Von der grünen Oase zur Betonwüste

Versteinern unsere Städte?

In immer mehr Großstädten müssen Esche, Linde und viele andere geliebte Stadtbäume weichen, um Platz zu schaffen für neuen Wohnraum, neue Parkhäuser und breitere Straßen. Und der Klimawandel setzt schließlich noch den letzten heimischen Stadtbäumen zu. In vielen unserer urbanen Räume vollzieht sich ein Wandel – weg von grünen Oasen, hin zur Betonwüsten.

Marklergerechter Kahlschlag

Die Tendenz ist eindeutig: immer mehr junge Leute ziehen vom Land in die Großstadt. Dazu kommt der demographische Wandel, das heißt  ältere Menschen wollen ihren Lebensabend in geräumigen, seniorengerechten Stadtwohnungen verbringen. Drei Viertel der Deutschen leben inzwischen in Städten. Der Bauboom beschert Maklern satte Gewinne. Das Grün in der Stadt hat dabei das Nachsehen. Denn durch die Schaffung neuer Wohneinheiten werden häufig bestehende  Baumreihen, Parkanlagen und Schrebergärten geopfert. Und der Zustrom von Flüchtlingen verschärft dieses Problem noch. Nachverdichten – so heißt das baupolitische Stichwort dazu, vor allem von den Grünen in die Debatte eingebracht.

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Baumfällarbeiten

Dieses Nachverdichten aber bringt Stadtpolitiker und Stadtplaner in eine Zwickmühle. Denn genau dort, wo bisher kleine grüne Inseln waren, wird nachverdichet. Dieses kompakte Zubauen von bisherigen Freiflächen geschieht angeblich auch, um innenstadtnah mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Eine durchaus diskussionswürdige Theorie. Denn bisher sind Mietpreise nicht erkennbar gefallen. Dafür aber sinkt städtische Lebensqualität ständig. Denn um versiegelte Flächen auszugleichen, müssen die Stadtherren an anderer Stelle neues Grün schaffen. Dass dieser Ausgleich aber mitunter 30 Kilometer vor den Stadttoren stattfindet, ist gesetzlich erlaubt. Doch ökologisch gesehen ist es eine Farce. Denn ein neu angepflanzter Baum auf dem Land wirkt sich auf das Stadtklima nicht aus.

Kahlschlag der Stadtbäume – dagegen kämpfen immer mehr Bürger an, sie gründen Bürgerinitiativen, sammeln Unterschriften und reichen bei den zuständigen Behörden Petitionen ein. Auch die vergangenen Mittwoch erschienene „Vierte Studie zum Naturbewusstsein der Deutschen“ belegt, dass die Menschen die sogenannte Stadtnatur besonders oft nutzen. Urheber der neuen Studie ist das Bundesumweltministerium sowie das Bundesamt für Naturschutz. In puncto Stadt-Ökologie stellt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks fest: „Es ist auch eine soziale Frage, mehr Grün in die Städte zu bringen“. Die Studie offenbart zudem noch eine erstaunliche Zahl: 94 Prozent der Befragten gehören Parks zum Stadtbild, genau wie Kleingartenkolonien.

Multitalent Baum

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Stadtbäume haben mehrere Funktionen, die für das Leben im urbanen Raum wichtig sind. So filtert das Blattwerk gesundheitsschädigenden Feinstaub aus der Luft. Die Wurzeln speichern Wasser, das in Hohlräumen nach oben steigt und über die Blätter der Baumkrone verdunstet. Ein 100 Jahre alter Stadtbaum etwa kann 114 Liter Wasser pro Tag in die Luft abgeben und dadurch die Umgebung erheblich abkühlen. Das ist für das innerstädtische Mikroklima immens wichtig. Denn im Zuge des Klimawandels heizen sich unsere Städte im Hochsommer immer mehr auf. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass sich der Baumeffekt gerade in Bodennähe, also dort wo sich der Mensch aufhält, positiv auswirkt. Die Temperatur kann bis zu sieben Grad sinken.

Geeignete Baumsorten gesucht

Ginkgo
Gingko Quelle: dpa

Die Umweltbedingungen in unseren Städten haben sich massiv verschlechtert. Deshalb suchen Forscher nach alternativen Baumarten. Sie sollen widerstandsfähig sein, etwaigen Beschädigungen durch Autos und Lkw trotzen, sich gut in die Betonwüste einpassen und pflegeleicht sein. So hat die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau im Jahr 2009 ein einzigartiges Forschungsprojekt mit dem Titel "Stadtgrün 2021" aufgelegt. Die Biologen der Landesanstalt  haben inzwischen 30 Baumarten an ausgewählten Standorten in Bayerns Städten angepflanzt. Zu den Baumarten zählen etwa Zürgelbäume aus Nordafrika, der Französische Ahorn, die spanische Eibe, die nordamerikanische Zelkove, der asiatische Gingko oder auch der japanische Dreizahn-Ahorn. Die "neuen" Bäume werden zunächst als junge Setzlinge aus den Ländern importiert. In hiesigen Baumschulen werden sie dann nachgezüchtet. Das führt zu einem Wandel in den Baumschulen: weg von heimischer Linde, Esche, Eiche oder Platane, hin zu Exoten.

Trockenstress, hartes Holz, hohe Frosttoleranz, Schädlingsresistent  – darauf werden die Bäume schließlich im Praxistest untersucht. Die Städte Heilbronn und München haben inzwischen begonnen, aufgrund der ersten Untersuchungsergebnisse ihre Grünflächen und Baumbestände umzubauen. Es wird aber Jahrzehnte dauern, bis die ersten positiven Auswirkungen von den ‚neuen‘ Bäumen ausgehen. Und es bedeutet Überzeugungsarbeit zu leisten, damit Architekten sowie Stadtplaner in ihren künftigen Planungen auf die "neuen" Bäume zurückgreifen. Das Projekt "Stadtgrün 2021" hat Leuchtturmfunktion für alle anderen deutschen Großstädte. Was allerdings nichts hilft, wenn weiterhin nachverdichtet und Wohnraum geschaffen wird, ohne stadtökologische Aspekte vorrangig einzubeziehen. Denn Städte ohne Bäume werden früher oder später Städte ohne Menschen sein.

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