Stummer Abschied - heimische Tierarten vor dem Aus

Der Zustand der Artenvielfalt in Deutschland ist alarmierend. Ein Drittel der Tierarten steht auf der Roten Liste - sie sind gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht. Nur ein Richtungswechsel der Umweltschutzpolitik könnte den Artenschwund aufhalten. Doch der ist nicht in Sicht.

In Deutschland sind etwa 48.000 Tierarten heimisch. Davon sind 16.000 Arten in ihrem Bestand bedroht. Aktuell rangieren Feldhase, Wildkatze, Rotmilan, Feldlerche, Rebhuhn, Fledermaus und Feldhamster ganz oben auf der Roten Liste. Ein Wissenschaftlerstab, bestehend aus Mitgliedern von acht europäischen Forschungseinrichtungen und Verbänden, hat dazu Mitte August 2016 eine Studie veröffentlicht, die sich mit der EU-Biodiversität befasst. Mit ernüchterndem Ergebnis. So fordern in Brüssel die Mitgliedsstaaten zwar eine ambitionierte Naturschutzpolitik, doch in der Praxis mangelt es in einzelnen Staaten an deren Umsetzung.

In Deutschland etwa machen sich seit Jahren die negativen Auswirkungen der EU-Agrarpolitik auf Feldern und Wiesen bemerkbar. Flurbereinigungen führen zu immer größeren Monokulturen. Damit einhergeht eine intensive Bodenbewirtschaftung, die ohne den Einsatz von chemischen Insekten- und Pflanzenschutzmitteln nicht auskommt. Es geht um Gewinnmaximierung auf dem Acker - dafür müssen Randstreifen und Feldrandhecken weichen. Die Folge: Vielen heimischen Tieren fehlen Nahrung, Nistplätze und Deckung. 94 Prozent unserer Rebhühner sind inzwischen verloren gegangen und der Kiebitz-Bestand ist um 75 Prozent geschrumpft - so das Ergebnis der europäischen Studie. Daher wird der Frühling in Deutschland tatsächlich immer leiser. Auf manchen Feldern und Wiesen ist es dann sogar schon ganz stumm.

Naturschutz ist Ländersache

Dass die Naturschutzpolitik in Deutschland stellenweise ein Randthema ist, gestehen inzwischen einige Landesumweltminister ein. Denn Naturschutz ist Ländersache und entsprechend unterschiedlich sind deren Maßnahmen zum Erhalt und Ausbau von Schutzgebieten. Das föderale System macht eine bundesweite Koordination schwierig. Ein gesellschaftliches Umdenken ist dringend angesagt - das gesteht auch Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) ein: "Wir müssen noch viel mehr tun, um Menschen für die Natur zu begeistern, besonders junge Menschen. Umweltbildung ist das Stichwort."

Doch es ist schwierig, beispielsweise Landwirte und Jäger für mehr Umwelt- und Naturschutz zu gewinnen. Beide Gruppen verfolgen ihre eigenen Interessen. Seit 2015 gibt es zwar das sogenannte Greening für Landwirte, die EU-Subventionen beantragen wollen. Das Greening ist ein Punktsystem, um in der Landwirtschaft einen schonenden Umgang mit den Böden zu erreichen und mehr Rückzugsgebiete für Feldhase und Co. zu schaffen. Nur wer genug Punkte erreicht, erhält EU-Subventionen. Bislang schlägt sich das Greening aber noch nicht im Landschaftsbild nieder.

Gemeinsam Lösungen erarbeiten

Ein Positivbeispiel in puncto Artenschutz gibt es in Nordrhein-Westfalen. In der Nähe von Düren versuchen derzeit Landwirte, Jäger und Umweltexperten intensiv zusammenzuarbeiten. Die ersten Ackerrandstreifen keimen wieder auf, auf den Feldern wird der Kunstdüngereinsatz reduziert und zwischen dem Weizen wachsen Kräuter. Die Jäger verzichten seit längerem schon auf die Hasenjagd - gute Voraussetzungen also, um dem Feldhasen in dieser Gegend eine Überlebenschance zu bieten. Ein Biologe, der den Dialog zwischen den Interessensgemeinschaften im Raum Düren steuert, ist überzeugt von dessen Erfolg: "Es ist extrem wichtig zu sehen, welche Zwänge ein Landwirt hat, welche Anforderungen die Jäger an die Landschaft haben. Ich glaube, wenn man da zusammenarbeitet, findet man eine Lösung." In den Dialog und die Umsetzung der Schutzmaßnahmen müssten nun allerdings die Länder, Berlin und Brüssel einsteigen. Nur so kann es gelingen, den rasanten Artenschwund in Deutschland aufzuhalten.

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