Brasilien – ein Land im Wasserstress

Dokumentation | planet e. - Brasilien – ein Land im Wasserstress

Die Welt blickt während der 31. Sommerspiele nach Rio auf millionenteure Wohnanlagen, Straßen, Geschäfte. Doch die Sportler könnten auf den Trockenen sitzen, denn vielerorts herrscht Wassernotstand.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 28.07.2017, 23:00

10.000 Athleten aus mehr als 200 Ländern werden zu den 31. Olympischen Sommerspielen nach Rio de Janeiro anreisen und  um Edelmetall kämpfen. Eine Goldmedaille aber geht schon im Vorfeld der Spiele an Brasiliens Regierung sowie an die Millionenstadt. Denn Misswirtschaft und Raubbau an der Natur haben dazu geführt, dass das Land langsam austrocknet.

Wasseralarm in Rio de Janeiro: Vor wenigen Monaten verkündete Rios Bürgermeister Eduardo Paes stolz, dass  man anlässlich der Olympischen Sommerspiele auch in den Bau von Wasseraufbereitungsanlagen investiert habe. Damit solle die schlechte Wasserqualität in der Stadt und entlang der Strände  verbessert werden. Doch die Bestandsaufnahme wenige Tage vor Beginn der Spiele ist ernüchternd und besorgniserregend. So ist nach wie vor der größte Teil der Favelas nicht an das öffentliche Leitungsnetz angeschlossen. Und in Rios modernem Stadtzentrum gleichen die kanalisierten Flüsse einer Kloake. Haushalte, Krankenhäuser und Industrieanlagen leiten ihr Abwasser zu 80 Prozent ungeklärt in die Flüsse. Sie transportieren die Fracht schließlich in die Buchten.

Etwa in die Guanabara-Bucht, dem Austragungsort der Surf- und Segelwettbewerbe. Wasseruntersuchungen belegen: in der gesamten Bucht sind die extrem gefährlichen KPC-Keime nachweisbar. Erschreckend auch die Situation in der Lagune Lagoa Rodrigo de Freitas. Sie ist die Wettkampfstätte für Ruder- und Kanusport. Bis zu 1,7 Milliarden Adenoviren sind dort pro Liter Wasser enthalten. Für Sportler birgt das ein akutes Gesundheitsrisiko. Und André Corrêa, Staatssekretär im brasilianischen Umweltministerium, gesteht ein: „Brasilien nimmt bei der Wasserversorgung eine große soziale Schuld auf sich. Wir hatten zwar einen Kostenvoranschlag für eine umfassende Abwasseraufbereitung eingeholt. Aber der Staat und vor allem Rio befindet sich derzeit in einer schweren Finanzkrise.“

Wasserverschwendung für Prestigeobjekte

Die Finanzkrise machte sich dagegen beim Bau von Prestigeobjekten nicht bemerkbar. Die Olympischen Sommerspiele sollen helfen, das Image der zweitgrößten Metropole Brasiliens  aufzupolieren. Um aus der Zweitklassigkeit herauszukommen haben die brasilianische Bundesregierung und die Stadt Rio umgerechnet 10 Milliarden Euro in den Ausbau der  Infrastruktur sowie den Neubau des olympischen Dorfs investiert. Dass dafür auch Umweltschutzgebiete geopfert werden mussten, hat die Bauindustrie wenig interessiert. Um Auftrag und Grundstückskauf gibt es viele Korruptionsvorwürfe. Nach den Spielen sollen die neu errichteten Appartements für Sportler und Trainer an wohlhabende Käufer übergehen. Noch werden die Grünanlagen rund um die modernen Hochhäuser  mit Frischwasser bewässert. Doch die Wasserspeicher dürften bald verbraucht sein.

Zerstörung des natürlichen Wasserreservoirs

Eigentlich zählt das Amazonasbecken zu einem der wasserreichsten Gebiete der Welt. Der Regenwald speichert das Wasser mit Hilfe der tiefreichenden Baumwurzeln. So können unterirdische Wasserreservoirs ständig frisches Wasser in die Flüsse leiten. Doch pro Minute geht eine Waldfläche in Fußballfeld-Größe verloren. Brandrodungen schaffen Platz für Weideflächen und Sojaanbau. Zudem spült das Tropenholz  Milliardengewinne in die Kasse. Riesige Kahlschläge führen zur Verödung des Bodens – er heizt sich auf. Und es findet keine Verdunstung mehr über das Blattwerk statt, so dass weniger Feuchtigkeit in die Atmosphäre gelangt. Folge: Regen bleibt aus, Trockenperioden lassen unterirdische Wasserreservoirs austrocknen. So sinkt auch der Pegel der Flüsse. In einigen Regionen des Amazonas ist die Durchschnittstemperatur in den vergangenen Jahren um fünf Grad gestiegen. Tankwagen müssen vielerorts die Menschen mit der lebenswichtigen Ressource versorgen – doch davon kommt immer weniger an. „Heute müssen wir das meiste Wasser kaufen. Wenn es der Tankwagen nicht mehr bis zu uns schafft und wenn es bis zum nächsten Monat nicht regnet, dann werden unsere Tiere verdursten“ – so klagen die Farmerfamilien in den ländlichen Regionen.

Anzapfen der Flüsse

Der Kampf ums Wasser wird noch verschärft durch die intensive Landwirtschaft. Über ein Viertel der Gemüse- und Obstprodukte geht ins Ausland. Um noch mehr Devisen zu erwirtschaften, wollen die Großunternehmer ihre Monokulturen vergrößern. Bewässerungsanalgen sind auf den Papaya-, Mango- und Traubenplantagen permanent im Einsatz. Das Wasser hierfür wird aus den noch verbliebenen wasserreichen Flüssen gepumpt. Es kommt daher nicht mehr bei den Menschen in den Megacities wie Rio de Janeiro oder Sao Paulo an. Caio Ferraz ist Umweltaktivist in Sao Paulo und bringt es auf den Punkt:  „Wir haben lange so getan, als ob das Wasser eine unendlich verfügbare Ressource wäre. Doch jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir schmerzhaft erfahren müssen, dass der angebliche Fortschritt keinen Sinn macht und uns in die Katastrophe führt“.

Bauboom, Exportboom, Prestigesucht – Verlierer dabei ist Brasiliens Bevölkerung. Denn für sie wird Wasser mehr und mehr zu einem Luxusgut.

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