Neuer nuklearer Knatsch

Zum fünften Jahrestag des Atomausstieges

Dokumentation | planet e. - Neuer nuklearer Knatsch

Vor fünf Jahren wurde der Atomausstieg beschlossen: Alle deutschen Atomkraftwerke werden abgerissen und entsorgt. Doch bei der Abwicklung ist vieles noch unklar. Umweltexperte Volker Angres erklärt.

Beitragslänge:
8 min
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Video verfügbar bis 30.06.2017, 09:43

So eine Mehrheit hat im deutschen Bundestag Seltenheitswert: 513 Ja-Stimmen bei 79 Nein-Stimmen und acht Enthaltungen. Es ist der 30. Juni 2011. Exakt heute vor fünf Jahren haben die Parlamentarier parteiübergreifend den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Nun sei ein 30 Jahre altes Kampfthema im Konsens befriedet, hieß es damals. Das war ziemlich voreilig. Denn der nukleare Knatsch geht munter weiter.

Marlies Philipp arbeitet schon seit 1979 im AKW  Lubmin bei Greifswald. Noch immer ist die Ingenieurin hier beschäftigt - mehr als 20 Jahre nach der Stilllegung. Dabei sollte der Rückbau des Kraftwerks schon längst abgeschlossen sein. „Die ersten Planungen gingen davon aus, dass wir Mitte 2005, 2006 das Kernkraftwerk zurück gebaut haben", erzählt sie. "Niemand hat damals, 1995,  gedacht, dass wir bis 2028 hier noch zurück bauen werden".  Wenn Marlies Philipp in Rente geht, wird der Rückbau immer noch nicht geschafft sein. Der Rückbau von Kernkraftwerken entpuppt sich als wesentlich aufwändiger als von Experten damals eingeschätzt. Das hat viele Gründe und schafft neue Debatten.


AKW-Rückbau ist Pionierarbeit

Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion
Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion

Der Rückbau in Greifswald ist das weltweit größte Projekt dieser Art. Die Ingenieure hier leisten Pionierarbeit, völlig neue Verfahren mussten entwickelt, die Sicherheitsanforderungen dafür und für den Müll formuliert und festgeschrieben werden. Und dann die gewaltigen Mengen: 1,8 Millionen Tonnen Abbruchmaterial sind es insgesamt, davon sind rund 600.000 Tonnen schwach oder mittel stark radioaktiv belastet, rund 18.000 Tonnen strahlen so intensiv, dass dieses Material teils unter Wasser zerlegt, teils auf dem Geländer solange gelagert werden muss, bis die Strahlung nachgelassen hat. Das kann je nach Radionuklid Wochen, Monate, Jahre oder Jahrzehnte dauern. Erst dann kann es in Sicherheitsbehälter verpackt und eines Tages in das noch zu findende Endlager gebracht werden.


Reinigung per Handarbeit

Egal, ob Beton oder Stahl: Die weniger strahlenden Materialien müssen in metergroße Stücke zersägt werden. Die Werkstatt für den Rückbau misst 3000 Quadratmeter. Darin das Herzstück: Eine Art Kabine, in der die zersägten Teile mit Wasser aus Hochdruckreinigern mit bis zu 3000bar Stück für Stück gereinigt werden – per Hand! Gegen die Rest-Radioaktivität tragen die Arbeiter Schutzanzüge und Atemmasken. Das komplette Kraftwerk: Es wird in Einzelteile zerlegt und abgestrahlt! Zur Dekontamination werden je nach Bedarf zudem chemische und elektrische  Verfahren verwendet, ggf. können die Methoden auch kombiniert werden.


Schwachstelle "Freimessen"

Anschließend werden die gereinigten Bruchstücke mit Messgeräten auf mögliche radioaktive Reststrahlung überprüft, sie werden "Freigemessen". Die Strahlenschutzverordnung sieht dafür bestimmte Grenzwerte vor. Abbruchteile, die keine oder nur noch eine geringe Strahlung aufweisen, können als Rohstoffe wieder verwendet werden. Geschredderter Beton zum Beispiel als Schotter im Straßenbau, Stahlteile können eingeschmolzen werden. Bei höherer Strahlenbelastung erfolgt eine sogenannte zweckgerichtete Freigabe, beispielsweise die Entsorgung auf einer Deponie oder in einer Müllverbrennungsanlage. Und genau hier setzt die Kritik aus den Reihen der Umweltschützer an.


System der Grenzwerte veraltet

Denn das Freimessen erfolgt nicht voll umfänglich, sondern mehr oder weniger stichprobenhaft pro Abbruchteil. So können belastete Teile unbemerkt z.B. auf Deponien gelangen. Wenn auch von einem einzelnen Bruchstück keine große Gefahr ausgeht, sieht das bei den kommenden gewaltigen Abbruchmengen aus den deutschen Atomkraftwerken anders aus, meint Dr. Werner Neumann von der Atom- und Strahlenkommission des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): "Die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung stammen aus den Jahren 1995 bis zum Jahr 2000. Damals wurden ganz andere geringere Mengen angesetzt, die freizugeben sind. Jetzt kommen höhere Mengen, mehrere hunderttausend Tonnen auf uns zu und dann stimmen die  Annahmen nicht mehr. Das heißt, das ganze System der Grenzwerte und der Freigabe muss vollkommen revidiert werden.“


Atomarer Finanzierungskompromiss

Davon aber will die Bundesregierung nichts hören. Aktuell ist man froh, dass die 19-köpfige Regierungskommission zum Atomausstieg offenbar einen Kompromiss erarbeitet hat, der auch von den Atomkraftwerksbetreibern akzeptiert wird. Aus den verpflichtend zu bildenden Rückstellungen zur Finanzierung der Altlasten sollen nun 23,3 Milliarden Euro in einen staatlichen Fonds überführt werden, aus dem dann die Kosten für Zwischen- und Endlager finanziert werden. Für die absehbaren Mehrkosten dürfen dann Steuergelder herhalten – was natürlich erhebliche Diskussionen auslöst. Die übrigen 24,2 Milliarden aus den Rückstellungen verbleiben bei den Energieriesen. Davon sollen Stilllegung und Rückbau der Kraftwerke finanziert werden. Ob das Geld reicht? Auch darüber wird heftig gestritten.
Streit um Endlagerstandort


Genau wie über die möglichen Standorte für ein atomares Endlager. Vergangenen Dienstag hat die vom Bundestag berufene Endlagerkommission ihren 600 Seiten starken Bericht vorgelegt. Danach sollen ab 2050 hoch radioaktive Abfälle mehrere hundert Meter tief in einem Bergwerk entsorgt werden, sicher eingelagert für unvorstellbare eine Million Jahre. Als geologische Formationen kommen vor allem Salz, Ton und Granit in Frage. Die gibt es in fast allen Bundesländern, vor allem in Niedersachsen. Und da alles ergebnisoffen untersucht werden soll, ist plötzlich auch der Salzstock Gorleben wieder im Rennen. Sehr zum Ärger der örtlichen Endlagergegner. Auch, weil die bayerische Umweltministerin das Bajuwarenland sofort kategorisch als Endlagerstandort ausgeschlossen hat.
So wird er wohl noch ein paar Jahrzehnte weitergehen, der eigentlich schon endgelagerte nukleare Knatsch.

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