Interview mit dem Reisemediziner Prof. Dr. Tomas Jelinek

Prof. Dr. Tomas Jelinek

Dokumentation | planet e. - Interview mit dem Reisemediziner Prof. Dr. Tomas Jelinek

Exotische Mücken wurden in Deutschland eingeführt und vermehren sich hier. Könnten sie tropische Krankheiten übertragen? Sendezeit der planet e.-Dokumentation: Sonntag, 12.07.2015 um 14.50 Uhr.

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Interview mit Prof. Dr. Tomas Jelinek, medizinischer Direktor des Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin (BCRT)

ZDF: Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass exotische Mücken in Deutschland heute oder in Zukunft Tropenkrankheiten übertragen könnten?

Prof. Dr. Tomas Jelinek: Die Gefahr ist vorhanden, weil wir schon Mücken in Deutschland haben, die grundsätzlich als Überträger von Tropenkrankheiten in Frage kommen. Ein weiterer Faktor ist die hohe Reiseaktivität. Die Möglichkeit, dass jemand die Erreger im Blut mitbringt, dann hier von Mücken gestochen wird , die wiederum andere Menschen stechen und es dann zu kleineren Krankheitsausbrüchen kommt, ist durchaus gegeben. Also keine permanenten Einschleppung, sondern kleinere Fallserien sind möglich.

ZDF: Wie schätzen Sie die Gefahr in anderen europäischen Ländern ein?

Prof. Dr. Tomas Jelinek
Prof. Dr. Tomas Jelinek, Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin

Prof. Jelinek: Berichtet wurden Übertragungen von Tropenkrankheiten durch Mücken in Südfrankreich, in Norditalien, in Kroatien und auf Madeira. Damit werden wir uns also anfreunden müssen in Europa. Es wird immer wieder solche Fälle geben, wo Viren oder andere Erreger von Mücken übertragen werden.

ZDF: Wie sollte man sich in Deutschland und im europäischen Ausland vor Mückenstichen schützen?

Prof. Jelinek: Mückenstiche sind in Europa vorwiegend lästig und nicht gesundheitsgefährlich. Durch die Verwendung von entsprechenden Mückenschutzmitteln, sogenannten Repellentien, die auf die Haut aufgetragen werden, kann man sich schützen. Zusätzlich hilft es, die Kleidung mit Schutzmitteln einzusprühen. Dadurch reduziert man das Risiko, dass man gestochen wird, deutlich, und damit auch das Risiko, dass Krankheiten übertragen werden. Wenn dagegen bereits ein Krankheitsausbruch in einem bestimmten Gebiet dokumentiert ist, dann sollte man sich gezielt und intensiv mit Mückenschutz beschäftigen.

ZDF: Welche Tropenkrankheiten, die durch Mücken übertragen werden, sind weltweit besonders gefährlich?

Prof. Jelinek: Aufgrund der Globalisierung hat sich das Dengue-Fieber in den letzten Dekaden massiv verbreitet: Betroffen sind die gesamten Tropen, Subtropen, inklusive Südeuropa, die USA und weitere Gebieten. Dengue-Fieber ist von der Symptomatik her meistens so wie eine schwer verlaufende Grippe, aber es kann eben auch tödliche Verläufe geben. Es kann auch zu hämorrhagischem Fieber führen. Einer Krankheit, an der einige zehntausend Menschen jedes Jahr sterben.
Die mit Abstand gefährlichste Krankheit, die durch Mücken übertragen wird, ist weiterhin die Malaria. Zwar gehen die Fälle weltweit zurück. Aber sie ist natürlich viel gefährlicher. Bei Menschen, die keinen Immunschutz aufgebaut haben, kann es auch sehr schnell zu einem tödlichen Verlauf kommen.

ZDF: Wie kann man sich in den Tropen vor Krankheiten schützen, die durch Mücken übertragen werden?

Mädchen hinter Moskitonetz
Mädchen hinter einem Moskitonetz. Quelle: dpa

Prof. Jelinek: Durch einen guten Mückenschutz. Das heißt, jeder Stich, den ich verhindern kann, reduziert das Risiko, dass ich eine Krankheit übertragen bekomme. Moskitonetze, gut eingestellte Klimaanlagen nachts, das Einsprühen der Kleidung, die Verwendung von mückensicherer Kleidung, die bereits vom Hersteller vorimprägniert wurde, die Verwendung von Repellentien, die auf die Haut aufgebracht werden: All diese Maßnahme sollten in Betracht gezogen werden Darüber hinaus kann man natürlich bei einzelnen Krankheiten, wie zum Beispiel bei der Malaria mit der Chemo-Prophylaxe, gegen eine Infektion vorbeugen.

ZDF: In der planet e.-Dokumentation raten Sie dazu, bei Reisen in Risikogebiete die Kleidung mit Permethrin einzusprühen, um sich vor Mückenstichen zu schützen. Nimmt man mit dem Gebrauch von Permethrin andere gesundheitliche Risiken in Kauf?

Prof. Jelinek: Permethrin ist ein Nervengift - für Insekten genauso wie für Säugetiere. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass Säugetiere Permethrin in der Leber sehr schnell abbauen. Man hat bei Personen, die mit Permethrin imprägnierte Kleidung benutzt haben, Abbauprodukte im Urin gefunden. Das heißt, man nimmt Permethrin offensichtlich in kleinen Mengen über die Haut auf, wenn man stark schwitzt, und baut es dann in der Leber ab.
Wir können mit sehr hoher Sicherheit sagen, dass Permethrin für den Menschen harmlos ist - in der Anwendung, in der wir es empfehlen. Nämlich auf Moskitonetzen und auf Kleidung, weil das bei der Verteilung von imprägnierten Moskitonetzen millionenfach eingesetzt worden ist, insbesondere in Afrika, weil man eben Malaria reduzieren wollte.

ZDF: Gilt das auch für Risikogruppen wie zum Beispiel Kinder und Schwangere?

Prof. Jelinek: Das gilt auch für Kinder und Schwangere. Diese imprägnierten Netze, die in Afrika verteilt wurden, wurden insbesondere auch bei Kindern und Schwangeren eingesetzt, weil hier die Malaria eben extrem gefährlich ist. Und auch hier hat man nie irgendwelche Schäden gesehen.

ZDF: Wo sollte man sich vor einer Reise in die Tropen darüber informieren, welche von Mücken übertragenen Krankheiten es im Reiseland gibt, und welche Vorkehrungen man treffen sollte?

Prof. Jelinek: Am besten bei einem Reisemediziner. Sehr oft sind es Allgemeinmediziner, die entsprechenden Rat erteilen können. Es gibt auch spezialisierte Zentren für Tropenreisen. Hier gibt es viele Tipps, Verhaltensregeln und Insider-Infos zu den Reiseländern.

ZDF: Malaria gab es bis vor rund sechzig Jahren auch in Deutschland, in den fünfziger Jahren wurde der letzte Todesfall registriert. Wie sehen Sie die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich Malariaerreger in Deutschland wieder festsetzen könnten?

Anopheles quadrimaculates
Anopheles quadrimaculates kann Malaria übertragen. Quelle: dpa

Prof. Jelinek: Festsetzen wird sich die Malaria in Deutschland nicht, weil wir die Brutgebiete für die Mücken stark reduziert haben. Wir haben die Flüsse sehr stark eingeengt, was die Überschwemmungsgebiete reduziert hat, und wir haben die Überträgermücke Anopheles, reduziert. Und wir haben einen Winter, der für diese tropischen Überträger zu kalt zum Überleben ist. Wir haben aber durchaus Mücken hier, die Malaria-Erreger übertragen können, in niedrigen Konzentrationen. Wenn die Leute dann gestochen werden, kann es zu Einzelübertragungen kommen. Das ist wiederholt passiert, zum Beispiel auch in Berlin in den letzten Jahren. Das sind aber ausgesprochene Einzelfälle.

ZDF: An welchen Impfstoffen gegen durch Mücken übertragene Tropenkrankheiten wird momentan geforscht?

Prof. Jelinek: Bei der Malaria ist es sehr schwierig, einen Impfstoff zu entwickeln, weil der Parasit im Körper sehr wandelbar ist. Neuerdings geht es um Impfstoffe gegen Dengue-Fieber und gegen Chikungunya. Da ist die Forschung optimistischer. Wir werden sehr wahrscheinlich noch Ende 2015, den ersten zugelassenen Dengue-Impfstoff haben, der allerdings nur um die 50 Prozent Wirksamkeitschancen bietet. Aber das ist besser als nichts. Und die Forschung wird mit Hochdruck vorangetrieben.

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