Reportage aus dem Untergrund

Dreharbeiten in Hamburgs Abwasserkanälen

Birgit Tanner berichtet über die Dreharbeiten zur planet e.-Dokumentation "Fetter Ärger - wie Speisefett Kanäle lahm legt".

Es ist ein komisches Gefühl, wenn man sich durch ein kleines Loch mitten auf der Straße hindurchzwängt, um sich an glitschigen Halterungen in den Untergrund zu hangeln. Schon an der Öffnung verspricht der aufsteigende, miefige Geruch nichts Gutes. Schon gar nicht, wenn man kurz zuvor die Hamburger Kanalarbeiter dabei beobachtet hat, wie sie die Giftkonzentration im Kanal mit einer Sonde gemessen haben. „Es wird alles Mögliche da reingeschüttet“, klärt Achim Hoch, Sielmeister bei den Hamburger Wasserbetrieben, das Kamerateam vor dem Abstieg auf. „Auch das, was nicht reingehört.“ Essensreste, Spülmittel, Chemikalien, Medikamente, Lacke, Farben, Hygieneartikel.

Die Siele, so nennen die Hamburger ihre Kanäle, werden überfrachtet. Und dieser Müll ergibt im Untergrund eine explosive Mischung. „Ist der toxische Gehalt der Luft zu hoch, würde man sofort umfallen.“ Zum Glück steht ein Pressluftgerät bereit, das uns im Notfall einen rettenden Dienst erweisen wird. Doch Achim Hoch kann das Kamerateam beruhigen. Um die Ecke steht ein Wagen, der Frischluft in den Untergrund pumpt. Ersticken werden wir also nicht. Wie beruhigend.


Ab in die Tiefe

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Abstieg in das Kanalsystem Quelle: ZDF/Birgit Tanner

Eng ist der Schacht, in den wir uns bekleidet mit einem weißen Schutzanzug und mit Sicherheitshelm hinabhangeln. Gleich werden wir knietief im Fäkalienwasser stehen. Rosige Aussichten für jemanden, der ein gewisses Maß an Sauberkeit schätzt. Doch zu unserer Überraschung plätschert nur ein kleines Rinnsal unter unseren Füßen. „Der Wasserverbrauch ist in den letzten Jahren massiv gesunken“, erfahren wir von Achim Hoch. Deshalb zieht sich durch große Kanäle bei trockenem Wetter nur ein kleines Bächlein.


Essensreste und der ganze restliche Müll, der unten ankommt, bleiben am Untergrund liegen. „Das ist Futter für die Ratten“, erklärt uns Achim Hoch und zeigt in die Ferne. Aus sicherer Entfernung schauen uns die kleinen Tierchen mit großen Augen an. Mit Überraschungsgästen in weißen Anzügen und komischen Kopfbedeckungen ausgestattet mit Lampen haben sie offenbar nicht gerechnet.

Fettberge an der Decke

Unsere Füße sind umgeben von einer braunen Suppe, in der alles Mögliche rumschwimmt: Tücher, Hygieneartikel und kleine Fettklumpen. Selbst als es zu regnen beginnt, steigt das Wasser nur bis zu den Waden an. Von einer vollen Spülung der Rohre kann gar nicht die Rede sein.


Größere Kanäle vertragen die Fettrückstände noch einigermaßen. Doch Hamburgs Sielnetz ist 5.900 Kilometer lang und darunter sind viele kleinere Rohre. In die können die Arbeiter nicht so einfach hinabsteigen. Deshalb übernimmt eine Spezialkamera ihre Aufgabe: Ein sogenanntes Kanalfernauge wird durch den offenen Gullydeckel an einem dünnen Stahlseil in Hamburgs Unterwelt hinab gelassen. Es schlängelt sich durch die schmalen Rohre und zeigt ein Ausmaß, das man als Hobbykoch gar nicht für möglich hält. Von den Decken der Rohre wachsen im Untergrund umgekehrte Fettberge. Setzt sich ein Kanal komplett zu, staut sich das Wasser zurück – bis in Hamburgs Wohnungen.

Mit Hochdruck an die Arbeit

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Erkaltetes Fett bildet mit anderen Stoffen Klumpn, die stetig wachsen. Quelle: ZDF/Birgit Tanner

Damit das nicht passiert, sind die 400 Mitarbeiter von Hamburg Wasser täglich mit Reinigungsfahrzeugen auf Tour. Vor uns bauen sich zwei orangefarbene Fahrzeuge auf - ausgestattet mit Schläuchen und Spezialdüsen. Es dampft oben heraus, wenn in den Schlauch Wasser mit einem Druck von 160 bar gepresst wird. Im Siel entweicht es durch kleine Öffnungen in der Spüldüse. Feine Wasserstrahlen kratzen so alles von den Wänden, was nicht niet- und nagelfest ist. Auch das hartnäckige Fett.


Über die Drehtage hinweg wird dem Kamerateam erst bewusst, welche Probleme aus Unachtsamkeiten mit Fett im Haushalt entstehen. Und wir bekommen auch simple Tricks an die Hand, die das Leben der Kanalarbeiter leichter machen und den fetten Ärger im Untergrund entschärfen. Pfannen mit Küchenkrepp vor dem Spülen auswischen und das Papier in den Hausmüll geben, ist so ein Tipp aus den Reihen der Kanalarbeiter. Und Friteusenfett einfach erkalten lassen, in einen Behälter geben und ab in den Hausmüll. „Die Masse macht's“, sagt Achim Hoch und plädiert für mehr Achtsamkeit im Umgang mit Fetten. Schließlich verursacht es in allen Kommunen hohe Kosten in der Reinigung und in der Wasseraufbereitung, die so vermieden werden können. Das Team hat sich das hinter die Ohren geschrieben. Künftig werden wir sorgsamer mit unseren Fettresten aus der Küche umgehen.

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