Bodenlos

Warum der Schutz unserer Böden existenziell ist

Wer wissen will, wie es sich anfühlt, einmal 10 Milliarden Lebewesen in den Händen zu halten, also mehr, als es Menschen auf der Erde gibt, der greife beherzt in einen Acker mit gutem Mutterboden. Regenwürmer, Asseln, Springschwänze und Tausendfüßler lassen sich noch leicht mit bloßem Auge ausmachen. Unsichtbar zwischen den Erdkrümeln dagegen tummeln sich unzählige Kleinstlebewesen. Algen, Pilze und Bakterien gibt es in solchen Massen, dass sich ihr Gewicht auf unglaubliche 1,5 Kilogramm pro Quadratmeter Boden summiert. Und genau diese Lebewesen sind es, die für die Fruchtbarkeit der Böden sorgen, in dem sie abgestorbene Pflanzenteile chemisch umbauen und so in Humus verwandeln.

Boden ist Leben

Von diesem Boden lebt die Menschheit. Fruchtbare Böden sind unabdingbar für die Produktion von Nahrungsmitteln, sei es Getreide, Gemüse oder Futterpflanzen für das Vieh. Eigentlich versteht es sich daher von selbst, dass wir alles tun müssen, um sorgsam mit dem Boden umzugehen, ihn zu erhalten und zu schützen und dafür zu sorgen, dass er nicht vom Winde verweht oder von Wassermassen weggeschwemmt wird.

Doch genau das passiert nicht. Jedenfalls nicht im ausreichenden Maß. Höchste Zeit also, dem Boden unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Die Vereinten Nationen haben 2015 zum Jahr der Böden ausgerufen und in Berlin findet zum zweiten Mal auf Initiative des Potsdamer 'Institute for Advanced Sustainable Studies' vom 19. bis 23. April die "Global Soil Week" statt, Gelegenheit für internationale Experten die Fakten zur Bodenproblematik an die Öffentlichkeit zu bringen:


Fatale Fakten

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Durch Erosion geschädigte Hänge in Äthiopien Quelle: ZDF/Claus Schenk

Mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Erde gehen jedes Jahr durch Erosion verloren. Gleichzeitig nimmt die Weltbevölkerung zu. Folge: Seit den 1950er Jahren ist die pro Kopf-Fläche an fruchtbarem Boden um 50 Prozent gesunken. Viehzucht nutzt den größten Flächenanteil. Nicht für die Tiere, sondern für den Anbau von Futterpflanzen: Weltweit sind es 33 Prozent, in der EU landen sogar 60 Prozent des Getreides in den Futtertrögen. Dabei sieht die Kalorienbilanz katastrophal aus: Für 100 Kalorien aus Nutzpflanzen, die im Tierorganismus landen, gibt es nur maximal 30 Kalorien als Fleisch zurück, oft viel weniger. Flächenverschwendung pur.


Bodenschutz stoppt Umweltflüchtlinge

Zu alldem kommen die Effekte des Klimawandels. Da, wo es schon vorher trocken war und die Bauern sehnsüchtig auf die nächste Regenzeit warteten, ist es nun noch trockener, der Regen kommt später und spärlicher. Wenn nichts geschieht, dann wandern die Menschen ab und werden zu Umweltflüchtlingen. Zusammen mit ein paar Tausend politischen Flüchtlingen stehen sie dann plötzlich irgendwo an der Nordküste Afrikas und warten auf den Transfer nach Lampedusa. Nachhaltige Bodenpolitik löst so auch ein stückweit die Flüchtlingsproblematik.


Etwa so, wie Johannes Schoeneberger von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) seit vielen Jahren Kleinbauern in Äthiopien berät und unterstützt. Sein Konzept ist einfach: Das traditionelle Wissen der Bauern ist das Fundament. Hinzukommen Erfahrungen und Ideen des GIZ-Mannes. So wird beispielsweise unwegsames Gelände zu Äckern terrassiert. Die Anlage von Wassersammel- und -verteilsystemen verdoppelt oder verdreifacht sogar die Erntemengen, weil die Pflanzen dann auch in der Trockenzeit bewässert werden können. Viel wäre geholfen, wenn die Kleinbauern endlich eigene Landrechte bekämen und in Eigenverantwortung ihr Land bestellen könnten. Ein Ansatz, der viel zu leise globalpolitisch diskutiert und eingefordert wird.


Grenzen für Europas Landwirtschaft

Auch Europas Landwirtschaft stößt ganz offensichtlich an Grenzen: 17 Prozent der Böden sind degradiert, also nur noch mäßig fruchtbar oder sogar unfruchtbar. Rund 145 Millionen Hektar sind bei uns durch Wind- und Wassererosion geschädigt. Dass die Fruchtbarkeit nachlässt, wissen auch Wissenschaftler an der Universität Hohenheim. Seit etwa 15 Jahren stagnieren die Flächenerträge von Weizen, während sie in den 50 Jahren vorher um das Vierfache zugenommen haben. Prof. Andreas Fangmeier, Leiter des "Life Science Center" in Hohenheim, sieht die Klimaerwärmung als wahrscheinlichste Ursache an.


Neuer Kolonialismus

Erkenntnis: Die Industrieländer mit ihrem aberwitzigen Konsum und die bevölkerungsstarken Länder Indien und China betreiben längst Kolonialismus der anderen Art: Sie kaufen oder pachten in fremden Ländern Ackerflächen, um allein für den eigenen Bedarf zu produzieren. Dieses 'Landgrabbing' wird vor allem in den Ländern Afrikas mehr und mehr zum Problem. Riesige Flächen werden zum Beispiel an Indien abgetreten – zur Rosenzucht. Sie fehlen dann für die Produktion von Nahrungsmitteln im eigenen Land. Denselben Effekt hat es, wenn die Ernten in den Export gehen. Zum Beispiel nach Europa. Denn 60% der Agrarflächen, die wir hier für die Selbstversorgung benötigen, liegen außerhalt der EU. Zum Beispiel in Brasilien und Argentinien, wo Soja für das Tierfutter angebaut wird.


Das alles sind fatale Fehlentwicklungen, die geradezu nach einer politischen Lösung schreien. Die nachhaltige Sicherung unserer Böden - dringend gehört dieses existenzielle Thema auf die Tagesordnung zum Beispiel der G7-Runden. Und gehandelt werden muss schnell. Denn 500 Jahre dauert es, bis auf natürlichem Weg gerade mal eine 2 cm dünne Humusschicht neu entstanden ist.

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