Wenn das Klima kippt (2/2)

Der Weckruf des Azteken

Doku | planet e. - Wenn das Klima kippt (2/2)

Im zweiten Teil der zweiteiligen Dokumentationsreihe begleitet "planet e." einen jungen Indianer aus Colorado bei seinem Kampf für einen bewussteren Umgang mit der Erde. Denn der Klimawandel wird vor allem die junge Generation treffen.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.11.2018, 15:30
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2017

Das Klima hat sich in vielen Regionen der Erde schon jetzt spürbar verändert. "planet e." geht den verschiedenen Klimaphänomenen auf den Grund. Im ersten Teil begleitet die Umweltdokumentationsreihe des ZDF einen alten Schamanen aus Grönland. Im zweiten Teil einen jungen Indianer aus den USA. Beide kämpfen für einen bewussteren Umgang mit unserer Erde.

Teil 2: Der Weckruf des Azteken

Der 17-jährige Klimaaktivist Xiuhtezcatl Martinez reist um die ganze Welt, prangert die Verursacher der Klimakatastrophe an und ruft zum Handeln auf. Sein Charisma und seine Klugheit haben den jungen Mann mit aztekischen Wurzeln zu einem weltweit geachteten Kämpfer gegen den Klimawandel werden lassen. Mit Liedern und Vorträgen setzt er ein Zeichen gegen unsere Fahrlässigkeit im Umgang mit der Natur.
Schon als Grundschüler setzte sich Xiuhtezcatl für Umweltbelange ein und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2015 rief er vor den Vereinten Nationen als Botschafter seiner Generation zum Kampf gegen den Klimawandel auf.

Für Xiuhtezcatl Martinez ist es ein Warnzeichen: Der Klimawandel ist nun auch in seiner Heimat, den Rocky Mountains im Herzen der USA, angekommen. Auf einem Ausritt mit einem Freund beobachtet er alarmierende Veränderungen: Vor wenigen Jahren lag Ende Mai auf 3000 Meter Höhe noch Schnee, die Flüsse waren vielfach mit Eis bedeckt. In diesem Jahr aber zieht eine gespenstisch anmutende Wärme über das Hochland, der Schnee ist geschmolzen – für Xiuhtezcatl ein fühlbares Zeichen der Klimaerwärmung.

In seinen Liedern, Vorträgen und Interviews macht Xiuhtezcatl immer auch jene Auswirkungen des Klimawandels zum Thema, die erst auf den zweiten Blick Gestalt annehmen. In aller Munde sind die Erwärmung der Atmosphäre und der Anstieg des Meeresspiegels. Doch wie wirken sich die Klimaveränderungen auf die soziale Sicherheit aus, auf die globale Wirtschaft oder die Balance der Ozeane?

Rocky Mountains, Wyoming Grand Teton Nationalpark, USA

In Washington D.C. hat er inzwischen die amerikanische Regierung verklagt. Mit ihrer Ignoranz zerstöre sie die Zukunftschancen der Jugend meint der junge Aktivist. In Sydney trifft er auf Gleichgesinnte, die gegen die rückständige Energiepolitik Australiens protestieren, das noch immer auf die klimaschädliche Kohle setzt.

Mit der Geschichte des jugendlichen Klimaaktivisten Xiuhtezcatl als rotem Faden spannt der Film einen erzählerischen Bogen rund um den Globus: Beleuchtet werden Brennpunkte des Klimawandels, die bislang nur selten im Fokus standen, obwohl die bevorstehenden Entwicklungen dramatisch sind.

Statement von Xiuhtezcatl Tonatiuh Martinez

Brennpunkte des Klimawandels

Meere: Norwegen - Lebensraum im Wandel

Icon: Balance der Ozeane

In Norwegen erforscht die deutsche Meeresbiologin Heike Vester das Verhalten der Wale vor der Inselgruppe der Lofoten. Ein Dutzend verschiedener Walarten passiert die Inselgruppe im Jahresverlauf. Heike Vester stellt fest, dass der Klimawandel das Ökosystem Meer bereits verändert hat: Algenzyklen verschieben sich, Kleinstlebewesen siedeln an anderen Stellen im Meer als bisher. Die Wale haben deshalb ihre Routen bei der Nahrungssuche geändert. Die hochintelligenten Säuger haben offenbar ein feines Sensorium für die Balance der Meere.

Hoch im Norden entscheidet sich das Schicksal des Weltklimas. Hier schmilzt die arktische Eiskappe, die das Steigen des Meeresspiegels auslöst. Und hier nehmen Strömungsbewegungen ihren Anfang, die für die Balance der Ozeane als „Motor des Weltklimas“ entscheidend sind. Die Umwälzströmungen des Atlantiks wirken wie ein riesiges Energieförderband, mit dem warmes Wasser in den Norden und kaltes Wasser in den Süden transportiert wird. Der Golfstrom, verantwortlich für das milde Klima in Nordwest-Europa, ist Teil dieses Strömungssystems. Einer seiner wesentlichen Motoren ist das kalte dichte Salzwasser, welches vor Grönland und Labrador in die Tiefe sinkt. Strömt durch schmelzendes Eis im Norden mehr Süßwasser zu, könnte die Tiefenwasserbildung aufgrund der geringeren Dichte des Wassers ausbleiben und dieser Antrieb erlahmen. Die Folgen wären eine Abkühlung im Nordatlantikraum und eine Erwärmung auf der Südhalbkugel. Experten veranschlagen den Kipppunkt der atlantischen, so genannten thermohalinen Zirkulation oberhalb einer globalen Temperaturerhöhung von vier bis fünf Grad Celsius.

Globale Wirtschaft: Australien - Kohle über alles

Icon Globale Wirtschaft

In Australien schließlich werden die massiven Auswirkungen des Klimawandels auf die globale Wirtschaft deutlich. Der Bundesstaat Queensland etwa leidet unter zahlreicher werdenden Dürren; die Ernten fallen immer spärlicher aus. Gleichzeitig setzt Australien bei der Energieerzeugung unbeirrt auf Kohle und festigt damit seinen Ruf als einer der weltgrößten CO2-Emittenten. Es ist ein selbstverschuldeter Teufelskreis, gegen den die 83-jährige Farmerin Wendy Bowman seit Jahren zu Felde zieht. Ihr Grundstück ist umringt von Kohleminen, die Unternehmen wollen sie zum Verkauf ihrer Farm zwingen – doch die alte Dame will nicht weichen.

Brian Morris ist Farmer in Collinsville. Das Städtchen liegt direkt neben der ältesten Kohlemine in Queensland. Kohlestaub legt sich häufig wie ein Teppich auf die Maisfelder von Morris, seine Ernte fällt durch die häufiger werdenden Dürren immer magerer aus. Deshalb blieb dem Farmer vor zwei Jahren nichts anderes übrig, als einen zweiten Job anzunehmen: Täglich fährt er jetzt in der Spätschicht mit dem Kipplader die Schluchten der Kohlemine hinunter. Er arbeitet ironischer weise in jener Industrie, die den Niedergang seiner Farm mit verschuldet hat, indem sie den Klimawandel anheizt, der wiederum die Felder vertrocknen lässt. Noch dazu ist die Mine durstig: Sie saugt das Grundwasser im Umland auf und beschleunigt so zusätzlich den Zerfall der Landwirtschaft. Dennoch sind mehrere Mega-Kohleminen in Planung, sie werden das nahegelegene Galilee-Becken zur zweitgrößten fossilen Energiequelle der Welt machen.

Soziales Gleichgewicht: Uganda - Krieg, Flucht, Armut

Icon Soziale Sicherheit

Wie sich der Klimawandel auf die soziale Sicherheit weltweit auswirken kann, ist an Ländern wie Uganda bereits heute zu beobachten. Das Land ist von Dürreperioden, Missernten und Epidemien gezeichnet. Infolge extremen Wetters kommt es regelmäßig zu Erdrutschen und Sturzfluten. In den kommenden hundert Jahren erwartet Uganda nach Schätzungen von Wissenschaftlern ein Temperaturanstieg von drei bis vier Grad Celsius. Besonders betroffen ist die bitterarme Region Karamoja im Nordosten des Landes. Dort konkurrieren Nomadenstämme zunehmend um Weideland und Wasserreserven. Nicht selten wird der Konflikt mit Waffen ausgetragen. Verzweifelte Menschen schließen sich bewaffneten Viehraubzügen an. Viele wollen der Gewalt entfliehen, verlassen die Region und enden als Bettler in den Straßen Kampalas und anderer Städte. Etwa 50 Prozent der Bevölkerung sind gegenwärtig Binnenvertriebene. Zehntausende sind gar über die Grenzen des Landes geflüchtet.

Auch im Umfeld der zahlreichen Seen des Landes ist das Überleben für die Menschen schwierig geworden. Durch den Temperaturanstieg verdunstet das Wasser, die Seenspiegel sinken und die Wassertemperatur steigt. Für die 1,2 Millionen Fischer Ugandas ist das eine Katastrophe. Die Fangmengen gehen rapide zurück, weil die Fische sich den neuen Lebensbedingungen nicht rasch genug anpassen und immer kleiner werden. Der Fischer Charles Lugambwa am Wamalasee hat sein Handwerk schon aufgegeben und die Branche gewechselt: Heute baut er Yamswurzeln, Süßkartoffeln und Bohnen an – auf Land, das früher von Wasser bedeckt war.

Deutsche Helfer von Rotem Kreuz und der Welthungerhilfe arbeiten daran die größte Not zu lindern. In Zusammenarbeit mit einheimischen Hilfsorganisationen betreiben sie mehrere Projekte, vom Bau überschwemmungssicherer Hütten bis zur Installation von Frühwarnsystemen bei Naturkatastrophen.

Interviews mit den Experten

Überraschende Aspekte des Klimawandels

  • Extreme Wetterereignisse und aggressives Verhalten hängen zusammen. Das zeigten Studien US-amerikanischer Wissenschaftler der Harvard T.H. Chan School of Public Health. Je heißer das Klima, desto höher wird der Adrenalinspiegel im Körper, der ein anormales, aggressiven Verhalten fördert. Steigen die Temperaturen, tut dies also auch das Konfliktniveau. Außerdem beeinflusst das Klima in Agrarländern maßgeblich die wirtschaftliche Situation der armen Bevölkerung. Ändert sich das Klima abrupt, verschlechtert sich die Wirtschaftslage und Menschen könnten aus Verzweiflung vermehrt zu den Waffen greifen.

  • Der Meeresspiegel steigt. Weltweit werden Küstenregionen in den nächsten Jahrhunderten von den Meeren überschwemmt. Wie etwa in Bangladesch. In manchen Regionen der Erde jedoch passiert das Gegenteil: Die Klimaerwärmung hebt das Land an. Grund dafür sind die schmelzenden Gletscher, deren massiges Gewicht das Land normalerweise herunterdrückt. Je schneller das Eis schmilzt, desto höher „federt“ das darunter liegende Land zurück und die Berge wachsen. So zum Beispiel in Island: Die Insel hebt sich um bis zu drei Zentimeter pro Jahr. Und das könnte schlimme Folgen haben: Das schwindende Gletschereis eröffnet neue Wege, durch die Magma austreten könnte.

  • Treibhausgase lassen Satelliten schneller kreisen. Das zeigte eine Studie im Wissenschaftsmagazin "Nature Geoscience". Ein minimaler Effekt, der jedoch bei der Fernsteuerung von Fernseh-, Wetter- und Kommunikationssatelliten berücksichtigt werden muss. Die Erklärung: Das ausgestoßene CO² wirkt nur auf die unteren Luftschichten aufheizend. Weiter oben in der Erdatmosphäre führt es zu einer Abkühlung. Die kälteren Luftmoleküle sinken ab und es bleiben weniger Moleküle übrig. So sinkt der Reibungswiederstand für Satelliten und sie werden schneller.

  • Das ewige Eis schmilzt, die Meeresspiegel steigen. Eine Entwicklung, die vor allem die Küstenregionen der Welt trifft. Regionen, in denen Milliarden von Menschen ihr Zuhause haben. 10% der Weltbevölkerung leben heute in niedrig gelegenen Küstengebieten, 30% davon im direkten Überflutungsbereich extremer Sturmflutereignisse. Erwärmt sich das Klima um vier Grad Celsius, wären weltweit 470 bis 760 Millionen Menschen, die an Küsten leben, gefährdet. Anpassungsmaßnahmen müssen getroffen werden, sonst wird es teuer und gefährlich. So wird ein großer Teil von Miami Prognosen zufolge bis zum Jahr 2100 überflutet sein. Experten schätzen, dass der Klimawandel hier bis ins Jahr 2050 Schäden in Höhe von 278 Milliarden Dollar verursachen könnte. Wie wichtig es ist, die weltweiten Klimaziele einzuhalten, erkennt man bei einem Blick auf Schätzungen der US-Forschungsorganisation Climate Central: In Deutschland wären bei einem Anstieg um vier Grad 3,5 Millionen Menschen gefährdet, bei zwei Grad 1,3 Millionen.

Ausstellung in der Bundeskunsthalle

Team

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