seine Handschrift ist unübersehbar: Immer wieder ist der Kubus für ihn Ausgangspunkt beim Bau, sein Grundmodul das Quadrat.

Krönung seiner Laufbahn soll das Pergamonmuseum sein. Dieses Gebäude von Alfred Messel ist in Monumentalität und Formensprache seiner Architektur durchaus verwandt. Die Kosten der Wiederherstellung und Modernisierung betragen rund eine halbe Milliarde Euro. Konkret planen darf Ungers noch nicht, Visionen hat er aber bereits: "Aus dem Ehrenhof wird in Zukunft ein Forum durch den neuen Flügel, den wir zwischen die beiden Flügel spannen", sagt der Architekt. Das Forum werde nach oben offen sein und von allen genutzt werden können.

Pforte nach Altägypten


Der Totentempel von Sahuré wurde 2400 vor Christus gebaut und 1907 von Nofretete-Entdecker Borchardt ausgegraben. Seit den 70er Jahren steht er im Ägyptischen Museum in Charlottenburg. Ursprünglich bestand der Tempel aus 13 Säulen mit Palmblatt-Kapitellen und Architraven, die das Firmament getragen haben. Ein kosmisches Symbol der Beziehung zwischen Himmel und Erde - eine der wenigen Monumentalarchitekturen außerhalb von Ägypten. Nach dem Umbau soll er ins Pergamonmuseum übersiedeln.

Neben ihm soll im neuen vierten Flügel das Kalabsha-Tor aufgestellt werden. Ein gewaltiges Element mit einer anderen Darstellung der ägyptischen Weltordnung: der König vor den Göttern. Entsprechend seiner Entstehungszeit um 20 vor Christus wird der römische Kaiser Augustus auf diesem Tor als Pharao abgebildet.

Hauptrundgang geplant

Wildung betont damit eine der zentralen Ideen für den neuen vierten Flügel: einen Hauptrundgang durch das ganze Gebäude zu allen architektonischen Highlights auf einer Ausstellungsebene. Änderungen sind aber auch im Ehrenhof geplant. Im Untergrund sollen die Kellergewölbe tiefergelegt werden, das heißt circa anderthalb Meter kommen dazu. Damit kann zusätzliche Ausstellungsfläche gewonnen werden, zum Beispiel für ein neues Jugendforum oder zur Aufstellung von Architekturteilen.

An anderer Stelle sind im Sockelgeschoss Verbindungsgänge geplant. Zum einen zur archäologischen Promenade, die vier der Museen der Insel miteinander verbinden wird und zum anderen auch zum neuen Eingangsgebäude. Dieses neue Entrée ist ein absolutes Muss für die in naher Zukunft erwarteten vier Millionen Museumsbesucher pro Jahr. Dennoch wird man aber künftig jede der drei Abteilungen des Pergamonmuseums einzeln besuchen können.

Weltweit einmalig

So wird in Zukunft das Pergamonmuseum ein neues, anderes Bild abgeben. Ein Bild, das mit dem Gestern zu tun hat, aber auch in das Morgen führt. Mindestens 15 Jahre wird das Ganze noch dauern, doch der Architekt hat sein Ziel fest im Blick.

"Das wäre natürlich ein unerhörtes Ereignis, das innerhalb kürzester Zeit in einem Rundgang zu erleben", sagt Ungers. "Alles auf einer Ebene, alles nebeneinander, das wird eine Sensation, die es in der ganzen Welt nicht noch einmal gibt." Viele einzelne Schritte und die Bemühungen von nicht wenigen Mächtigen unserer Zeit werden noch nötig sein, damit diese Vision Wirklichkeit wird.

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