Die Aroma-Trickser

Die Täuschungen der Lebensmittelindustrie

Doku | planet e. - Die Aroma-Trickser

Immer mehr Lebensmittel sind mit Aromen versetzt. "planet e." zeigt, wie Verbraucher getäuscht werden – etwa beim Eis. Statt echter Vanilleschoten werden billige Industrie-Aromen eingesetzt.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.07.2017, 16:30
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016

Kaum ein Lebensmittel im Supermarkt kommt heutzutage ohne zugesetzte Aromen aus. Knapp 2500 zugelassene Stoffe gibt es - sie stammen aus der Natur oder werden im Labor hergestellt, zum Beispiel auf der Basis von Rohöl. Solch synthetische Geschmacksstoffe kosten nicht nur einen Bruchteil echter Gewürze oder Früchte, sondern sie garantieren der Lebensmittelindustrie auch einen stets gleichbleibenden Geschmack ihrer Produkte. Dahinter verbirgt sich ein gewaltiger Markt. Geschätzter Jahresumsatz: rund zehn Milliarden Dollar. Wie viele Tonnen Aromasubstanzen importiert oder in Deutschland hergestellt und eingesetzt werden, ist nicht bekannt, es gibt keine offiziellen Statistiken.

Für Bertram Vögele ein gutes Geschäft: Er ist Aroma-Hersteller in der vierten Generation. Sein Betrieb kreiert und liefert Aromastoffe für die Lebensmittelindustrie - vor allem für Spirituosen- und Limonadenhersteller. In seinen Labors köchelt und brodelt es in Glaskolben mit Ingredienzien aus aller Welt. Er sieht den Einsatz von Aromastoffen als selbstverständlich und völlig unschädlich an. Er liefert den Geschmack, den die Kunden bestellen. Ob die Aromen am Ende ordnungsgemäß auf den Produkten gekennzeichnet werden, entscheiden nicht die Aromaherseller, sondern die Lebensmittelproduzenten und -verkäufer.

Zulieferer aus der ganzen Welt
Die weltweit größten Hersteller von synthetischen Aromastoffen gibt es in China, dort werden die meisten künstlichen Aromen hergestellt. In den großen Chemiewerken werden Aroma-Moleküle aus dem Erdöl herausgelöst, die später zum Beispiel als Milcharoma auch in deutschem Eis landen. Ein Tropfen reicht, um viele Liter Eis nach echter Milch schmecken zu lassen. Nicht nur Speiseeis. Wanbang produziert eine große Auswahl unterschiedlichster Aromen für Kosmetika, Parfums und Pfefferminzkaugummis. „Unser Markt ist global“, erzählt Lu Ning, Geschäftsführer von Wanbang, einem der großen Aromagrundstoffhersteller. Synthetische Aromen seien billiger und einfacher zu bekommen. Und offenbar ist die Nachfrage riesig: Lu Ning kann sich über ein jährliches Wachstum von fünf bis zehn Prozent freuen.

Es gibt auch Alternativen zur Verwendung von Erdöl. So zum Beispiel die Firma Borregaard im südnorwegischen Sarpsborg. Aus jährlich einer Million Kubikmetern Holz werden hier mittels eines chemischen Verfahrens Vanille-Aromen gewonnen. 1000 Kilo Holz ergeben rund drei Kilo Vanillin. Das klingt nach wenig, jedoch benötigt man nur 250 Gramm, um 1000 Kilo Eis mit Vanillegeschmack zu versehen.

Mogelpackung für den Verbraucher
Der Einsatz von Aromen ist auch in der Gastronomie weit verbreitet. Der Kölner Lebensmittelkontrolleur Bernhard Stumm erklärt die Problematik: Bei der Hälfte der Stichproben verzeichne er Verstöße. Das Vanilleeis werde beispielsweise mit billigen Aromen hergestellt, sei auf der Karte jedoch nicht als „Speiseeis mit Vanillegeschmack“ deklariert.

Dass keine echte Vanille verwendet wird, hat einen einfach Grund: Sie ist 30 bis 50mal teurer als das Vanillearoma. Aufgrund schlechter Ernten hat sich der Preis für die echte Madagaskar-Vanille seit 2014 verdreifacht, bestätigte kürzlich das Hamburger Handelshaus Aust & Hachmann. Ohnehin könnte echte Vanille den weltweiten Bedarf am Geschmacksträger Nummer eins nicht decken. Der globale Absatz von synthetischem Vanillin beträgt 16.000 Tonnen pro Jahr, während jährlich nur 50 Tonnen echte Vanilleschoten gehandelt werden.

Aromen prägen unseren Geschmack
„Den künstlichen Aromen kann man sich kaum noch entziehen“, meint Birgit Rehlender, Expertin bei der Stiftung Warentest. Seit langem macht sie darauf aufmerksam, dass in Fertigprodukten nicht das drin ist, was draufsteht. Selbst in Tomatenketchup seien Aromen enthalten, obwohl es durch die getrockneten Tomaten schon sehr reich im Geschmack sei. „Die Verbraucher werden durch bestimmte Produkte an einen intensiven Geschmack gewöhnt“, erklärt Rehlender. Viele empfänden Produkte ohne Aromen dann als fad oder lasch, obwohl es die authentischen Geschmacksrichtungen seien. „Ich kenne kaum eine Produktgruppe, bei der nicht mit Aromen nachgeholfen wird“, konstatiert die Expertin. So können Lebensmittelhersteller bequem Billig-Zutaten verwenden und deren geringe Geschmacksintensität durch Aromen kaschieren.

Die EFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, führt seit 2012 eine Liste mit allen erlaubten Aromastoffen. 2500 sind dort aufgeführt. 400 von ihnen werden derzeit noch von der EFSA überprüft. Einige davon sind wegen möglicher Gesundheitsrisiken, wie Allergien oder Krebsgefahren umstritten. Abschließende Studien dazu stehen noch aus. "planet e." blickt hinter die Kulissen der Aromaindustrie und zeigt, wie im Labor neue Geschmacksrichtungen kreiert werden.

Vanille-Aroma aus der Natur

Interview mit Stiftung Warentest

Interview mit Aromenhersteller B. Vögele

Zusatzstoffe in Lebensmitteln

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