Wüstentrip zur Nofretete

Filmautorin Carola Wedel über den Dreh einer "authentischen Reportage"

Auf den Spuren von Nofretete macht sich Carola Wedel mit ihrem Team auf den Weg nach Achet-Aton. Schon die Fahrt zu den Ausgrabungsstätten gestaltet sich abenteuerlich. Gedreht wird mit einfachen Mitteln und viel Engagement. Harte Arbeit statt Glanz und Glamour.

Büste der Nofretete
Büste der Nofretete

20 Mann "Begleitkommando" bei Dreharbeiten - das hatte ich noch nicht erlebt. In Mittelägypten war es soweit. Als wir von El Minya aus gen Süden nach El-Amarna, den Ort in dessen Nähe die Ruinen von Echnatons Stadt Achet-Aton zu finden sind, Richtung Wüste aufbrechen wollten, war erst einmal Warten angesagt.



Mit Polizeieskorte in die Wüste

Unser wissenschaftlicher Berater, der stets lächelnde und immer freundliche Professor Hassan Selim von der Universität Sohag in Mittelägypten, informierte uns nach langen Beratungen mit dem nationalen, dem örtlichen und dem regionalen Vertreter der ägyptischen Antikenbehörde, deren Assistenten, dem Vertreter des Sicherheits-Dienstes des Innenministeriums, dem lokalen Polizeivertreter, einem Mitarbeiter des Hotels und einem Polizisten in Zivil davon, dass wir noch auf unsere Polizeieskorte warten müssten. Als diese in Form eines vollbesetzten und bewaffneten Jeeps erschien, ging es los.

Man fährt lange von El Minya eine für europäische Verhältnisse gefährlich schmale Straße nach Süden, rechts Felder, links ein Kanal. Und immer wieder in kurzen Abständen kleine Zementhäuschen auf Stelzen, die aussehen wie übergroße Taubenschläge. Unterstände für Polizei-Posten, erklärt man uns. Mittelägypten gehört zu den am stärksten kontrollierten Gebieten des Landes. Seit dem blutigen Attentat 1996 am Hatschepsut-Tempel und dem nachfolgenden Einbruch des Tourismus will man kein Risiko mehr eingehen.

Entlang des Nil

Nach anderthalb Stunden biegen wir auf eine lehmige Straße nach links ab, überqueren eine unter hoch beladenen Lastwagen und klapprigen Autos schwankende Brücke. Jetzt sind wir im fruchtbarsten Teil unserer Strecke angelangt: Zwischen Kanal und Nil, die Berge im Osten wirken wie ein Treibhaus. Ein schmaler Streifen nur, aber hier haben die Felder ein Grün, dass es in die Augen sticht. Immer und überall wird etwas geerntet und immer läuft irgendwo der Motor einer kleinen Bewässerungspumpe. Faszinierend, die kleinen Wasserläufe zwischen den Feldern, darüber einzelne schlanke Palmen vor einem strahlend blauen Himmel.

Dann führt die Straße scharf im rechten Winkel über einen zweiten, kleinen Kanal. Ein Schafhirte kommt uns mit seiner Herde entgegen, gekleidet in einer langen taubenblauen Kalabeja. Frauen, auch sie in langen, weiten Gewändern, Bündel von Grünzeug auf den Köpfen. Ihre Gewänder sind bunt, die Gesten lebhaft, die Gesichter heiter.

Reise in die Vergangenheit

Hier, drei Kilometer vor dem Ortseingang, sitzen sie immer, die alten Männer und die Jungs von El Amarna. An dem Rinnsal hinter ihnen Kühe und Ziegen, gelassen im Schlamm des Wassers. Im Ort zwei einfache Gaststätten mit Bildern von Nofretete und Echnaton. Es ist als ob hier die Zeit stehen geblieben wäre. Eigentlich hat sich nicht viel geändert. Nicht das Dorfleben, die Menschen und die Natur, aber auch nicht die ständigen Kontrollen: Zur Zeit Echnatons war Ägypten ein Polizeistaat. Es bedurfte starker Reglementierungen, um die gesellschaftliche und politische Ordnung aufrecht zu erhalten.

Wir wechseln mit der Fähre auf die andere Seite des Nil. Selbst diese wenigen Minuten sind ein Abenteuer: Eine alte Frau hat eine Schlange im Gepäck. Kinder sammeln sich sofort um sie, schauen zu, wie einer der Männer aus unserem Begleitkommando das Tier am Schwanz packt und es sich grazil aufbäumt. Vor dreitausend Jahren trug Nofretete Uräusschlangen an ihren Kronen. Genauso wie traditionsgemäß der Pharao. Nur Nofretete war es in der ägyptischen Geschichte vergönnt, als einzige Frau diese Zeichen zu tragen.

Ankunft in Achet-Aton

Am anderen Ufer angekommen, durchqueren wir einen weiteren Teil des Dorfes. Die Gassen staubig, letzte Anpflanzungen. Und dann nur noch Sand und in der Ferne Berge. Hier lag sie, die Stadt Achet-Aton, die Stadt des Echnaton, grandios und prächtig, so haben sie Archäologen und Ägyptologen rekonstruiert. Heute gibt es hier nur noch Sand, Steinbrocken und einige Ruinenreste.

Wir drehen, was wir vorfinden - nach einem langen mühsamen Marsch zu einem Gebäude sogar authentisch die Ruine von der Werkstatt des Thutmosis, in der 1912 die inzwischen weltberühmte Büste von Nofretete gefunden wurde. Wir sind am ersten Ziel unserer Drehreise angekommen. Unsere Mittel sind einfach. Mit viel Engagement und hohem körperlichen Einsatz müssen wir ersetzen, was uns an Geld und Ausstattung fehlt. Also keine Schauspieler, kein Glanz und Glamour, keine aufwändige und kostspielige Technik. Wir setzen auf eine authentische Reportage und darauf, dass die Faszination des Erlebten auch so die Zuschauer fesseln wird.

Besuch bei Nofretete

In den Gräbern dann die eigentlichen Entdeckungen: die Wände voll farbiger Reliefs mit Darstellungen vom Alltagsleben bei Hofe, von Opferszenen, Prozessionen und vom Familienleben bei Nofretete, Echnaton und den Kindern. Und vieles ist überraschend gut erhalten! Während Touristen höchstens zu zwei oder drei Kunstwerken Zugang haben, können wir alle 15 in Augenschein nehmen - die nicht unerheblichen Drehgebühren an die Antikenbehörde machten es möglich. Nicht leicht zu entscheiden, welche Szenen wir drehen. Unsere Zeit ist laut Drehvertrag limitiert und die letzte Fähre geht um fünf Uhr.

Als wir auch den letzten Rest Licht noch ausgenutzt und die letzte mögliche Einstellung im Kasten haben, wartet draußen eine Überraschung auf uns: Die Frau eines der Grabwächter hat einen kleinen Imbiss zubereitet. Mit Polizisten und Beamten, Professor und Beduinen setzen wir uns mitten in der Wüste zum Mahl. Genauso wie zu Pharaos Zeiten. Und wir feiern das Ereignis, eines der ganz wenigen Fernseh-Teams gewesen zu sein, die Nofretete & Co. zu Hause besuchen durften.

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