Wenn das Klima kippt (1/2)

Die Prophezeiung des Schamanen

Doku | planet e. - Wenn das Klima kippt (1/2)

In einem aufwändigen Zweiteiler widmet sich "planet e." den globalen Folgen des Klimawandels. Weltweit waren Filmemacher unterwegs, um die größten Herausforderungen aufzuzeigen.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.11.2018, 16:30
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2017

Das Klima hat sich in vielen Regionen der Erde schon jetzt spürbar verändert. "planet e." geht den verschiedenen Klimaphänomenen auf den Grund. Im ersten Teil begleitet die Umweltdokumentationsreihe des ZDF einen alten Schamanen aus Grönland. Im zweiten Teil einen jungen Indianer aus den USA. Beide kämpfen für einen bewussteren Umgang mit unserer Erde.

Er hat sein Leben dem Kampf gegen den Klimawandel gewidmet: Der 70-jährige Schamane Angaangaq. Weltweit ist er unterwegs, um zu warnen. Denn seiner arktischen Heimat droht der Untergang. Angaangaq, der sich selbst als Eskimo bezeichnet, ist ein sogenannter "Ältester" - ein besonders erfahrener und weiser Mann. Er erkennt die dramatischen Veränderungen in seiner Heimat. Und er weiß: Wenn der gewaltige Eispanzer, der auf Grönland liegt, abschmilzt, wäre dies eine Katastrophe für die ganze Menschheit.

Klar ist: Das Inlandeis der Arktis schmilzt inzwischen schneller als je zuvor. Von 2011 bis 2014 waren es jährlich etwa 270 Milliarden Tonnen Eis, die zu Wasser wurden. Eisfreie Gebiete heizen sich durch ihre dunkle Oberfläche allerdings schneller auf und beschleunigen den Schmelzvorgang. Hinzu kommt die Gefahr, dass Teile des Inlandeises komplett ins Meer abrutschen. Sollte der gesamte Eispanzer Grönlands schmelzen, würde der Meeresspiegel in einigen Jahrhunderten weltweit um etwa sieben Meter steigen. Ein Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius könnte möglicherweise schon genügen, um diesen Prozess unumkehrbar zu machen. Die Heimatdörfer der Inuit, die alle an der Küste liegen, würden ein Opfer der Fluten – die weltweiten Folgen wären unabsehbar.

Schamane Angaangaq auf dem Weg nach Qeqertarsuaq

Angaangaq ist die zentrale Figur in dieser Dokumentation, die die wesentlichen Themen des globalen Klimawandels aufgreift. Außer ihm nehmen aber auch Experten Stellung und ordnen ein: Welche Veränderungen erleben wir schon heute? Was bedeutet das für die Zukunft? Und was können wir eigentlich noch tun?


Brennpunkte des Klimawandels

Ballungszentren: Steigender Meeresspiegel bedroht Florida

Icon Ballungsräume

Der Schamane führt uns in die USA. In Florida in Miami Beach liegen Straßen und Häuser teilweise gerade mal einen Meter über dem Meeresspiegel. Die reiche Millionen-Metropole hat unter den Folgen des Klimawandels schon heute zu leiden: Der ansteigende Meeresspiegel drückt das Wasser aus den unterirdischen Kanälen immer häufiger nach oben. Das Wasser aus den unterirdischen Kanälen aufsteigende Wasser flutet die Stadt. Die Stadt kann es sich leisten, in bauliche Maßnahmen zu investieren, die das Wasser aus den Straßen halten sollen. Aber spätestens Hurrikan "Irma" hat gezeigt: Auch mit viel Geld lassen sich Küstenstädte nicht vollständig vor extremem Wetter schützen, so wie es der Klimawandel verstärkt mit sich bringt. Was hier in der Stadtentwicklung passiert, könnte Vorbild oder aber auch abschreckendes Beispiel für die ganze Welt werden.

Der Ingenieur Bruce Mowry sammelte 40 Jahre lang weltweit Erfahrung in der Wasserwirtschaft. Nun steht er vor seiner bisher größten Aufgabe: Er soll Miami Beach über Wasser halten. Damit ein besonders gefährdeter Stadtteil nicht immer wieder überflutet wird, werden Millionen Dollar in neue Infrastruktur investiert. Dämme werden erhöht, Pumpen installiert und Gebäude und Straßen angehoben. Voraussichtliche Kosten: 400 Millionen US-Dollar. Das Dilemma: Finanzielle Unterstützung von der Regierung des Bundesstaates Florida gibt es nicht, denn der republikanische Gouverneur glaubt nicht an den Klimawandel. Bisher musste die Stadt für fast alle Neuerungen selbst zahlen. Um die Kosten zu stemmen, erhöhte Bürgermeister Philip Levine die Steuern. Anfang 2017 wurden in Miami Beach zwölf neue Pumpstationen errichtet, die die Straßen trocken halten sollen. Bruce Mowrys größtes Projekt ist der „Indian Creek Drive“: ein Teil eines Highways wird um einen halben Meter angehoben und mit Dämmen und Pumpen vor der Flut geschützt. 25 Millionen US-Dollar kostet allein dieser Umbau. Der steigende Meeresspiegel konnte den Bau-Boom in Miami Beach bisher jedoch nicht aufhalten. Die Stadt bleibt ein beliebter Ort für Luxusimmobilien.

Aber nicht nur Städte sind in Florida durch den Klimawandel bedroht. Auch Ökosysteme werden in Mitleidenschaft gezogen. So gerät durch den steigenden Meeresspiegel zunehmend Salzwasser in das Ökosystem der Everglades, einem riesigen Sumpfgebiet, das sieben Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt. Durch das eindringende Meerwasser versalzt auch das Trinkwasser. Um 80 Prozent sind die nutzbaren Wassermengen bereits zurück gegangen. Der Everglades Nationalpark zählt inzwischen zu den gefährdetsten Parks der Erde. Zunehmende Temperaturschwankungen erschweren zudem den Tieren und Pflanzen das Überleben.

Icon Ökosysteme

Am Beispiel Sibiriens lässt sich gut schildern, was „tipping-points“ bedeuten: dass es unumkehrbare Prozesse gibt, die – einmal angestoßen – den Klimawandel noch einmal deutlich verstärken. Wir begleiten den Forscher Paul Overduin vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam auf einer Expedition ins nördliche Sibirien. Overduin erforscht die Veränderungen der Permafrost-Böden. Die Arktis hat sich schneller erwärmt als andere Teile unserer Erde, und die Folgen sind dramatisch. An den Küsten nimmt die Erosion zu, und Böden, die über Jahrtausende gefroren waren, tauen langsam auf. Stellenweise versinkt Sibirien bereits im Schlamm.

Manche meinen, dass der Klimawandel auch neue Anbaugebiete erschließen könnte. Demnach hätte Sibirien das Potenzial, einst vielleicht zur Kornkammer der Welt zu werden. Durch die Erderwärmung könnten bis Ende des Jahrhunderts 50 bis 85 Prozent Zentralsibiriens landwirtschaftlich nutzbar geworden sein. Tatsächlich gehen derzeit gewaltige Veränderungen im Norden Russlands vor sich. Doch die verheißen zumindest derzeit nichts Gutes. Die große Sorge der Forscher: Durch das Auftauen könnten Unmengen an CO2 und Methan freigesetzt werden und in die Atmosphäre gelangen. Dies würde den Klimawandel weiter beschleunigen. Denn allein auf der Nordhalbkugel ist ein Viertel der Landmasse von Permafrost durchdrungen – insgesmat rund 23 Millionen Quadratkilometer. Die Forscher versuchen deshalb nun herauszufinden, welche Mengen an CO2 und Methan tatsächlich in und unter den Eispanzern lagern.
Der Artenschutzexperte Ingolf Kühn hat zudem untersucht, was eine zunehmende Erwärmung für die Ökosysteme und die Tiere und Pflanzen bedeuten würde. So könnte bei einem Anstieg der Temperatur um 2,2 Grad allein knapp ein Drittel aller Tierarten vom Aussterben bedroht sein. Bei 2,9 Grad wären es schon mehr als die Hälfte.

Icon Ernährung

Es ist eines der ärmsten Länder der Erde – und zugleich besonders betroffen vom Klimawandel - Bangladesch. Im Norden leiden die Bewohner während der Wintermonate immer mehr unter Dürre. In den flachen Küstengebieten des Südens hingegen bedrohen Wirbelstürme und Überschwemmungen das Leben der Menschen. Dreiviertel der Bevölkerung wohnt auf dem Land – Dürren und Starkregenfälle gefährden dort die Ernten. Seit einiger Zeit spüren die Bangladeschis eine weitere Auswirkung des Klimawandels: die Versalzung der Böden an den Küsten durch steigende Meeresspiegel.

Pamela Metschar, die Länderbeauftragte für Bangladesch von „Brot für die Welt“, hat „Leuchtturmprojekte“ ins Leben gerufen. Sie sollen gerade den ärmsten Menschen helfen, sich den veränderten Umweltverhältnissen anzupassen. Denn Überschwemmungen sind in Bangladesch zwar nichts Ungewöhnliches, doch durch den Klimawandel werden sie schlimmer oder treten zu ungewohnten Zeiten auf. Seit 1900 ist hier der Meeresspiegel um 20 Zentimeter angestiegen, in den vergangenen Jahren immer schneller.

Zahlreiche kleine Bauern sind davon betroffen, verlieren ihre Ernten und damit ihre Lebensgrundlage. Etwa in einem Dorf im Tiefland mitten in Bangladesch. planet e. begleitet Metschar zu den Bauern der „Floating Farms“. Sie nutzen ein neues Konzept für die Bewirtschaftung ihrer Felder und bauen Gemüse auf schwimmenden Beeten an. Als Baumaterial für die Beete verwenden die Bauern Wasserhyazinthen. Diese werden aufeinandergeschichtet und nach zwei Wochen sind sie so weit verrottet, dass sie bepflanzt werden können.

Interviews mit den Experten

Überraschende Aspekte des Klimawandels

  • In zahlreichen Ländern bedroht der Klimawandel die Ernährungssicherheit mit Hitzewellen und Dürren. Es ist zu heiß und zu trocken, Ernten gehen verloren. Doch was geschieht in Erdregionen, die heute zu kalt sind für Ackerbau? Die globale Erwärmung könnte dort die Bedingungen für Landwirtschaft verbessern. 2011 untersuchte ein Forscherteam aus Russland und den USA mögliche Klimaentwicklungen in Sibirien. In der Region Krasnojarsk und den zwei südlich angrenzenden Republiken Chakassien und Tuwa könnte sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten so erwärmen, dass der Anbau von Ackerpflanzen wie Weizen, Hafer, Mais, Reis oder Zuckerrüben möglich wird . Heute wäre das in der sibirischen Kälte undenkbar. Andere Untersuchungen kommen zu dem Schluß, dass bis Ende des Jahrhunderts in Finnland der Anbau von Mais möglich werden könnte . Führt der Klimawandel dazu, dass sich der hohe Norden Ende des Jahrhunderts zur neuen Kornkammer der Welt entwickelt? Das bleibt abzuwarten, denn neben der Erwärmung müssen noch andere Faktoren, wie zum Beispiel die Bodenqualität, betrachtet werden.

  • Mit der Erderwärmung schwinden weltweit gigantische Eismassen von Gletschern, Meereis und Permafrost. Der Meeresspiegel droht besorgniserregend anzusteigen. Und dieses Abschmelzen birgt noch ganz andere Gefahren für uns und unseren Planeten: Giftige Hinterlassenschaften und Krankheitserreger schlummern im geglaubten „ewigen“ Eis. Zwei Beispiele: Im Nordwesten Grönlands errichtete das US-amerikanische Militär 1959 eine Basis unter der Schneeschicht. Hier sollten atomare Raketenstartplätze entstehen. Einige Jahre später gaben die USA den Standort jedoch auf. Zurück blieben giftige Stoffe - krebserregende Chlorverbindungen, radioaktives Kühlwasser und verseuchte Abwässer – eingeschlossen unter einer 65 Meter dicken Eisschicht. Infolge der Schmelze drohen diese toxischen Überreste nun zum Vorschein zu kommen, mit Radioaktivität belastetes Schmelzwasser könnte bis zum Meer vordringen. Und unter den Eisschichten unserer Erde lauern noch mehr Gefahren: 2016 brach auf einer sibirischen Insel Milzbrand aus, infizierte zahlreiche Einheimische und kostete einem Kind das Leben. Seit Jahrzehnten galten die Anthrax-Bakterien als eingedämmt. Die Rekordtemperaturen der Region führten zum Auftauen des Permafrostbodens. So wurden die seit den 40er Jahren dort eingeschlossenen Krankheitserreger wieder freigesetzt.

  • Steht das Thema „Wald und Klimawandel“ im Raum, denkt man meist erst an tropische Wälder. Die wichtige Rolle der borealen Nadelwälder kennen die wenigsten. Alleine in Kanada werden dort 186 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Doch durch den Klimawandel drohen diese riesigen Waldsysteme auf der nördlichen Erdhalbkugel zu kippen und einen sich selbst beschleunigenden Klimawandel in Gang zu setzen, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Erwärmt sich das Klima um drei bis fünf Grad Celsius, könnte es in fünfzig Jahren durch Trockenheit und Hitze zum Absterben großer borealer Waldflächen in Russland und Kanada kommen. Da die Winter so hoch im Norden aber voraussichtlich frostig bleiben, können die Verluste nicht durch andere Baumarten ausgeglichen werden. Große Mengen des im Wald gebundenen Kohlenstoffes würden dann freigesetzt, was katastrophale Folgen für das weltweite Klima hätte. Auch wir könnten diese Entwicklung zu spüren bekommen. In Europa werden Trockenzeiten mit dem Klimawandel voraussichtlich häufiger und intensiver. Viele Pflanzenarten vertragen ein solches Klima nicht. So hätte die Fichte, Deutschlands wichtigste Wirtschaftsbaumart, große Probleme, sich an die wachsende Trockenheit anzupassen.

  • Regenzeit und grüne Landschaften in der Wüste? Das könnte bald Wirklichkeit werden: Der Klimawandel droht die ausgetrocknete Sahelzone in Afrika in eine sehr nasse Region zu verwandeln. Wissenschaftler haben erstmals Simulationen erstellt, die ein Monsunsystem in dem rund 7000km langen Trockengebiet voraussagen. Einem von Afrikas trockensten Landstrichen könnte ein tropisches Klima mit üppigem Pflanzenwuchs bevorstehen. Regenfälle können hier natürlich grundsätzlich Vorteile bringen. Die Klimaveränderungen würden von der vielfach leidgeplagten Region jedoch große Anpassungsleistungen fordern. Über 100 Millionen Menschen sind von der Entwicklung betroffen, von Mauretanien und Mali im Westen bis zu Eritrea und Sudan im Osten. Die schon heute von Kriegen und Auseinandersetzungen durchzogene Region könnte Ende des Jahrhunderts so sehr unter den Klimaschwankungen leiden, dass mit weiteren Konflikten zu rechnen wäre.

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